Der wirtschaftliche Faktor der Spezialperiode und der Weg aus der Krise (Teil 1 von 4)

Seit dem Zerfall des sozialistischen Lagers 1989/ 90 befindet sich Kuba in einem stetigen politischen Wandel. Mit der Auflösung der Sowjetunion und des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) brach das Fundament der kubanischen Wirtschaft weg. Das Land verlor mit einem Schlag seine wichtigsten Handelspartner und stürzte in die schwerste Krise seit dem Sieg der Revolution. Ab hier an rief die kubanische Regierung die Sonderperiode (período especial) aus, mit der eine Vielzahl tief gehende Reformen einhergingen, die die kubanische Wirtschaft transformierten, notgedrungen umentwickelten um langsam aber sicher mit dem Aufbau einer autarken, stabilen Wirtschaft mit anderen Schwerpunkten aus der Krise erneut emporzusteigen.

Wirtschaftliches Verhältnis zwischen Kuba und der UdSSR

Die UdSSR war seit der sozialistischen Revolution 1959 Kubas wichtigster Handelspartner. Schon seit den 60er Jahren entwickelt sich die Sowjetunion zum Hauptabnehmer des kubanischen Zuckers, sowie zum Hauptlieferanten für Energieträger und ersetzt damit die USA als vorher wichtigsten Handelspartner. Kuba konnte seinen Zucker im Rahmen des, von der Sowjetunion geführten COMECONs (RGW) über dem Weltmarktpreis verkaufen, konnte mit der Sowjetunion Zucker und exotische Früchte  gegen Öl und Industrieprodukte tauschen und wurde mit ca. 40 Milliarden US-Dollar jährlich unterstützt. Vor dem Zerfall des COMECON, welcher am 9.11.1989 mit dem Fall der Berliner Mauer begann, waren rund 85% des kubanischen Außenhandels auf den COMECON konzentriert. Die kubanische Wirtschaft war folglich voll und ganz abhängig von der Sowjetunion und dem damit verbundenen COMECON.

Spezialperiode

Der Zusammenbruch der UdSSR zwang die kubanische Wirtschaft in die Knie. 85% des kubanischen Absatzmarktes fielen weg. Plötzlich waren Importe über Länder innerhalb des COMECONs nicht mehr möglich, womit die industrielle Produktion, sowie die Landwirtschaft und der Verkehr lahmgelegt waren. Die Lieferungen von Stahl und anderen Erzprodukten brachen zusammen. Kuba konnte nur noch 10% des Öls importieren von dem, was sie vor 1989 von der Sowjetunion bezogen haben. Aufgrund des Ölengpasses gab es einen starken Abfall der Produktivität. Das Bruttosozialprodukt fiel abrupt, die Lebensverhältnisse der KubanerInnen verschlechterten sich dramatisch. Das Realeinkommen eines Kubaners sank bis 1993 auf 10% des Niveaus von 1989. Die Läden waren leergefegt, Lebensmittel gab es nicht mehr in ausreichender Menge. Russland lieferte kein Erdöl mehr, sodass insbesondere die Energieversorgung zu einem großen Problem wurde. Viele Produktionsanlagen mussten stillgelegt werden, die Bevölkerung litt unter stunden- und tagelangen Stromabschaltungen, den „apagones“. Der Wert des kubanischen Pesos, der vor der Spezialperiode noch fast auf Dollarkurs war, fiel ins Bodenlose: 180 Pesos, der durchschnittliche Lohn war teilweise nur noch anderthalb US-Dollar wert. Diese Zeit, die sog. „período especial“, oder auch „Sonderperiode in Friedenszeiten“ genannt, erreichte ihren Tiefpunkt 1993/94 und bewirkte zudem eine enorm große Auswanderungsbewegung.

Aufgrund fehlender Lieferungen von Öl, Dünger, Pestiziden, Ersatzteilen, Chemikalien etc. war der Verkehr, sowie die industrielle Produktion und die Landwirtschaft lahmgelegt, d.h. die Traktoren, die Mähdrescher, die industriellen Maschinen und die Verkehrsmittel wie Busse und Autos konnten wegen des fehlenden Treibstoffs nicht mehr benutzt werden. Industriebetriebe mussten schließen, womit Arbeitsplätze verloren gingen. Die große und Kuba wirtschaftlich tragende Landwirtschaft hatte aufgrund von dem fehlenden Dünger, den fehlenden Pestiziden und dem Ausfall von landwirtschaftlich genutzten Maschinen die schlechtesten Zucker,- und Tabakernten seit der Revolution 1959. Während im Jahre 1989 noch rund 83 Millionen Tonnen Zuckerrohr geerntet wurden, waren es im Jahre 1993 nur noch 58 Millionen und im Jahre 1994 nur noch 44 Millionen, die Ernte halbierte sich also. Noch dramatischer sieht es bei der Tabakernte aus. Im Jahre 1989 wurden noch etwa 42.000 Tonnen Tabak produziert, wohingegen die Tabakproduktion bis zum Jahr 1994 auf etwa 18.000 Tonnen geschrumpft ist.


Im Jahre 1992 Verschärfte die USA zusätzlich noch ihr auf Kuba verhängtes Handelsembargo durch das Torricelli Gesetz. Das Handelsembargo wurde zwar seit 1962 immer wieder ausgeweitet und internationalisiert, erlangte aber durch den Torricelli Akt das erste Mal einen gesetzlichen Status. Das nach dem demokratischen Abgeordneten Robert Torricelli benannte Gesetz zielte auf eine massive Einschränkung der kubanischen Handelsbeziehungen mit Dritten. So wurde Tochtergesellschaften US-amerikanischer Unternehmen jeglicher Handel mit Kuba untersagt. Schiffe, die in kubanischen Häfen anlegten, wurden mit einer Sperre von 180 Tagen für das Anlaufen US-amerikanischer Häfen belegt und zudem mussten Handelsschiffe mit der Beschlagnahmung ihrer Waren rechnen, sofern sie für den Handel mit Kuba bestimmt waren und sobald sie sich in US-amerikanischen Gewässern bewegten. Die USA nahmen also in der Spezialperiode die wirtschaftliche Schwäche Kubas wahr und versuchten mit dieser Verschärfung des Embargos dem sozialistische System den letzten, entscheidenden Stoß zu verpassen, doch das kubanische Volk gab nicht auf.

Dieser Artikel war von Lorenz. Hier geht es zu weiteren Artikeln von ihm.

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2 Gedanken zu “Der wirtschaftliche Faktor der Spezialperiode und der Weg aus der Krise (Teil 1 von 4)

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