Zwangstests und Quarantäne für HIV-Infizierte in Kuba?

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Als ich kurz nach meiner Ankunft in Kuba etwas zum Thema Gesundheit in meinem Reiseführer (Stefan Loose, 2012) nachschlage, verschlägt es mir fast die Sprache. Ich lese dort, dass es Kubas AIDS-Politik vorsehe, dass alle Kubaner verpflichtend einen HIV-Test machen müssten und HIV-Infizierte in Sanatorien isoliert werden würden, um ein Ausweiten der Krankheit auf die Bevölkerung zu verhindern. Die Sanatorien dürften sie nur verlassen, nachdem sie als „sexuell verantwortungsbewusst“ eingestuft werden würden. Kann es wirklich sein, dass Kuba auf derart gewaltsame Weise Menschen mit HIV vom Rest der Gesellschaft trennt und isoliert, um die HIV-Rate niedrig zu halten? Ich beginne mehr zum Thema zu recherchieren.

Tatsächlich hat Kuba im Vergleich zu seinen Nachbarländern in der Karibik (aber auch den USA) die niedrigste Rate an HIV-Infizierten und mit 100 Prozent die höchste Behandlungsrate von registrierten HIV-Infizierten mithilfe von antiretroviralen Medikamenten, die das Immunsystem wiederherstellen und den Ausbruch von AIDS verhindern können. Zum Vergleich: Die internationale Organisation UNAIDS listet in ihrem aktuellen Report die Behandlungsquote in Westeuropa und den USA bei gerade einmal 59 Prozent.

Als HIV zum ersten Mal Mitte der 80er Jahre über kubanische Entwicklungshelfer und Militärangehörige, die in verschiedenen afrikanischen Staaten im Einsatz waren, nach Kuba kam, wusste man auf der ganzen Welt noch sehr wenig über diesen gerade erst entdeckten Virus. 1985 wurde erstmals HIV bei einem Patienten in Kuba diagnostiziert. Basierend auf einem Gesetz von 1982, worin die Isolation zur Quarantäne von Patient*innen mit ansteckenden Krankheiten ermöglicht wurde, welche eine Gefahr für die gesamte Gesellschaft darstellen, wurde 1986 ein erstes Sanatorium für Infizierte eröffnet. Weitere sollten schnell folgen. Bis 1989, also insgesamt drei Jahre, waren diese Sanatorien die einzigen Orte, an welchen HIV-Infizierte behandelt wurden.

Schnell erkannte man aber auch in Kuba, dass die gesellschaftliche Isolation von HIV-Infizierten in Quarantäne keine dauerhafte Lösung des Problems sein konnte. So durften HIV-Infizierte ab 1989 die Einrichtungen auch freiwillig verlassen, wobei viele es vorzogen zu bleiben, da die Lebensbedingungen und vor allem die Lebensmittelversorgung in den Sanatorien vergleichsweise gut waren und die Spezialperiode begann.

In den folgenden Jahren wurde die ambulante Versorgung der HIV-Infizierten immer weiter ausgebaut. 1993 wurde das ambulante Behandlungsprogramm SAA (sistema de atención ambulatoria) gegründet, damit HIV-Infizierte zwischen einem Leben im Sanatorium oder zuhause frei wählen konnten. Patient*innen die es vorziehen, weiterhin zuhause zu leben, müssen zunächst zur täglichen Behandlung in Kliniken gehen und werden im Regelfall nach fünf Monaten von ihren Hausärzten weiterbehandelt. Außerdem bekommen sie, genau wie die Bewohner*innen der Sanatorien, eine bessere Lebensmittelversorgung. Die Einführung der ambulanten Behandlung führte dazu, dass schnell nur noch eine Minderheit aller HIV-Infizierten in die Sanatorien ging.

Ebenso wurde mit dem „Leben mit HIV“-Programm ein Bildungsprogramm ins Leben gerufen, welches die HIV-Infizierten nach der Diagnose über sechs Wochen in umfassenden Maße über ihre Erkrankung, Hilfsangebote, Ernährung, Hygiene, „verantwortungsvolle Sexualität“ sowie Juristisches informiert und internationale Anerkennung erhalten hat. Neben der Aufklärung der Infizierten werden auch ihre Freunde und Familien über Informationsbroschüren aufgeklärt. Das „Leben mit HIV“-Programm erklärt außerdem, wie Selbsthilfegruppen gegründet werden können und wird selbst hauptsächlich von einem Netzwerk von HIV-Infizierten betrieben.

Die Entwicklung einer medikamentösen Therapie für HIV-Infizierte stellte Kuba Anfang der 1990er Jahre aufgrund der ökonomischen Krise und der US-Blockade vor eine große Herausforderung. So konnte Kuba die extrem teuren Medikamente zunächst nur für Kinder mit AIDS und ihre Mütter importieren. Ab 1998 wurden außerdem Medikamente für die Behandlung von 100 Patienten von NGOs gespendet. Auf diese Art und Weise konnten in den 90er Jahren nur wenige der kubanischen HIV-Infizierten und AIDS-Kranken behandelt werden. Da Kuba jedoch schon mitten in der Spezialperiode großen Wert auf seine biomedizinische Industrie legte, konnten mit dem langsamen wirtschaftlichen Aufschwung Ende der 90er Jahre auch eigene Medikamente zur HIV-Behandlung entwickelt werden, welche seit 2001 allen HIV-Infizierten in Kuba kostenlos zur Verfügung stehen.

Neben der Entwicklung und Produktion von Medikamenten wird in Kuba auch großer Wert auf die gesundheitliche Aufklärung und Prävention gelegt. So wurde 1998 ein staatliches Zentrum zur Prävention von Geschlechtskrankheiten und HIV/AIDS gegründet, welches in Broschüren, Radiosendungen und im Fernsehen über AIDS aufklärte, aber auch – genau wie das nationale Zentrum für sexuelle Aufklärung (CENESEX) – gegen die Diskriminierung aufgrund von sexueller Orientierung und für sexuelle Vielfalt wirbt.

Außerhalb Kubas ist das Vorurteil weit verbreitet, dass sich alle Kubaner*innen einem HIV-Test unterziehen müssten, wie auch mein Reiseführer zeigt. Es stimmt, dass Kuba seit 1986 mehr als 1,6 Millionen Tests durchgeführt hat. Jedoch kann niemand zu einem Test gezwungen werden, denn Blutabnahme kann in Kuba grundsätzlich nur bei Einwilligung der Patient*innen erfolgen. Die Tests werden meistens von den Hausärzt*innen oder anonym in Polikliniken durchgeführt. Bei einem positiven Test gehen die Ärzt*innen mit den Infizierten einen Fragebogen über ihre Sexualkontakte in den vergangenen Jahren durch, suchen diese und bitten sie darum, sich ebenfalls einem freiwilligen Test zu unterziehen. Die Daten über HIV-Infizierte werden beim nationalen Zentrum für Epidemiologie gespeichert und sind vertraulich. Wie in Deutschland gibt es auch in Kuba eine ärztliche Schweigepflicht und ein Bruch führt zu hohen Strafen.

Es ist immer wieder erstaunlich, wie viele falsche Informationen über Kuba im Ausland verbreitet werden, wie sich auch am Thema HIV zeigt. Die Quarantäne von HIV-Infizierten in den 80er Jahren war sicherlich im Nachhinein eine falsche Entscheidung, anhand des damaligen geringen Wissenstands über den Virus aber auch nachvollziehbar. Sie wurde jedoch nach drei Jahren aufgehoben und wird heute auch in Kuba offen kritisiert, wie der recht neue staatlich finanzierte Kinofilm „El Acompañante“ zeigt, über den Martin hier auch schon geschrieben hat.

In Wirklichkeit zeigt Kuba sehr große Bemühungen im Kampf gegen AIDS und hat es 2014 als erstes Land auf der Welt geschafft, die Übertragung von HIV bei Schwangeren auf ihre Kinder zu verhindern. Auch ansonsten scheint die staatliche AIDS-Politik extrem fortschrittlich zu sein und auf einer effektiven Verknüpfung von Forschung, Aufklärung und gesellschaftlicher Solidarität zu beruhen, ohne dabei die körperliche Selbstbestimmung, Privatsphäre und das Wohlbefinden der Patient*innen zu verletzen.

Dieser Artikel ist von Juri. Hier geht es zu weiteren Artikeln von ihm.

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14 Gedanken zu “Zwangstests und Quarantäne für HIV-Infizierte in Kuba?

  1. Tatsächlich gab es in der DDR und in der Sowjetunion bis zur Konterrevolution 1990 keinen einzigen Fall von Aids. Es ist völlig richtig, daß die Regierung Kubas eine Ausweitung dieser gefährlichen Krankheit verhindern will!

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    • Konterrevolution? Ich hau mich weg…
      Für bekennende Stalinisten muss das natürlich so aussehen.
      Tatsächlich gab es Fälle von AIDS auch in der DDR und auch in der Sowjetunion. Die wurden nur nicht in der Öffentlichkeit besprochen, denn ungeschützten sexuellen Verkehr gab es auch zwischen Bürgern aus diesen beiden Staaten mit Bürgern aus dem damaligen kapitalistischen Ausland.
      Transparenz und ein offener Umgang mit brenzlichen Themen hat die politischen Führer in dieser Zeit eben nicht ausgezeichnet! Was nicht sein durfte, wurde unter den Teppich gekehrt!

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      • Mmmh – Sie wissen vielleicht nicht, was eine Konterrevolution ist. Das ist so etwas wie der Rückwärtsgang beim Auto, wenn Sie verstehen, was ich meine! Nur daß das beim Autofahren keine schlimmeren Folgen hat, sofern man einen Rückspiegel besitzt. Genau, und deshalb war ja jede Wohnung in der DDR mit Teppichen ausgelegt…

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      • Es kann ja nur „gekontert“ werden, was auch wirklich statt gefunden hat. Eine Revolution gab es in der DDR nicht, demzufolge auch keine Konterrevolution. Es würde das russische System übergestülpt, was ein netter Versuch zu dieser Zeit war. Aber es war eben auch ein sehr unehrliches System, nicht transparent und auch nicht erneuerungsfähig. Es stand für Stillstand, Stagnation, Willkür und die fehlenden persönlichen und gesellschaftlichen Entwicklungsmöglichkeiten. Im übrigen hat auch jede Revolution ihr Ende, denn Revolution findet nicht statt, nur weil man sie gebetsmühlenartig immer und immer wieder mit Parolen beschwört und in Erinnerung ruft. Schon gar nicht gibt es sie „ewig“!
        „Eine Revolution ist ein grundlegender und nachhaltiger struktureller Wandel eines oder mehrerer Systeme, der meist abrupt oder in relativ kurzer Zeit erfolgt.“
        Da hilft auch kein Umdeuten nach eigenem Gutdünken.

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      • Ach, sie Ahnungsloser! (Man hätte auch sagen können: Sie Dummkopf!). Was wissen SIE denn eigentlich von der DDR? NICHTS (außer das was in den bundesdeutschen Massenmedien tagtäglich an Hetze und Lüge verbreitet wird).

        Ach übrigens: Die DDR war derjenige weltweit anerkannte Staat (der zu 133 Staaten der Welt diplomatische Betziehungen unterhielt), der 1989 von der Gorbatschow-Clique verkauft und nach einer sog. „Friedlichen Revolution“ (einer Farce) ersatzlos von der Landkarte gestrichen wurde.

        Gegen Unwissenheit kann man ja was tun, gegen Ignoranz, gegen Dummheit und gegen verstockten Antikommunismus sicher nicht…

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      • Ach, sie armer quasi-religiöser Narr! Ich habe 18 Jahre in der DDR gelebt und meine Erfahrungen lasse ich mir nicht von einem Revisionisten zerreden, der es nicht verknusen kann, dass ein System mit Hang zum Selbstbeschiss, das sich jedem Korrektiv entzog, keinen öffentlichen freien Diskurs zuließ, das sich über ideologische Festschreibungen und Glaubenssätze definierte und zuguterletzt ökonomisch beim bösen Westen am Tropf hing, zurecht keine Überlebenschancen hatte. Ich wünsche dem ideologischen Dinosaurier trotzdem einen guten Jahreswechsel und die Eingebung, dass erst Freiheit ein Nährboden für Sinnvolles sein kann.

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      • Das brauche ich gar nicht, die konnte das ganz allein für sich enttarnt. Die war nämlich deutlich klüger als Sie und hatte auch schon vor der Wende ein kritisches Auge auf die Gesellschaft! ;)

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      • Selbsternannte Geschichtsschreiber/-deuter haben wir schon im rechtsradikalen Spektrum zuhauf. Das, was sie da pathetisch herunter geschrieben haben, dürfte weithin als nicht anerkannt gelten. Warum wohl? ;)
        Und da Sie ja jeden Kommentator, der Ihnen nicht in den Kram passt reflexhaft sperren, ist es noch nicht einmal möglich, mit Ihnen darüber zu diskutieren. Damit setzt sich in Ihrer Persönlichkeit nur fort, was die DDR letztendlich zu Fall gebracht hat, ideologischer Starrsinn und fehlender öffentlicher Diskurs.

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  2. P.S. Auch an der Sprache wird man Sie erkennen …weil ich diesen Quatsch der Schreibweise von „Patient*innen“, ebenso wie Affen und Äffinnen, von geistigen Zwergen und Zwerginnen für völlig überflüssig halte. Es ist ein Relikt des kleinbürgerlichen Denkens. Keine Frau hat sich jemals zurückgesetzt gefühlt, wenn der Kapitän eines untergehenden Schiffes rief: „Alle Mann von Bord!“

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  3. Ich würde mich mit dem Auto Dirk Krüger in Verbindung setzen und ihn auf diesen Umstand hinweisen. Gerade das Ändern/Aktualisieren einzelner Punkte in einem Reiseführer findet häufig nur nach freundlichem Hinweis statt, weil auch der Autor evtl. auf einer veralteten Information festhängt. Der Reiseführer existiert ja schon eine ganze Weile und wurde stetig erweitert und aktualisiert.
    In der Regel sind Autoren für konstruktive Hinweise sehr dankbar,

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  4. Sehr guter Artikel zum Thema Aids auf Cuba. Eine Freundin von mir hat sich sehr früh von einem Freund, der in Angola war, angesteckt. Sie war kurz im Sanatorium, danach immer freiwillig, besonders während der Woche, am Wochenende dann bei ihrer Mutter. Das Sanatorium ist wie eine Touristenanlage gebaut, mit sehr guter Versorgung. Anfang der 90er Jahre haben wir dann auch Medikamente geschickt, aber bald hat sie diese staatlicherseits bekommen, nachdem Cuba diese teuren Medikamente über Brasilien beziehen konnte. Sie heute noch das blühende Leben, dank der dort üblichen sehr guten Versorgung!

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  5. Pingback: Mi rollo – mi película | Eine Andere Welt ist möglich

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