Wer rappt, trägt Verantwortung

Hip Hop und seine transformative Kraft im Kampf gegen Rassismus

Mit der Annahme, dass ich mich in den nächsten Monaten mit Salsa und Reggaeton anfreunden müsste (obwohl ich dies tatsächlich mittlerweile tue), wurde ich bereits in meiner ersten Woche in La Habana eines besseren belehrt. Auf einen meiner Irrwege durch Centro Habana lief ich zufällig an der “Agencia de Rap” vorbei. Ich dachte mir “Wow, nice! Was ist das denn?” und stolperte vor den Wachmann um zu fragen. Der zeigte nur auf das Plakat vor der Tür worauf “Simposio de Hip Hop” stand. Da neben sah ich ein komplett 5-tägiges Festivalprogramm mit Workshops, Konzerten und Präsentationen rund um Hip Hop als Bildungsarbeit, Kunst, politische Bewegung etc. mit Künstler*innen und Aktivist*innen aus ganz Lateinamerika. Jackpot!!! Voller Begeisterung stürzte ich mich aufs erste Hip Hop Konzert in der damals noch mir unbekannten Madriguera. Heute, 7 Monate später, ist die Madriguera ein mir wohl bekannter Ort, wo regelmäßig Hip Hop und Kulturevents stattfinden, weil es ein öffentliches Jugendkulturzentrum ist. Heute weiß ich, dass die Agencia de Rap, Teil der staatlichen Kulturarbeit ist, die verantwortlich ist für die Förderung von Künstler*innen und Veranstaltungen der Hip Hop Szene, wie das Simposio de Hip Hop, was ich damals entdeckte. So, werden von der Agencia zum Beispiel auch regelmäßig “Peñas”(freie, offene Konzerte) auf öffentlichen Plätzen, Basketballfeldern u.ä. organisiert, wo das ganze Viertel am Start ist- die Muttis schauen aus dem Fenster, die Kids rennen zwischen dem Publikum und der “Bühne” umher, Touris laufen vorbei und bleiben stehen, die Bauarbeiter pausieren ihre Arbeit und wippen mit, die Alten stellen ihre Schaukelstühle raus…

Wie in aller Welt, ist Hip Hop auch hier eine Bewegung, eine gelebte Kultur, und ich hatte das Glück Freundschaften in der Szene schließen zu können, und einige Community Projekte kennenzulernen und auf zahlreichen selbstorganisierten (d.h. unabhängig von der Agencia de Rap)  Peñas dabei zu sein. Auch in Kuba ist Hip Hop ein Sprachrohr der Marginalisierten, vorallem der schwarzen Community. Neben Liebe und Leidenschaft, und leider oft auch Machismus und Materialismus, sind Leitthemen vorallem die alltäglichen Struggles und soziale Probleme, wie Diskriminierung und Rassismus. Es ist wie auch in anderen Teilen der Welt eine sehr Männer*- dominierte Szene, obwohl ich auch einige wirklich talentierte Rapper*innen gesehen habe u.a. La Fina, La Nena, La Reyna y La Real. Eines der Gemeindeprojekte ist “R.A.P.- Rima, Amor y Poesía”, ein Freund*innenkollektiv, die jeden ersten Samstag im Monat in einem “Problemviertel” Playas, in Romerío eine offene Bühne für Leute aus dem Kiez und andere lokale Künstler*innen anbieten. Sie selbst haben vor kurzem ihre erste Platte aufgenommen, die mensch auf den Peñas auch zu hören bekommt. Da Veröffentlichungen im Netz immer noch eine finanzielle und technische Hürde darstellen, und weniger zugänglich ist für die Kubaner*innen, werden die Songs generell über “USB Propaganda”, d.h. von Stick zu Stick weitergereicht, oder von Peña zu Peña präsentiert, sozusagen direkte Vermarktung. Die meisten Freund*innen, die ich kenne, die Musik machen, leben nicht davon, sondern es ist ihre Leidenschaft, es ist was sie treibt, was sie am Leben hält, und das wirklich ständig und überall (mit Lautsprechern auf der Straße wird an jeder Ecke, in jeder Gasse, an jeder Bushalte “Rhymes und Beats gespittet”).

In unserem Uni- Kurs “Sociología de Genero y Raza” (einem grandiosen Kurs, in dem wir uns u.a.mit schwarzen Feminismen, afrokubanischer Kultur, Ungleichheiten im Bildungssystem, Kubanität/ Konstruktion der kubanischen Nation auseinandergesetzt haben) hatten wir die große Ehre “Obsesión” – die Mitbegründer des kubanischen Conscious Rap kennenzulernen, die vor über 20 Jahren mit Hip Hop als Hobby und Überlebenswerkzeug während der Spezialperiode anfingen. Über die Jahre entwickelten sich Magia López und Alexey Rodríguez Mola zu Aktivist*innen und professionellen Künstler*innen, und Ikonen des kubanischen Hip Hops.

“In den frühen 90er Jahren gab es in Kuba noch kein Hip Hop. Kuba war ein Land der Salsa- Musik. Hip Hop war etwas aus den Staaten, und damit automatisch konterrevolutionär und verwerflich. Aber wir sahen in Hip Hop auch eine Möglichkeit für uns, ein Mittel des alternativen Kampfes und des Widerstandes in unseren eigenen Barrios (Kiezen).”, erzählt Magia. In ihren Songs spricht das Duo über Sexismus, Rassismus, Kolonialismus, Schwarzsein, Frau*sein, alles wird auf kreativer Art auf den Tisch gehauen. Singen und Rappen bedeutet eine Stimme zu haben, und damit Verantwortung zu tragen. Über ihre Musik wollen sie neuen Raum für Wissensproduktion und -transfer schaffen, kreative Zugänge zu Bewusstseinsbildung und vorallem auf innovative Art gegen die sexistischen Tendenzen der Szene protestieren. Hip Hop sei populäre Bildung, ohne Druck und Formalitäten werden Menschen sensibilisiert.  Sie sehen sich als Teil dessen, was sie rappen; und sie nehmen “Community” ernst. Über ihre Arbeit als Aktivist*innen und “Community- Builder” möchten sie das Konzept von Gemeinschaft transformieren, in einen inklusiven und partizipativen Raum. “Nicht nur das Barrio ist eine Community, sondern auch  Menschen, die ähnliche Realitäten, Probleme, Interessen und Bedürfnisse teilen, wie z.B. Kinder, ältere Menschen, Schwarze.” Über Konzerte, Workshops, Präsentationen, Debatten, Reden, Konferenzen, versuchen sie diesen verschiedenen Communities eine Plattform zu geben und mithilfe einiger fundamentaler Elemente des Hip Hops: Rap, Spoken Word/ Poesie und Djing- sich zu erleben und Wissen über sich selbst und die Gesellschaft zu gewinnen.

Sie geben auch Workshops in Schulen und Unis. Eine kleine Anekdote aus unserem Kurs:

Ich erinnere mich wie emotional es für eine schwarze Studentin im Kurs wurde, als wir Obsesión’s Musikvideo “Los Pelos” schauten und es um den Afro ging. In Kuba benutzt mensch umgangssprachlich sehr oft für Afrohaar den Begriff “Pelo Malo” (= schlechtes Haar), ein äußerst diffamierender Begriff, welcher widerspiegelt wie sehr Rassismus noch in den Köpfen der Menschen verankert ist (trotz Beseitigung institutioneller Rassismen[1]!). Eine Gesellschaft, in der die Mehrheit schwarz* bzw. nichtweiß* ist, die jedoch weiße* Menschen als ästhetische und intellektuelle Norm sieht, und alles, was dem nicht entspricht als minderwertig betrachtet oder missachtet, zeigt, dass hunderte Jahre Versklavung und Kolonialisierung von afrikanischen und anderen Völkern (z.B. auch chinesische Zwangsarbeiter*innen auf Kuba) auch nach fast 60 Jahren sozialistischer Revolution immer noch Spuren im Denken und Handeln der Menschen hinterlassen. Revolution ist ein Prozess, so auch das Revolutionieren von Denken und Handeln, wie das Aufdecken und Entlernen von rassistischer Sozialisierung und Kultur. Fragen wir uns, warum müssen sich so viele schwarze Frauen hier und in der Welt so schädliche Chemie auf ihre Haare schmieren um ihre schönen Locken zu glätten? Warum werden Menschen aufgefordert ihren Afro, oder ihre Dreads zusammenzumachen, abzuschneiden oder irgendwie zu verstecken? Warum werden Schwarze mehr auf der Straße kontrolliert, und müssen sich rechtfertigen, wenn sie mit Weißen rumlaufen, in eine Hotellobby oder in ein schickes Restaurant gehen? Warum ist es in einem mehrheitlich schwarzen Land so schwer Kosmetik und Beauty- Produkte für Schwarze, angefangen von einem Afrokamm, zu finden? Warum sind die meisten Puppen, Comic- und Werbefiguren, Fernsehstars, Held*innen, Revolutionäre* und jegliche menschliche Repräsentationen weiß? Warum ist die Mehrheit in den meisten meiner Uni Kurse weiß, obwohl ich auf der Straße mehr Schwarze sehe? Warum sind das Service- Personal, die Bauarbeiter, Putzkräfte etc. meistens schwarz? Schauen wir uns um, fragen wir uns und dann lasst uns entlernen!

Desweiteren organisieren Obsesión Treffen mit alten Menschen, in denen sie mit Spezialist*Innen z.B. häusliche Gewalt gegenüber Alte thematisieren.

2016 haben sie den “Club de Espendrú (kubanische Bezeichnung für Afro)” zum Erfahrungsaustausch für schwarze Intellektuelle, Künstler*innen und Aktivist*innen gegründet. Auch das Simposio de Hip Hop wurde ursprünglich von ihnen als Plattform zum Austausch von Künstler*innen und Aktivist*innen aus sozio- kulturellen Projekten initiiert. Heute wie damals sei es ein Raum für populäre Bildung, zivile Orientierung (d.h. ziviles Verhalten z.B. Rechte auf der Straße, auch mit Afro und Dreadlocks (!)) und korporale Ausdrucksformen.

Und auch Obsesión haben in ihrem Barrio in La Regla auf einem Parkplatz in der Mitte des Kiezes jeden 3. Sonntag im Monat eine Peña, die immer wieder für Überraschungen sorgt, von jung bis alt, Amateure und Profis, Familien, Freund*innen, eine Vielfalt an Leuten zusammenbringt.

 

In all ihren Aktivitäten versuchen sie die Community, mit Künstler*innen, Aktivist*innen und Akademiker*innen zusammenzubringen, denn wir alle seien verantwortlich für neue Räume der Bewusstseinsschaffung!

Am 29.03.2018 organisieren sie einen alternativen Austausch zum Thema “El Negro en Cuba”, in dem ein Verständnis für die Position von Schwarzen in der Gesellschaft geschaffen werden soll, in dem über Erfahrungswissen Schwarze und NichtSchwarze zu Schwarzsein und der Kolonialgeschichte Kubas sensibilisiert werden sollen. Es soll ein dekolonisierender Raum sein, d.h. die Wurzeln der Geschichte von Rassismus soll auf den Grund gegangen werden und koloniale Strukturen aufgedeckt werden.

Als ich Magia um ihre Meinung zur verbreiteten Phrase “In Kuba gibt’s kein Rassismus mehr, wir sind alle Kubaner*innen.” bat, antwortete sie mir bemerkenswert mit kubanischer Einheitsstärke:

“Wir sind alle Kubaner*innen!” ist unsere politische Pflicht und Aufgabe, die wir brauchen um uns zu vereinen, um einen gemeinsamen Kampf für die Revolution zu führen, um die Revolution und ein unabhängiges Kuba zu verteidigen. Es ist essentiell und notwendig für die nationale Einheit. Wir können das sagen, ohne dabei zu ignorieren, dass es rassistische, patriarchale, … Probleme gibt. Wir sollten anfangen als Ausgangspunkt unserer Arbeit die Armut und Ungleichheit der Menschen zu nehmen, und nicht dessen Identität.”

 Zum Schluss, für die spanisch- sprechenden Menschen unter euch eine weitere wertvolle Perspektive zum Thema

“En Cuba nadie es racista”
von Alexis Díaz- Pimienta

En Cuba nadie es racista
hasta que te traen a casa
a un yerno que peina “pasa”
(más oscuro a simple vista).
Cuando esto pasa la pista
familiar echa candela.
La madre white se desvela.
El padre white rabia, grita.
“Y yo no sé hacer trencitas”,
dice bajito la abuela.

En Cuba nadie es racista
hasta que, lleno de antojos,
a la niña de tus ojos
un negrito la conquista.
¿Fue en la fiesta cederista?,
pregunta el padre enojado.
¡Seguro que te ha embrujado!,
dice la madre asustada.
¿No estarás embarazada?
(el hermano y el cuñado).

En Cuba nadie es racista
–quien lo diga se equivoca–
hasta el día que te toca
un Jefe “percusionista”.
Jode, hay que ser realista,
que un negro tenga poder.
Y si es negro y es mujer
entonces mucho peor
porque ante el primer error
“¡negra tenía que ser!”

Lo del racismo cubano
es racismo extraoficial,
“anticonstitucional”,
pero que siempre está a mano.
A nadie en su juicio sano
se le ocurre, o se despista,
confesar ser un racista.
Pero a nivel psicológico
hay algo que vuelve “lógico”
lo étnico-exclusivista.

Siempre está el blanco gracioso
que si ve un negro en la esquina
habla de robo y gallina
creyéndose muy chistoso.
Y es mucho más peligroso
el que bromea y se alegra
al decir que más se integra,
o que es mejor ir –¡de tranca!–
al funeral de una blanca
que a los quince de una negra.

Lo del pelo malo ajeno,
lo de adelantar la raza,
son la típica amenaza
que abona más el terreno.
“Ay, qué negrito tan bueno”.
“Parece blanco. Es decente”.
“Negro, pero buena gente”.
Todas esas frases hechas
no son frases, sino flechas
directas al subconsciente.

Y si un policía ve
en las turísticas zonas
a un grupo de diez personas
le pide al negro el carné.
Siempre es así. Yo lo sé.
Lo he vivido en la piel mía.
Lo raro es que el policía
casi siempre es negro igual.
¿Es lo psíquico-racial?
¿Será psico-antipatía?

O el que mira a una mujer
negra que exhibe un cuerpazo
y dice: “¡vaya fracaso!,
¡qué blanca se echó a perder!”
Mucho tiene que joder
aceptar la afro-belleza,
o la negra fortaleza
a no ser que llegue el día
en que la eros-energía
desconecta la cabeza.

En Cuba nadie es racista
hasta que un negro, qué mal,
se las da de intelectual
en vez de ser deportista.
Que si cultura negrista,
que si primer expediente.
Y como es inteligente
un día la suelta al suegro:
“Asere, yo no soy negro,
yo soy afro-descendiente”.

En Cuba nadie es racista
hasta que –bastante triste–
el racismo se hace chiste
y el racista es ¡qué bromista!
Manjar para el humorista
es el tópico racial.
Y nada pasa, al final
la risa es terreno franco,
el blanco tiene humor blanco
y el negro se ríe igual.

Eso sí. No todos son
racistas, faltaba más.
Hay jabao y salta-atrás
Y mulato y cuarterón…
Al que le sirva el sayón
que se lo ponga.
Es castigo lírico. Yo solo digo.
como decía Martí
“raza hay una sola” y
todos tenemos ombligo.

También algunos dirán,
que al menos en Cuba entera
ni se conoce ni impera
la sombra del Ku Kux Klan.
Que los racistas están
en desventaja gregaria.
Encomienda necesaria
para la Cuba futura:
incluir la asignatura
“Raza Martiana” en primaria.

 

Video Obsesión “Los Pelos”

Video Obsesión “Esta es mi mama!”

 

* schwarz, nichtweiß, weiß werden hier als Konstrukte benutzt, die gesellschaftliche Machtpositionen und -strukturen ausdrücken, und nicht auf die Hautfarbe begrenzt sind.

[1]          Unter institutionellem Rassismus lassen sich rassistische Praxen verstehen, die aus Institutionen hervorgehen. Institutioneller Rassismus bewirkt benachteiligende Handlungspraxen gegenüber Minderheitenangehörigen. Ihre Ausgrenzung, Benachteiligung oder Herabsetzung ereignet sich in gesellschaftlich relevanten Einrichtungen wie beispielsweise bei der politischen Beteiligung (Verweigerung des Wahlrechts), auf dem Wohnungsmarkt, im Bildungssystem, auf dem Arbeitsmarkt, im Gesundheitssystem etc. (ref. Migrationsrat Berlin Brandenburg e.V. 2011).

 

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Kunstausstellung „Paco entre Nosotros“ – Paco unter uns

Am 15.12.2017 wurden wir zu der Ausstellung „Paco entre Nosotros“ eingeladen. Der Spanier Paco Bernal Gil war Maler mit Down Syndrom. Die Ausstellung wurde als Ehrung des sechs Monate zuvor verstorbenen Künstlers von den zwei jungen plastischen KünstlerInnen Lizbeth Labañino und Samuel Dubrocq initiiert, unterstützt vom ICAP – Instituto Cubano de Amistad con los Pueblos (Kubanisches Institut für Völkerfreundschaften) und dem „Comité Internacional Paz y Dignidad a los Pueblos“ (Internationales Komitee für Frieden und Würde der Völker). Lizbeth Labañino, die Tochter von einem der Cuban 5 (mehr dazu hier) Ramón Labañino, lernte Paco Bernals Kunst und seine aktive Unterstützung der Cuban 5 während des langen Kampfes um die Befreiung dieser kennen. In Pacos Worten: „Yo lucho con mi pintura por la libertad de mis amigos Gerardo, Antonio, Fernando, René y Ramón.“ (“Mit meiner Kunst kämpfe ich für die Freiheit meiner Freunde Gerardo, Antonio, Fernando, René und Ramón.” – Paco Bernal Gil). Es waren Menschen wie Paco Bernal, die die Rückkehr der fünf Helden unterstützt und möglich gemacht haben. Weiterlesen

Proyecto Sociocultural Ventana al Valle in Viñales

Meine erste kleine Entdeckungsreise, die ich in Kuba auf eigene Faust unternahm, führte mich zu einem kleinen Nachbarschaftsprojekt, namens Ventana al Valle (Fenster zum Tal), in Viñales.

Viñales ist ein kleiner, im Westen der Insel gelegener Ort, der von nicht mehr als 30.000 Personen bewohnt wird. Der Westen Kubas ist berühmt für seine atemberaubende Naturlandschaft: Die hügelige Region ist ein Flickenteppich aus fruchtbaren, rostroten, von Pflügen zerfurchten Feldern, die von strohbedeckten Trockenscheunen, den Tabakhäusern, umgeben sind“, so Lonely Planet. Ein Meer aus grünbewachsenen Bergen macht die Region zum Magneten für Wander_innen. Das Tal von Viñales ist gespickt mit mogotes (Kalksteinmonolithen) und wurde 1999 zur Unesco Weltnaturerbstätte erklärt. Die Anziehungskraft auf natur- und/oder tabakliebende Tourist_innen ist erstaunlich. Viñales stellt nach Havanna und Varadero den drittmeist besuchten Ort Kubas dar. Weiterlesen

Intergration im Grünen

Wir stehen an der Avenida Salvador Allende, einer lauten, stark befahrenen Hauptstraße mitten in Havanna. Die typischen, alten Ladas und überfüllten Busse rauschen vorbei, Kollektivtaxis laden Leute neben uns ein und aus, immer wieder drücken sich Menschen an uns vorbei, um ihrem Alltag nach zu gehen. Einige cuenta propistas (Selbstständige) in quietsch-bunten Oldtimern fahren Touristen mit roten Köpfen und dicken Kameras die Straße hoch zum Revolutionsplatz, damit sie ihre obligatorischen Urlaubsfotos mit dem Che Guevara Wandgemälde machen können.

Der typische Havanna-Trouble also. An dieser Straße befindet sich auch der Botanische Garten „Quinta de los Molinos“. Als wir ihn betreten, fühlt es sich an, als würden wir den ganzen Lärm der Straße meilenweit hinter uns lassen, obwohl dieser nur zehn Meter hinter uns liegt. Plötzlich ist es ruhig, man hört das Rauschen des Windes in den Bäumen, einige Vögel, die Luft fühlt sich sauber und klar an. Dank der Atmosphäre fühle ich mich sofort entspannt und ruhig in diesem Garten.

Freizeit für alle

Der Ort hat viele Phasen durchgemacht: lange hat er der Erholung und Freizeit der spanischen Obrigkeit zugestanden, dann war er wegen Restauration geschlossen, aber nun können ihn endlich alle Kubaner genießen. Die Grünanlage ist zwar nicht öffentlich, trotzdem ist er jedem zugänglich, im Rahmen von Führungen, Projekten, Workshops, Vorstellungen, etc. Seit 2011 finden hier auf den 4,8ha Gartenanlage zwischen verschiedenen tropischen Pflanzen Umwelt- und soziokulturelle Projekte statt.

Es werden hier insgesamt 18 unterschiedliche Workshops für verschiedene Zielgruppen angeboten. Den Kindern und Jugendlichen aus den umliegenden Schulen des Viertels soll vor allem Umweltbewusstsein näher gebracht werden. Dazu bekommen sie Führungen durch den Park, besuchen die verschiedenen Tiere des Gartens und das Schmetterlingshaus, welches errichtet wurde, um die Population der Insekten auf der Insel zu erhöhen. Für Rentner werden verschiedene Kurse angeboten, um ihren Alltag im Alter zu gestalten, zum Beispiel Tai Chi, Fotografie, Malerei oder Tanzkurse. Darüber hinaus gibt es verschiedene Events, Festivals und Expositionen während welchen die ganze Familie den botanischen Garten besuchen kann.

La Quinta por la Inclusión

Seit 2014 existiert das Projekt „La Quinta por la inclusión“, ein Projekt für Jugendliche mit körperlichen und mentalen Behinderungen. Das Ziel ist die Inklusion der Jugendlichen in die kubanische Gesellschaft. Sie sollen hier bestimmte Fertigkeiten erlernen, damit sie ihren Alltag besser alleine meistern können und Autonomie erreichen.

Die soziale Integration ist für die Jugendlichen deshalb so schwierig, weil ihre Eltern ihnen oft nicht genug zu trauen. Sie behüten sie zu stark aus Angst um sie, und schließen sie dadurch leider aus dem normalen Gesellschaftsleben aus. Denn sie erlernen die alltäglich benötigten Fähigkeiten nicht: zum Beispiel wie man mit Geld umgeht oder abwäscht. Hier werden sie nicht nur in Kursen aufs selbständige Alltagsleben vorbereitet, sondern auch dazwischen: Nach dem gemeinsamen Mittagsessen helfen die Jugendlichen beim Abwasch. Auch wenn ihnen ein Teller kaputt geht, soll ihnen klar gemacht werden, dass das normal ist, und sowas jedem mal passiert. Denn solche Ereignisse nehmen die Jugendliche stark mit, da sie nicht gelernt haben, ihre Gefühle zu kanalisieren.

Ihnen werden Gärtnerei, Pscioballet – Eine Mischung aus Physiotherapie und Ballett, Filmkurse, welche zum gemeinsamen Diskutieren anregen sollen und Kunst- und Theaterkurse angeboten. Im Videospielkurs soll ihnen der Umgang mit Computern beigebracht werden. Es gibt auch einige kombinierte Kurse, zum Beispiel helfen die Rentner den Jugendlichen gerne beim Basteln. Außerdem gibt es Zootherapie, hier sollen sie lernen wie man Verantwortung für jemand anderes übernimmt. Einmal in der Woche besucht sie eine Tierärztin mit verschiedenen Haustieren. In Fotografie lernen die Jugendlichen sich selbst besser wahrzunehmen und stolz auf ihre geschaffenen Werke zu sein. Durch diesen Kurs werden sie auch an die „normale“ Gesellschaft angebunden, denn sie nehmen regelmäßig an verschiedenen Fotowettbewerben teil. Darüberhinaus bietet das Projekt Beratung und Unterstützung für die Eltern an, damit sie lernen, wie man mit einem behinderten Kind umgeht, wie man es gleichzeitig schütz und unterstützt, ohne ihnen ihre Autonomie zu nehmen.

Viele der Jugendlichen verbringen den ganzen Tag im Projekt, bis ihre Eltern sie wieder abholen. Das verschafft ihnen eine  Alltagsstruktur und regelmäßige soziale Kontakte. Er ermöglicht ihnen Freiheit und Verantwortung, und hilft ihnen aus ihrer sozialen Impotenz raus. Mittlerweile sind sogar 8 der Teilnehmer als Gärtner im Quinta de los Molinos angestellt. Ihnen wird natürlich auch gezeigt, wie man dann mit ihrem eigenen Gehalt umgeht. Allgemein wird auf Kuba darauf geachtet, Menschen mit körperlichen und mentalen Behinderungen in allen staatlichen Betrieben zu intergrieren.

Alle sozialen Projekte im botanischen Garten werden durch die Einahmen der Museen von Havanna finanziert. Jetzt wo ich weiß, dass die „Oficina del Historiador“ (Amt der Historiker) seine Einahmen für gute Zwecke benutzt, ist es weniger schmerzhaft, dass mein Freund 8 CUC (ungefähr 7 Euro) für das Revolutionsmuseum zahlen musste, während es mich  dank meines  Residenzausweises nur knapp 30 Eurocent gekostet hat. Denn es kommt guten Projekten wie diesem zu gute.

Hier geht es zu weitern Artikel von Julia

 

 

Als Doppelagent zwischen CIA und MININT – Raúl Antonio Capote

Vergangene Woche hatten wir als Teilnehmer_innen des Proyectos die Ehre einen für den aktuellen revolutionären Prozess Kubas bedeutenden Mann kennenzulernen. In einem persönlichen Gespräch schilderte er uns seine Lebensgeschichte.

Raúl Antonio Capote ist ein heute 57-jähriger, vom äußeren Erscheinungsbild eher unauffälliger Zeitgenosse. Seine Lebensgeschichte ist jedoch umso beeindruckender und zeigt, wie die USA noch immer eine kaltblütige, mal subtile, mal offene Strategie zur Untergrabung Kubas fahren. Dazu zählt die seit fast 60 Jahren aufrechterhaltene Wirtschaftsblockade, welche direkten Einfluss auf das Leben eines jeden und einer jeden Kubaner_in hat und keineswegs als Geheimnis gilt. Der kulturelle Krieg zur ideologischen und letztlich politischen Annexion Kubas an die USA ist eine Strategie, die der Öffentlichkeit bewusst vorenthalten wird. Biografien, wie die Capotes geben einen kleinen Einblick in die skrupellosen Strategien der US-amerikanischen Politik gegen Kuba. Weiterlesen

Sieben Filme für 40 Cent

Es ist Dienstag, kurz nach zehn, wir stehen vor dem Kino Yara und warten auf kubanische Freunde. Wir haben uns verabredet um uns einen Film anzusehen. Der komplette Platz vor dem Kino ist voll mit Kubanern, die sich alle herausgeputzt haben.

Der Grund – zum 39. Mal findet das internationale Festival des lateinamerikanischen Kinos in Havanna statt. Vom 8. bis zum 17. Dezember hat man in 14 teilnehmenden Kinos in der ganzen Stadt die Möglichkeit mehr als 400 Dokumentationen, Komödien, Dramen und Opern aus Lateinamerika, aber auch aus anderen Ländern zu sehen.

Bereits vor einer Woche hatten wir unseren Kinopass an einem der zahlreichen Kinos in Havanna geholt. Für 40 Eurocent, was umgerechnet auch für die Kubaner wenig Geld ist, erhält man einen Kinopass mit sieben Eintritten.

Als die Kubaner mit Verspätung auch vor dem Kino auftauchen, stellen wir uns in die Schlange, einige Personen verkaufen Süßigkeiten und Popcorn, wir decken uns für die Wartezeit ein. Die Schlange vor dem Kino ist meterlang und wir stehen nicht besonders weit vorne, ich mache mir Sorgen, dass wir vielleicht nicht mehr reinkommen werden. Kurz vor halb 11 werden die Türen aufgemacht und innerhalb von zehn Minuten sind alle Menschen im Kinosaal. Drinnen bin ich erleichtert, das Kino ist riesig, alle finden einen Platz, denn es ist für 1000 Leute ausgelegt.

Die Atmosphäre im Kino ist entspannt und statt Werbung werden Clips verschiedener Kampagnen gezeigt. Ein Video der Kampagne für Frauenrechte „tu eres más“ (Du bist mehr) macht auf die sexuelle Emanzipation der Frau aufmerksam. Ein Anderes wirbt für eine Hilfshotline, welche man anrufen kann, wenn man Fragen zu Themen wie Verhütung, Geschlechtskrankheiten und Sexualität hat. Während man sich in Deutschland durch eine halbe Stunde Werbung vor den Filmen quälen muss, wird die Zeit hier genutzt, um Probleme wie Sexismus zu bekämpfen und die Gesellschaft aufzuklären.

Los buenos demonios

Der Film den wir uns anschauen heißt „Los buenos demonios“, eine kubanische Produktion und einer der beliebtesten Filme des Festivals. Er handelt von einem selbstständigen Taxifahrer, der als eine weitere Einnahmequelle ausländische Touristen ermordet und ihre Wertsachen behält. Sein Freund, ein selbstständiger Restaurantbesitzer, betreibt ebenfalls schmutzige Geschäfte, kauft illegale Waren ein und beschäftigt den Taxifahrer illegal als Zulieferer.

Außerdem wird der Konflikt zwischen den sogenannten „cuenta propistas“ (Selbstständigen) und dem Rest der kubanischen Gesellschaft dargestellt. Der Taxifahrer eckt immer wieder mit seiner Mutter, aufgrund von verschiedenen Moralfragen, an. Ein alter Bekannter des Restaurantbesitzers besucht ihn in seinem Lokal und macht ihn darauf aufmerksam, dass Menschen bei ihm mehr als eine kubanischen Mindestlohn da lassen, Menschen ohne Deviseneinahnen könnten sich nicht den selben Lebensstandart wie er leisten, und er wäre Teil des Problems, was Ungleichheit unter Kubaner schaffen würde.

Während mir aufgrund der ganzen Moralfragen und Probleme die im Film dargestellt werden,  die die doppelte Währung mit sich bringt, ganz mulmig wird, nimmt der Rest des Saals die Sache mit Humor. Sie können über ihre Probleme lachen und sind bereit sich mit ihnen auseinanderzusetzen,  die dargestellten Probleme zu kritisieren und zu diskutieren. Der Aspekt der Kritik und Selbstkritik ist in einer sozialistischen Gesellschaft wie der Kubanischen essenziell, um sich an Problemen weiterzuentwickeln und den kubanischen Sozialismus weiterzuentwickeln.

Bildung auf der großen Leinwand

Das Motto „Ver para crecer“ des Festivals (sehen, um daran zu wachsen) wird nicht nur durch das Aufzeigen und Kritisieren von gesellschaftlichen Problemen erfüllt. Es werden auch viele Dokumentarfilme gezeigt, die Themen anschneiden, die im kubanischen Alltag wenig präsent sind und selten angeschnitten werden, weil sie zum Teil den Kubanern unangenehmen sind. Beispielweise werden Filme zu Homo- und Transsexualität gezeigt, oder eine Dokumentation zu männlichen Ballerinas. Die genannten Dokus sollen vor allem einen Bruch mit dem typischen, einseitigen, kubanischen Männerbild schaffen. Für viele Kubaner ist es immer noch schwer

über das klassischen Männerbild, des starken, unverletzbaren Beschützer und Helden hinauszudenken.

Typische „linke“ Themen waren natürlich auch auf den Festival vertreten. Auf dem Programm stand auch eine besonderer Vorführung im „23 y 12“ eines Filmes von 1927 zur russischen Revolution. Im Kino „Infanta“ gab es eine Sondervorstellung zu dem Film „Ernesto“. Wer jetzt an Ernesto Che Guevara denkt liegt nicht ganz falsch, aber der Film handelt nicht vom dem bekannten Revolutionär. Die japanisch-bolivianische Produktion handelt von Freddy Maymura, einem bolivianischen Freiheitskämpfer, der selber als „Ernesto“ bekannt war und an der Seite von Che kämpfte. Che Guevara inspirierte ihn in den Befreiungskampf Boliviens zu ziehen. Leider starb er 1967 mit nur 25 Jahren, als die bolivianische Befreiungsfront aus dem Hinterhalt angriffen wurde.

Direktor Junji Sakamato, sagte er hätte sich mit den beiden Ernestos auseinandergesetzt, weil sie zwei starke Persönlichkeiten gewesen waren. Sie wären voller Mut und Kampfüberzeugung, aber auch voller Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft für Arme und Schwache gewesen.

Ein Stück Heimat in Kuba

Im Rahmen des Festivals wurden die Filme in verschiedenen Kategorien eingeteilt, eine davon „Panorama Contemporano internacional“ – Panorama modernen, internationaler Produktionen. Hier werden auch verschiedene Werke aus der Schweiz, Polen, Italien, Spanien oder Deutschland gezeigt.

Um den Kubanern ein Stück deutscher Kultur zu präsentieren, besuchten wir am Wochenende „Tschick“ im Cine 23 y 12. Neben verschiedener Eindrücke aus Deutschland – Landschaften, Städte und Personen zeigte er auch deutschen Humor. Leider waren wir, die Deutschen, die diejenigen die am lautesten in der Vorstellung gelacht hatten und mussten einige Witze nach dem Film erklären.

Zehn Cent statt zehn Euro

Die zehn Tage Festival bedeuteten für uns auch eine kleine Schnitzeljagd durch Havanna. Auf der Suche nach den verschiedenen Kinosälen entdeckten wir neue Ecken der Hauptstadt und kamen zu einigen Vorstellungen zu spät, weil wir uns natürlich verlaufen hatten.

Von unseren sieben Eintritten schafften wir es nur sechs einzulösen. Trotzdem war ich in den zehn Tagen Festival öfter im Kino als in den letzen zwei Jahren in Deutschland, weil mein Geld dafür meistens nicht reicht. Auf Kuba geht man gerne ins Kino, da jeder es sich hier leisten kann. Der kubanische Staat subventioniert nämlich nicht nur Gesundheit und Lebensmittel, sondern auch Kultur.  Auch außerhalb des Events kostet ein Kinoeintritt in Kuba knapp zehn Eurocent. Jetzt sehe ich es noch weniger ein, für eine Kinovorstellung in Deutschland zehn Euro zu zahlen.

Hier geht es zu weiteren Artikeln von Julia

Hintergrundlärm – Alltagsleben in einem kubanischen Wohnblock

Vom Balkon aus

Ich sitze auf meinem Balkon, im zweiten Stockwerk eines fünf Etagen hohen Wohnblocks. Ich blicke, wenn ich gerade ausschaue, auf die graue Wand eines identischen Wohnhauses. Neben den zwei Blocks, die senkrecht aufeinandertreffen, befindet sich eine kleine, dazugehörige Grünfläche, die von den Häusern umrahmt wird. Dort unten laufen Hunde frei herum, die Haushunde unterscheiden sich deutlich von den Straßenhunden mit ihrem glänzenden Fell und runden Bäuchen. Die Hunde machen sich ein Spaß daraus die vielen Hennen mit ihren Küken, die ihnen auf Schritt und Tritt folgen, zu jagen. Ein halbes Dutzend Hähne stolziert herum, einer lauter als der andere. Eine Frau kippt den restlichen Reis vom Mittagessen auf eine Schale für die Tiere, damit ihr Mann sie später im Hinterhof in einem selbstgebastelten Käfig auf Draht und Wellblech fangen und schlachten kann. Unter einem großen Baum spiele die Kinder aus den Wohnhäusern lautstark fangen. Daneben diskutieren ihre Väter neben einem geparkten Lada genauso laut, wie man ihn am besten repariert, während einer von ihnen unter dem Auto liegt und auf Anweisung wartet.

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