Widersprüche zum Jahresende

 

Ende Dezember stellen auch kubanische Universitäten für die sogenannten „fin de año“ (Jahresende)-Ferien den Unterrichtsbetrieb für zwei Wochen ein. In dem für uns derzeit fernen Europa sind das normalerweise die Weihnachtsferien, welche auf die stressigste Konsumzeit des Jahres folgen. Diese Hoch-Zeit des Konsumismus geht interessanterweise mit der besinnlichen, spirituell-religiösen Adventszeit einher. Wer auf die Idee kam, die Bevölkerung der kapitalistischen Länder jeden Dezember einer derartigen Widersprüchlichkeit auszusetzen, ist mir bis dato unbekannt. Fest steht jedoch, dass der Dezember mit der ihm auferlegten Adventszeit ein schwerer Monat für viele Menschen ist, die sich diese prunkvolle Besinnlichkeit nicht leisten können. Und nicht nur für diese, auch für eine Menge anderer Menschen stellt das aufgebauschte Eins-Sein mit seiner Familie, sich selbst und seinem Umfeld eine emotionale Überforderung dar. Das kontradiktorische Fest des Konsumismus, welches ursprünglich mal das höchste Fest des Christentums darstellte, steckt offensichtlich in einer komplexen Verstrickung mit fetischhaftem Komsumverhalten und kapitalistischer Perversion.

Auf der sozialistischen Karibikinsel konnte uns dieser Weihnachtstrubel mit seiner facettenreichen Dramatik zu unserer Freude nicht erreichen. Unser Dezember war sonnig und entspannt, getragen von schönen Begegnungen, Festen und allerlei Proyecto-Wirbel. Hier und da stieß man gelegentlich auf einen aufgeblasenen Weihnachtsmann – manchmal sogar mit ein paar Rentieren – aber das wars auch schon. Niemand kam zu uns, um sich über obligatorisches Schenken auszutauschen. Was aber durchaus manchmal vorkam, war, dass Kellner*innen Weihnachtsmützen trugen. Auf die anfängliche Irritiertheit, die immer auf den Anblick folgte, begann es in meinem Hirn zu rattern, bis mir wieder einfiel, dass allá (dort) – wie Kubaner*innen oft sich auf Europa beziehend sagen – ja bald Weihnachten ist. 

Doch auch auf Kuba stößt man natürlich auf Kontradiktionen und das war für mich persönlich besonders im Dezember der Fall. Der Monat, in dem wir unser kubanisches Heim verließen und uns unserer Reiselust hingaben. Auch die studierenden Kubaner*innen kehren in dieser Ferienzeit zu ihren Familien in die verschiedensten Landesteile zurück. Die noche buena – der Heiligabend- wird in Kuba, soweit ich erfahren habe, im Kreis der Familie mit Essen und fiesta zelebriert, aber wichtiger noch ist dann el ultimo dia del año – der Silvestertag. Zu diesem Anlass schlachtet wer kann ein Schwein, um das typische arroz congris con cerdo asado – Bohnenreis mit gegrilltem Schwein – etwas exklusiver zu machen. Der Tag wird ausgelassen unter Familie und Freunden mit reichlich Essen, Musik, Tanz und natürlich einer gehörigen Ration Alkohol verbracht. Dass sich das ganze Land zum Jahresende hin also auf eine kleine landesinterne Völkerwanderung begibt, hat uns den Ticketkauf für unsere Reisen nicht gerade erleichtert. Wochenlang rief unsere Bunkista Deniz empört immer und immer wieder „No hay pasajes: ni guagua, ni tren, ni avion“ („Es gibt keine Tickets: weder für Busse, noch Züge, noch Flugzeuge“). Das war nämlich die Antwort, welche sie an einem Ticketschalter erhalten hatte und dieses Trauma musste sie, wie viele andere auch, auf ihre ganz eigene Weise aufarbeiten. Am Ende lief es darauf hinaus, dass wir unsere geplanten Reisen in den Oriente –den Osten- verschieben mussten. Und so besuchten die meisten von uns die Mitte des Landes, einige auch den Westen. Die meisten von uns hatten europäischen Besuch im Gepäck und so ging es gemeinsam – wieder die Touristenrolle einnehmend – auf Reisen. 

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Die bestechende Schönheit eines kubanischen Strandes.

Für mich und meine beiden Freundinnen ging die Reise nach Varadero, Trinidad und Cienfuegos. Die Impressionen, die ich gemeinsam mit den beiden sammelte, brachten mich anderen kubanischen Realitäten näher, die ich so von Havanna und noch viel weniger von der Cujae (unserer Uni) oder der Isla de la Juventud kannte. Während die Strände dem versprochenen Karibikzauber, zumindest bei schönem Wetter, auf jeden Fall gerecht wurden, empfand ich, dass der Tourismus die Authentizität Kubas an vielen Orten zerfrisst. Der Tourismus, der für Kuba eine der wichtigsten Einnahmequellen darstellt, hat spürbar auch negative Effekte auf das Land und seine Bevölkerung. Das ist in Kuba natürlich keine Neuigkeit, aber es selbst zu erleben und so auch zu verstehen, was man als normale Touristin von Kuba mitbekommt, war für mich spannend und mitunter bitter. 

Was mich mit am meisten betroffen gemacht hat, war die Vielzahl sehr gebildeter Kubaner*innen, welche statt ihren Ingenieur- und Lehrerberufen einer lukrativeren, aber recht trivialen Arbeit im Tourismussektor nachgehen. Einige, mit denen ich mich etwas näher ausgetauscht habe, erzählten mir, dass sie ihre ursprünglichen Berufe sehr vermissen würden, aber aus finanziellen Gründen zumindest für eine gewisse Zeit in diesem Sektor arbeiten müssten. Andere hatten weniger Wehmut und wurden vom Geld, dass durch die Hände der Tourist*innen ins Land fließt bereits dermaßen vereinnahmt, dass sie auf mich wie lefzende Hunde wirkten, die jeden Idealismus beiseitegelegt haben. Schmerzhaft wurde mir bewusst, dass das Geld auch auf viele Kubaner*innen wie ein Genmodifikator wirkt. Der Tunnelblick dieser Kubaner*innen schweift dann auf den wunderbaren sozialdemokratischen Kapitalismus Nordeuropas, auf die freie Marktwirtschaft und unsere hohen Löhne und schönen Autos ab. Verträumt blicken sie auf unsere Möglichkeit, zu reisen und unsere grenzenlos (vogel)-freien Leben. Natürlich ohne zu erkennen, dass diese Freiheit etwas Sklavenhaftes mit sich führt und strikt an Geld gebunden ist. Die Freiheit von Kaufentscheidungen mit der Freiheit von Lebensentscheidungen verwechselnd.

Anhand meiner Erlebnisse wird ersichtlich, dass die 1960 von dem damaligen Mitarbeiter des US-Außenministeriums Lester Mallory ausgearbeitete imperialistische Strategie gegen Kuba mitunter seine Wirkungen zeigt. Das immer noch auf der Homepage des US-Außenministeriums zu findende Statement Mallorys lautet „… Die einzige absehbare Möglichkeit, um ihnen [der Regierung] die Unterstützung im Inland zu nehmen, ist aufgrund wirtschaftlicher Mängel und von Elend, Enttäuschung und Unzufriedenheit hervorzurufen (…). Deshalb muss Kubas Wirtschaftsleben mit allen Mitteln geschwächt werden (…), Kuba müssen Geld und Lieferungen verweigert werden, damit die Real- und Nominallöhne sinken, mit dem Ziel, Hunger, Verzweiflung und den Sturz der Regierung hervorzurufen.” Dass diese seit nunmehr 60 Jahren angewandte kriegerische Taktik auch seine Erfolge zeigt, ist durchaus nachvollziehbar.

Kommt man mit den Kubaner*innen ins Gespräch,  sich als etwas fachkundiger als ein*e normale*r Tourist*in entpuppend und auf die Aussage, die Regierung sei an allem schuld konternd „Y el bloqueo?“ (Und die Blockade?), dann kann ein Gespräch auf Augenhöhe beginnen. Meistens gibt es danach zwei mögliche Verläufe dieses Gesprächs. Ein Teil der Gesprächspartner*innen atmet erleichtert auf und ein anderer Teil zuckt augenverdrehend die Schultern. Letztere sind es leid, dass diese felsenfest erscheinende Blockade schuld an ihrer Situation ist, lieber suchen sie die Schuld an ihrer Situation in etwas, was ihnen leichter zu verändern scheint als die Blockade und das ist dann oft die Regierung oder der Sozialismus. Irgendwann empfand ich es dann zugegebenermaßen als ziemlich mühsam, diese Kubaner*innen davon zu überzeugen, dass sie große Vorteile aus ihrem System ziehen, deren Ausmaß ihnen wohl nicht ganz bewusst ist. Auch darauf zu beharren, wie wichtig eine Aufhebung der völkerrechtswidrigen Wirtschaft, Handels- und Finanzblockade für die Erhöhung der tatsächlich sehr niedrigen Löhne und ein Aufatmen der Wirtschaft wäre, war irgendwann ermüdend. Trotzdem ist es wichtig, dass sie merken, dass sie nicht jede*r Touristin alles aufschwätzen können, sondern dass es auch Leute gibt, die sich für Kuba und seine Lage interessieren und einsetzen. Im besten Falle, beginnen sie allerdings nochmal an ihrer eigenen Fehleranalyse zu arbeiten. 

Eine weitere Sache, die uns auf dieser Reise teilweise sehr zu schaffen machte, war der Machismo, der uns ständig um die Ohren flog. Da ich in Havanna die Touristinnenrolle bereits durch feste Schritte ausgetauscht habe und so weniger oft Opfer dieser – für Europäerinnen verschärften – Pöbeleien bin, war ich stellenweise richtig empört und wütend. Besonders in Kuba, wo die strukturelle Diskriminierung der Frau mit der Revolution beendet wurde und sich auch die Regierung immer wieder durch Kampagnen gegen diesen Umgang mit Frauen einsetzt, verstehe ich dieses typisch lateinamerikanische Getue gewisser Männergruppen nicht. Wahrscheinlich lag Ernesto Guevara richtig, wenn er sagte, dass in der Übergangsphase zum Sozialismus, in der sich auch Kuba immer noch befindet, eine der größten Herausforderungen das Schaffen von Bewusstsein ist. Trotzdem sei erwähnt, dass im kubanischen Parlament mehr als die Hälfte der Parlamentarier*innen Frauen sind. 80% der Frauen sind in der Frauenorganisation FMC organisiert, es gibt in Kuba gleich viele Frauen wie Männer an der technischen Universität (die ganze Hautfarbenpalette mitinbegriffen(!)), Abtreibungen sind das Normalste der Welt, Frauen treten sehr selbstbewusst auf und beteiligen sich meinem Eindruck nach zu gleichen Teilen an Diskussionen. Doch das reicht anscheinend für einige Männer noch nicht, um zu verstehen, dass Frauen weder Kussgeräusche noch andere aufmerksamkeitserregende Zischgeräusche von männlicher Seite brauchen, um ihren Platz und ihre Wertschätzung in der Gesellschaft zu finden. Diesen Männern würde die Lektüre von Castros Werk „Mujeres y Revolución“ (Frauen und Revolution) wahrscheinlich wohlbekommen, in der die für Fidel unentbehrliche gleichgestellte Rolle der Frau, als „Revolution in der Revolution“ klar zum Ausdruck kommt.

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Eine aktuelle kubanische Kampagne gegen die Belästigung von Frauen „Entwickle dich weiter, Belästigung macht dich rückschrittlich“.

Was noch mehr zu meiner Verwirrung beitrug, war die widersprüchliche ideologische Entwicklung meiner selbst und der Außenwelt. Während mir durch die Lektüre von Volker Hermsdorfs „Fidel Castro“ die Errungenschaften der Revolution vergegenwärtigt wurden und ich mit historischen Ereignissen in und um Kuba, in der Lebenszeit Fidel Castros überspült wurde, drang von außen eine zunehmende Abwendung von dieser Revolution an mich heran, welche natürlich mit einem gewissen Geschichtsunbewusstsein bei den entsprechenden Träger*innen dieser Haltung einherging. Ob meine Erlebnisse ein repräsentatives Bild der gegenwärtigen Situation in Kuba aufzeigen, möchte ich jedoch offenlassen. Fest steht, dass der kontradiktionsreiche Weg des Aufbaus des Sozialismus für Kuba weitergeht und für uns alle eine Herausforderung darstellt, der man sich auch in den Ferien nicht entziehen kann.

Das ist ein Artikel von Johanna.

Ein Gedanke zu “Widersprüche zum Jahresende

  1. … dass Ernesto Che Guevara und Fidel Castro den lateinamerikanischen Machismo überwunden hätten, scheint mir leicht übertrieben – selbst in den ikonographischen Darstellungen der beiden schimmert er wenig verschämt durch … Nebenbei bemerkr: Politik ist ein abgeleiteter Bereich, der den Alltag überwölbt, aber nur wenig beeinflusst. Im Alltagsverhalten schimmern jahrhundertealte Praktiken durch. Wer an die Verhaltensweisen in den ehemals realsozialistischen Ländern denkt, z.B. Schwulenjagd in Polen oder Russland, hat eine Idee davon, wie oberflächlich politische „Strukturen“ sitzen.

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