Das Martyrium der Geflüchteten: Film „Viacrucis Migrante“ zeigt das, was wir nicht sehen

Foto: Hauke Lorenz

Die Lebenssituation von Flüchtenden auf der ganzen Welt ist für uns als Privilegierte kaum vorstellbar. Umso wichtiger ist es, über die Lebenssituationen derjenigen Menschen aufzuklären, die ihre Heimat verlassen müssen, weil sie Opfer von Gewalt und Diskriminierung geworden sind. Hauke Lorenz, ein Filmemacher aus Hamburg, hat sich dieser Aufgabe angenommen und beim lateinamerikanischen Filmfestival im Dezember 2016 in Havanna seinen Film „Viacrucis Migrante“ vorgestellt, mit dem er Menschen, die über die südmexikanische Grenze fliehen, eine Stimme gibt. Wir haben uns den Film angesehen und hatten sogar die Gelegenheit, mit Hauke über seine Arbeit in Mexiko zu sprechen.

Gefahren und Hoffnung

„Viacrucis Migrante“ ist eine Dokumentation über Menschen, die aufgrund ihrer Lebensumstände aus El Salvador, Guatemala und Honduras gen Norden fliehen müssen. Dabei nehmen sie eine mindestens 1700 Kilometer weite, lebensgefährliche Reise auf sich, deren Ausgang ungewiss ist. Kurz hinter der südmexikanischen Grenze, in Tenosique, einem Ort in Tabasco, liegt die Einrichtung „La72 – Hogar Refugio para Personas Migrantes“ – eine Durchgangsstation für Flüchtende, in der ehrenamtliche Helfer*innen dem Druck der mexikanischen Migrationspolizei standhalten und Schutz vor Überfällen bieten. Auch gesundheitliche Versorgung, Lebensmittel und seelische Betreuung können hier von den Durchreisenden kostenlos in Anspruch genommen werden. „Viacrucis Migrante“ wurde hauptsächlich in dieser Einrichtung gedreht und zeigt das Leben der Menschen, die sich in der Regel über drei Tage, in Fällen größerer Erschöpfung oder schlimmerer Krankheiten aber auch länger dort aufhalten können.

„Ich bin ein Mensch auf der Suche nach Zukunft.“

Hauke hat einige dieser Menschen interviewt und sie von ihren bewegten Geschichten erzählen lassen. Alberto, der nach mehreren Abschiebungen zurück nach Honduras nicht das erste Mal diese Fluchtroute zu nehmen versucht, sagt: „Ich bin kein Krimineller. Ich bin ein Mensch auf der Suche nach Zukunft. Weil ich meinen Kindern das Beste geben will.“ Ein anderer Migrant, der gemeinsam mit seiner Frau und seinem achtjährigen Sohn auf der Flucht ist, berichtet davon, dass er von seiner Familie eines Tages unter Tränen zuhause empfangen worden ist. Eine der Banden, die in seiner Heimatstadt mit Gewalt und Raub von sich reden machen, hat versucht, unter Todesdrohung Geld zu erpressen. Es blieb keine andere Möglichkeit, als zu fliehen. Doch nicht nur aus ökonomischen Gründen wird Menschen in ihrer Heimat Gewalt angetan.

Eine andere Migrantin, die sich ebenfalls auf der Durchreise befand, musste aufgrund ihrer sexuellen Orientierung und Identität in ihrer Heimat unerträgliche Diskriminierungen und Bedrohungen erfahren. Auch ihr bot „La72“ einen Schutzraum – für sie und ihren Bruder, der kompromisslos zu ihr stand. Viele dieser Menschen fliehen mit dem Ziel, in die USA einzuwandern, weil sie sich dort ein besseres Leben versprechen. Selbst die Unsicherheit darüber, ob sie nicht auch von dort wieder abgeschoben werden oder ihnen ähnliches Leid widerfahren könnte, hält sie nicht davon ab. Eine Flucht scheint, so schwer sie auch sein mag, häufig die einzige Perspektive zu sein.

O-Töne des Videojournalisten

Uns interessierte im Gespräch mit dem Hauke, welche Erfahrungen ihn zum Dreh des Films motiviert haben und was ihm bei seiner Arbeit besonders wichtig ist.

Hauke, Du hast Dich ja während Deines Studiums über eine längere Zeit in Mexiko aufgehalten. Welche Situationen sind Dir dabei im Wesentlichen im Gedächtnis geblieben, die vielleicht auch Deine Arbeit mitgeprägt haben?

Bewegt hat mich vor allem die Erfahrung, welche Privilegien mir als weißer Deutscher in Lateinamerika immer wieder zugeschrieben worden sind. Beim Anstehen an einer Disko sind wir mit einer Gruppe mexikanischer und deutscher Student*innen mal an der ganzen Schlange vorbeigelotst worden. Die mexikanischen Kommiliton*innen sind nur mit Hemd und Schuhen reingekommen, wir deutschen in Turnschuhen und T-Shirt. Bei meiner Feldforschung in Tapachula habe ich meine Privilegien dann viel deutlicher zu spüren bekommen. Zentralamerikanische Migrant*innen müssen dieselben scharfen Voraussetzungen zur Einreise nach Mexiko erfüllen, wie für die USA. Mit einem deutschen Pass bekommen wir ein Touristenvisum für 180 Tage, ohne den Besitz einer Kreditkarte oder einen Einkommensnachweis erbringen zu müssen. Von den Migrant*innen, die ich damals interviewt habe, habe ich viel gelernt. Vor allem, dass Menschenrechte nichts Selbstverständliches sind. Um anderen die Chance zu geben, dies nachvollziehen zu können, soll mein Film seinen Protagonist*innen eine Stimme geben.

Meine Privilegien habe ich dann auch während der Dreharbeiten wieder erfahren. Vor den Dreharbeiten wurde ich in die Deutsche Botschaft nach Mexiko-Stadt eingeladen und dazu aufgefordert, zwei Mitarbeiter immer über meinen Aufenthaltsort auf dem Laufenden zu halten. Mexiko ist das gefährlichste Land für Journalist*innen, das nicht im Krieg ist. Zu wissen, dass mich jemand suchen würde, wenn man sich nicht zurück meldet, ist schon ein besonderes Privileg. Ich kann mir schon vorstellen, dass die mexikanischen Behörden eher ermitteln wenn ein deutscher Staatsbürger verschwindet, als wenn ein zentralamerikanischer Migrant verschwindet. Auf solche Fragen kommen wir am ehesten im Rahmen von Publikumsgesprächen zu sprechen.

Was sind notwendige Voraussetzungen, um einen solchen Videojournalismus betreiben zu können?

Filme zu drehen ist nicht nur aufwändig, sondern auch teuer. Die Entstehung eines Films ist eigentlich immer daran gebunden, ein entsprechendes Budget aufbringen zu können. Im Falle von „Viacrucis Migrante“ habe ich das  mit einer Crowdfunding-Kampagne, Filmförderung der evangelischen und katholischen Kirche und meinen damaligen Arbeitgeber TIDE – Hamburgs Communitysender und Ausbildungskanal geschafft. Als das Geld leer war, ist die Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein eingesprungen.  Unentbehrlich ist die ideelle Unterstützung von Freunden, Familie und Institutionen wie etwa der deutschen Menschenrechtskoordination Mexiko, der deutschen Botschaft in Mexiko und  der Migrant*innenherberge „La72“, ohne deren Vertrauen der Film ja niemals hätte entstehen können. Das schönste Geschenk für mich ist, dass die Protagonist*innen sich mit dem Film identifizieren können und ich mit allen in Kontakt geblieben bin.

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Foto: Sebastian Isacu

Hauke Lorenz ist selbständiger Filmemacher, Journalist und Sozialanthropologe. In Mexiko hat er Ethnologie studiert. Aktuell arbeitet er an einem neuen Filmprojekt. Für Fragen und Interviews steht er jederzeit zur Verfügung

Kontakt:
mail@haukelorenz.de

Mehr Informationen: www.viacrucismigrante.com

Trailer zum Film bei Vimeo.

 

Dieser Artikel ist von Maximiliano. Hier geht es zu weiteren Artikeln von ihm.

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Ein Gedanke zu “Das Martyrium der Geflüchteten: Film „Viacrucis Migrante“ zeigt das, was wir nicht sehen

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