Salud es lo primero – die Gesundheit ist das Erste (Teil 2)

Im ersten Teil bin ich darauf eingegangen, welche Errungenschaften die kubanische Revolution in Bezug auf das Gesundheitssystem vorzuweisen hat und welche Hürden den KubanerInnen dabei gestellt wurden. Die damalige wirtschaftliche Hilfe von der Sowjetunion und anderen Ländern Osteuropas war keine einseitige Hilfe. Die Unterstützung erfolgte durch den Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW).

Am 26. April 1986 kam es im Atomkraftwerk Tschernobyl zum bisher schwersten Unfall in der Geschichte der Kernenergie. Kuba bot sofort die Aufnahme, Behandlung und Pflege strahlengeschädigter Kinder an. Mehr als 24’000 PatientInnen wurden dort jeweils für einen Zeitraum von mindestens 45 Tagen oder auch über Jahre hinweg behandelt. Der im März 1985 zum neuen Generalsekretär der KPdSU (Kommunistische Partei der Sowjetunion) gewählte Michael Gorbatschow hatte zu diesem Zeitpunkt jedoch bereits begonnen, die Haltung seines Landes gegenüber Kuba zu verändern.

Bereits nach seinem Amtseintritt im Jahr 1986 reduzierte die UdSSR einseitig den Zuckerpreis um knapp elf Prozent und senkte auch den Ankaufspreis für Nickel. Zeitgleich wurden die Preise für Zement- und PKW- Lieferungen aus der Sowjetunion erhöht. Fidel Castro beschrieb während den Feierlichkeiten zum Nationalfeiertag am 26. Juli im Jahr 1988 die Politik von Gorbatschow als „gefährlich und den Prinzipien des Sozialismus entgegengesetzt“. Gorbatschow kam im April 1989 persönlich auf die Insel und versuchte, die KubanerInnen auf seine Linie zu bringen, jedoch ohne Erfolg. Ein Jahr darauf sprach Fidel Castro erstmals öffentlich über die Möglichkeit des Untergangs der Sowjetunion und des Sozialismus in Europa. Wenn Kuba also damals konfrontiert mit der US-Blockade durch die Verbindung zu den RGW-Ländern vor dem Ausbluten gerettet war, drohte Gorbatschows Kurswechsel  Anfang der 1990er Jahre genau dies wahrzumachen.

Beginn der Sonderperiode (Período especial)
Das Land verlor über Nacht seine wichtigsten Partner. Bis dahin waren 85 Prozent des Aussenhandels mit RGW-Ländern abgewickelt worden, über 90 Prozent des Erdöls und anderer Brennstoffe, 86 Prozent der Rohstoffe, 80 Prozent der Maschinen, Ersatzteile und elektrischen Geräte und 63 Prozent der Nahrungsmittel wurden von dort bezogen. Als die Lieferungen ausblieben, konnten viele Betriebe nicht mehr arbeiten. Die Zuckerproduktion brach um 50 Prozent ein. 80 Prozent der Industrieanlagen standen still. Somit war dies ein Beginn des Teufelskreises, der dazu führte, dass die Importe von 8,1 Milliarden US-Dollar im Jahr 1989 auf 2,2 Milliarden im Jahr 1992 fielen. Nebst dem Wirtschaftlichen schien die Situation der Bevölkerung hoffnungslos. Viele Tankstellen hatten kein Benzin mehr, Personen- und Güterverkehr brachen zusammen. Betriebe und Haushalte litten unter täglichen Stromabschaltungen, Wasser kam nur noch alle paar Tage und wenigen Stunden aus den Leitungen. Schliesslich wurden die Lebensmittel knapp, das DDR-Programm „Milch für Kubas Kinder“ wurde nach dem Fall der Mauer von der Bundesrepublik Deutschland gestrichen. Die Versorgung mit Medikamenten konnte nicht mehr garantiert werden. Mit dem Zerfall der Sowjetunion und ihrer Verbündeten waren die so wichtigen Ergebnisse und Errungenschaften der kubanischen Revolution in den Bereichen Bildung, Gesundheit und soziale Sicherheit gefährdet.

Die Regierung trat mit Transparenz gegenüber der Bevölkerung auf und informierte ausführlich über die mittlerweile eingetretene Situation und deren Auswirkungen auf die Sozialpolitik. Zu Beginn der Sonderperiode wurde eine Art Notstandsprogramm erarbeitet, das unter anderem eine Öffnung des Landes für den Weltmarkt vorgesehen hat, dessen wesentliche Ziele waren: Sicherung der Grundversorgung, Aufrechterhaltung der (auch für den Export) wichtigsten Produktionsstätten, Konzentration auf strategische Wirtschaftszweige wie Energie, Bergbau und Zuckerwirtschaft sowie die Zulassung „marktkonformer Aussenhandelsbeziehungen“.

Gleichzeitig wurden drastische Einsparprogramme im Energieverbrauch (Stromabschaltungen) und die Rationierung aller verfügbaren Güter und Dienstleistungen beschlossen. Die grösste Herausforderung war die Devisenknappheit sowie die Abhängigkeit vom US-Dollar, was später die Einführung der zweiten Währung (CUC) mit sich brachte. Neben der Wirtschaftlichen Situation wurde Kuba von mehreren Naturkatastrophen getroffen, eine Dürreperiode (Anfang 1992), sintflutartige Regenfälle (Januar 1993), ein Jahrhundertsturm (März 1993) und der Hurrikan „Lili“ (1996) verursachten schaden von über einer Milliarde Dollar. Hunderttausende Gebäude wurden beschädigt, Zehntausende völlig zerstört, die Bestände an Zuckerrohr, Zitrusfrüchten, Tabakpflanzen, Gemüse und Kaffee waren vernichtet.

Wachsende Hürden und Solidarität

Als Kuba seit der Revolution 1959 die schwierigste Phase seiner Geschichte durchlebte, wuchs die Aggression von aussen stetig. Auf Druck der von rechten ExilkubanerInnen gegründeten Cuban American National Fundation (CANF) erweiterte der Kongress im Oktober 1992 mit dem „Torricelli-Gesetz“, das offiziell als „Demokratiegesetz Kuba“ bezeichnet wurde, die Blockade. Mit dem am 5. März 1996 verabschiedeten „Helms-Burton-Gesetz“ wurden die Sanktionen gegen Kuba ein weiteres Mal verschärft. In dieser Situation engagierten sich weltweit Menschen unterschiedlichster politischer Richtungen, um Kuba zu helfen. Auch in den USA im Jahr 1988 entstandene Hilfsorganisation „Pastors for Peace“ organisierte seit 1992 jährlich so genannte Freundschaftskarawanen zur Unterstützungen. In der Bundesrepublik Deutschland wurde 1992 die CubaSi gegründet, zu deren grössten Aktionen die Solidaritätskampagne „Milch für Kubas Kinder“ gehörte. Im gleichen Jahr wurde in der Schweiz gemeinsam mit Ärztinnen und Ärzten sowie anderen UnterstützerInnen der Verein mediCuba- Suisse gegründet, welches unter anderem starke Hilfslieferungen im medizinischen Bereich realisierten.

Im Jahr 1980 betreute ein Arzt noch 700 EinwohnerInnen, zu Beginn der Sonderperiode im Jahr 1990 lag die Zahle der EinwohnerInnen je Arzt bei 530 und im Jahr 1993 kamen trotz aller staatlichen Sparprogramme nur noch 274 auf einen Arzt.

Erhalt und Verbesserung des eigenen Gesundheitssystems wie die internationalen Einsätze kubanischer MedizinerInnen und PflegerInnen in dieser Zeit gehören unbestritten zu den grössten Leistungen des wirtschaftlich angeschlagenen Landes.  Angesichts des fortschreitenden Zerfalls sozialer Sicherungssysteme in den reichen Industrienationen sehen manche darin sogar einen Beleg für die Überlegenheit des kubanischen Systems bei der Verwirklichung sozialer Menschenrechte. Noch heute ist es für viele Experten ein Rätsel, wie das arme und zudem unter einer Blockade leidende Land seine sozialen Standards während der Sonderperiode erhalten konnte. Denn wie in der Industrie und auf dem Land standen auch in den Krankenhäusern viele Maschinen still. Es gab kein Material und keine Ersatzteile für wichtige medizinische Geräte, es fehlte an Medikamenten, technischer Ausrüstung und Hilfsmitteln. Auch gut ausgebildete und hoch motivierte Ärzte konnten ihren PatientInnen oft nicht helfen, weil Instrumente fehlten oder eine defekte Desinfektionsmaschine nicht repariert werden konnte. Selbst wenn das Geld dafür vorhanden war, verhinderte die Ausweitung der US- Blockade oft den Einkauf notwendiger Instrumente und fehlender Ersatzteile. Firmen in vielen Teilen der Welt wagten nicht, Waren an Kuba zu verkaufen, weil sie dafür von den USA nicht nur mit Bussgeldern belegt wurden, sondern auch Gefahr liefen, ihre Produkte nicht mehr auf dem für sie profitablen US-Markt vertreiben zu dürfen.

Eine andere Welt ist möglich

Trotz und gerade wegen der seit Jahrzehnten anhaltenden wirtschaftlichen Aggressionen ist die längste und umfangreichste Wirtschaft-, Handels- und Finanzblockade, die je über ein Land verhängt worden ist, noch immer in Kraft. Kuba stellt den Einmischungsversuchen von aussen sein Konzept zum Ausbau eines sich im Prozess befindenden „wohlhabenden und nachhaltigen Sozialismus“ gegenüber. Dabei geht es um das künftige Wirtschafts- und Sozialmodell, dessen Grundzüge in einem „Nationalen Entwicklungsplan bis zum Jahr 2030“ enthalten sind. Derzeit wird darüber auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen diskutiert. Der Anspruch der politischen Führung besteht darin, die weitere Entwicklung des Landes nicht dem Zufall oder dem Einfluss fremder Mächte zu überlassen, sondern sie im möglichst breiten Konsens mit Akteuren und Betroffenen planend zu gestalten. In dem gegenwärtigen Prozess geht es um die Erneuerung eines Systems, das den Menschen in Kuba zum ersten Mal in ihrer Geschichte Unabhängigkeit, Souveränität und ein Ausmaß an sozialer Gerechtigkeit und gesellschaftlicher Teilhabe gebracht hat, das nirgendwo sonst in der Region erreicht wurde. Mit der laufenden „Aktualisierung des Modells“ soll in Kuba die wirtschaftliche Grundlage geschaffen werden, damit diese Sozialsysteme auch für künftige Generationen erhalten und ausgebaut werden können. Kuba versucht damit Tag für Tag trotz Hürden zu demonstrieren, dass eine andere Welt möglich ist. Auf unsere internationale Solidarität ist Kuba weiterhin angewiesen – Gestern, heute und morgen.

Dieser Artikel wurde von Deniz geschrieben.

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