Salud es lo primero – die Gesundheit ist das Erste (Teil 1)

Als der Arzt Ernesto Che Guevara mit seiner Truppe im Dezember 1956 an der Ostküste Kubas landete, traf er in den Bergen der Sierra Maestra auf Kinder, „die die physische Erscheinung von Acht- oder Neunjährigen hatten, die jedoch fast alle 13 oder 14 Jahre alt waren.“ Guevara beschrieb die Umstände damals als „die eigentlichen Kinder der Sierra Maestra, authentische Produkte von Hunger und Elend. Sie sind Opfer der Unterernährung.“ Damals wussten nur elf Prozent dieser Kinder, wie Milch schmeckt. Zudem hatten nur vier Prozent der kubanischen Bevölkerung Zugang zu Fleisch. Darüber hinaus hatten 84,6 Prozent der ländlichen Bevölkerung keinen Zugang zu medizinischer Hilfe. Wer also damals mit einer ernsthaften Krankheit konfrontiert war, hatte kaum eine Überlebenschance. Ich verstehe nun den Satz „salud es lo primero“, den ich in den letzten 3 Monaten so oft in den Gesprächen gehört habe, viel besser. Insbesondere, wenn ich dies von einem 85 jährigen Mann höre, der aus persönlicher Erfahrung spricht. Für uns – die in Europa lebenden Menschen – sind diese Umstände, unter denen die KubanerInnen damals leben mussten, nicht vorstellbar. Man bedenke, dass das Ganze erst 60 Jahre her ist…

Bis vor der Revolution 1959 gab es in Kuba kein entwickeltes Gesundheitssystem, lediglich wohlhabende Touristen und Mafiapaten in der Hauptstadt hatten Zugang zu modernen Kliniken und ausgebildeten Ärzten.

José Martí – der Vordenker der Revolution
Der als Nationalheld verehrte Poet und Schriftsteller José Martí (1853- 1895), hat sich zu seinen Lebzeiten für ein Recht auf gesundheitliche Versorgung für alle BürgerInnen eingesetzt. Die freie Entfaltung der Menschen durch Gesundheit, Bildung, Teilhabe am sozialen und kulturellen Leben, Gleichheit und soziale Gerechtigkeit standen im Zentrum der politischen Forderungen Martis, auf die sich die Rebellen und nach der Revolution 1959 auch die revolutionäre Regierung berief. Noch während der Kämpfe in der Sierra Maestra wurden in der „Republica Rebelde“, wie die befreite Zone genannt wurde, bereits erste Schritte eingeleitet. Dazu zählte beispielsweise: Besitzlose Bauern erhielten Land zugeteilt, erste Schulhäuser, Krankenstationen und Apotheken wurden gebaut. Neugeborene Kinder, die noch vor ihrem ersten Geburtstag an Magen-Darm-Krankheiten gestorben wären, hatten dank der jüngsten Entwicklungen landesweit Zugang zu dutzenden Kliniken.

Bilder von José Martí im Museum

Das José-Martí-Denkmal an der Plaza de la Revolución mit Museum und Aussichtsturm über ganz Havanna

Revolution und Gegner
Nachdem der Diktator Fulgencio Batista mit 40 Millionen Dollar im Gepäck geflohen war und die Revolutionäre zu Beginn des Jahres 1959 in ganz Kuba gesiegt hatten, begann die „konstruktive Phase der Revolution“. Die neue Regierung begann unter anderem damit, im ganzen Land die medizinische Versorgung zu verbessern.
Bei der „Nationalen Vollversammlung des kubanischen Volkes“ am 2. September 1960 wurden die Weichen zum neuen Gesundheitswesen gestellt. Kurz darauf begann die US-Regierung, kubanische Ärzte abzuwerben. Auf diese Versuche reagierte Fidel Castro am 17. Oktober in einer Fernsehsendung: „Den Imperialisten ist es gleichgültig, ob eines Tages bei einer Epidemie in den Bergen zehn, hunderte oder tausende Kinder sterben. Die Imperialisten und diejenigen, die ihre Seele dem Imperialismus verkaufen, kümmert es nicht, ob Kinder sterben, weil kein Arzt vorhanden ist.“
Erste Sanktionen von den USA, die noch bis heute anhalten, wurden verhängt, als Kuba die US-Konzerne auf der Insel verstaatlichen wollte. Am 17. April 1961 fand in der Schweinebucht – organisiert von den USA und rund 1300 ExilkubanerInnen, welche seit 1959 aus Kuba geflohen waren, ein militärischer Angriff statt, der den Sturz der revolutionären Regierung zum Ziel hatte. Nach der gescheiterten Invasion in der Schweinebucht beschlossen die USA unter John F. Kennedy im Februar 1962, sämtliche Handelsbeziehungen zu Kuba abzubrechen. Später wurde die Einfuhr von kubanischen Produkten in die USA und auch aus Drittländern verboten.
Während zu Zeiten Batistas in den Jahren 1956 und 1957 für das nationale Gesundheitswesen ganze 22 Millionen Peso bereitgestellt wurden, waren es im Jahr 1969 trotz erschwerter Bedingungen bereits 220 Millionen Peso. Dieser Entwicklung folgend hat heute jede/r BürgerIn einen verfassungsmässigen Rechtsanspruch auf gebührenfreie Gesundheitsversorgung. Durch den Ausbau des Gesundheitswesens und die Errichtung von medizinischer Ausbildungsstätten stieg auch die Zahl der Beschäftigten rasant an.

Partner
Die verhängte Wirtschaftsblockade der USA zwang Kuba aus nachvollziehbaren ökonomischen Gründen, sich mächtige Verbündete zu suchen. Als einzige industrialisierte Länder, die nicht unter US-Einfluss standen, kamen damals die Sowjetunion, deren Partner sowie die DDR in Frage. Eine intensive Zusammenarbeit entstand, die nebst der wirtschaftlichen Unterstützung auch den Aufbau eines qualitativ hochwertigen Gesundheitssystems vorantrieb. Es wurde eine Grundlage für Kuba erschaffen, die bis heute weltweit hohes Ansehen geniesst.
Beispielsweise durch Forschungen sowjetischer Wissenschaftler auf dem Gebiet der Augenoperationen wurde an die KubanerInnen das Wissen um das vom berühmten Augenarzt Swjatoslaw Fjodorow entwickelte Laser-Verfahren zur Korrektur von Kurzsichtigkeit weitergegeben. Durch das kubanische Hilfsprogramm „Mission Milargo“ konnte in den letzten zehn Jahren in 34 Ländern knapp drei Millionen Menschen wieder zu Augenlicht verholfen werden oder man rettete sie gar vor dem Erblinden.
Da Kuba aufgrund des tropischen Klimas zu wenig Milchkühe besass, um alle Kinder täglich mit Milch zu versorgen, wurde 1981 ein Abkommen über die Lieferung von Milchpulver aus der DDR unterzeichnet, wodurch jährlich 22000 Tonnen Milchpulver nach Kuba versandt wurden.

Durch die fortschreitenden Entwicklungen konnten Massenkrankheiten wie Kinderlähmung, Typhus, Malaria und Durchfallerkrankungen deutlich eingedämmt werden. Die Kindersterblichkeitsrate sank von 70 pro Tausend (1960) auf 15 pro Tausend (1985) und weiterhin auf 4,2 pro Tausend (2014). Die Kindersterblichkeit in Kuba gehört zu den niedrigsten in ganz Amerika.
Ein weiterer Erfolg des Gesundheitsmodells ist die hohe Lebenserwartung der Kubanerlnnen, welche von 63 Jahre (1960) zunächst auf 75 Jahre (1990) anstieg und nun mit 79,74 Jahren (2016) die höchste aller lateinamerikanischen Ländern ist.

Wird sich das Gesundheitswesen trotz den kommenden weltpolitischen Ereignissen halten können?  Fortsetzung folgt…

Dieser Artikel wurde von Deniz geschrieben. Mehr Artikel findest du hier

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