Musik unter den Sternen

Es ist kurz nach acht Uhr abends. Die Sonne ist schon lange untergegangen, aber der Himmel ist noch nicht ganz schwarz wie in manch anderer Nacht. Wir werden angerufen, es ist einer der Organisatoren des Sommercamps der Jugendlichen der UJC – circa 100 junge Menschen haben die letzten Tage mit uns gemeinsam die Räume des Edificio 700 geteilt, vier Tage Programm unter dem Motto „VíVeLo“ (Lebe es!), dazu gehören Ausflüge, wie zum Parque Lenin, Botanischen Garten, Teatro Nacional mit Ballettaufführung oder auch Müllsammelaktionen, Dominoabende oder einfach mal nur das erfrischende Nass des Schwimmbads der CUJAE zu genießen. Der Anruf am Abend, der uns Bescheid gibt: in wenigen Minuten fangen einige Trovadore im Ranchón an zu spielen.

Trova, eine der vielen Musikrichtungen, die das kubanische Leben prägen. Bei sogenannter Trova-Musik – das Wort selbst, ursprünglich aus der Provence in Frankreich stammend – versuchen die Musiker_innen jener Musikrichtung in Form von Balladen ihren Gedanken und Träumen Stimme mit Hilfe von Gesang und Gitarre zu verschaffen. In ihren Anfängen waren es vor allem auch Neuigkeiten und Klatsch der von der Straße kam, welcher seinen Platz in den Texten fand und mit Hilfe der Musiker_innen, welche mit ihrer Gitarre von Ort zu Ort zogen, Verbreitung fand. Nach der Revolution entwickelte sich nach und nach Lieder, welche die Wirtschaft und allgemeinen Errungenschaften der Revolution priesen, jener Art des Trovas wurde unter dem Namen Nueva Trova zusammengefasst.

Der Himmel ist jetzt dunkel, keine Wolken ist mehr am Himmel zusehen, dafür jede Menge Sterne. Der asphaltierte Weg zum Ranchón – der über die Jahre etwas mitgenommen wurde – die Hecke, die den Weg von einem Gebäude abgrenzt und überhandgenommen hat, lässt einen schmalen Platz frei zum Passieren. Auf dem Weg liegen Palmenwedel und ganz in der Nähe hört man schon die Gitarren klingen. Entgegen des deutschen Stereotyps kommen wir zu spät. Als wir im Ranchón eintreffen sitzen die Jugendlichen versammelt vor der großen, mit Palmenblättern bedeckten Überdachung. Alle Stühle wurden nach draußen vor das Dach gestellt, auch wir werden aufgefordert uns Stühle zu holen und uns dazuzusetzen. Wir setzen uns an den Rand. Ich beobachte die Menschen. Es sind nicht nur Jugendliche, nein, auch einige Erwachsene und Kinder lauschen der Musik. Der Sänger stimmt ein neues Lied an: Sábana Blancas (weiße Laken) von Gerardo Alfonso. In wenigen Worten beschrieben, ein Liebeslied an die alten Straßen Habana Viejas. Fast alle Zuhörer stimmen mit ein, aus einer einzelnen Stimme wird ein Stimmenmeer, und um so mehr die Lautstärke steigt, desto mehr steigt die Stimmung. Ein nächstes Lied, klatschen, einige fangen an zu tanzen, andere lauschen stillschweigend. Neben den Sänger gesellt sich ein zweiter, die Gitarre wandert zwischen ihnen. Der Mond ist am Himmel zu sehen. Es kommen mehr Leute. Die Sänger singen mit solch einer Inbrunst, dass es ihnen den Schweiß auf die Stirn treibt, obwohl es doch gar nicht mehr so heiß ist. Der Wind schickt Abkühlung in kleinen Stößen. Es scheint, als wäre fast jedem Anwesenden jedes angestimmte Lied geläufig. Eine kurze Pause, doch die Zuhörer_innen wollen mehr hören. Es werden Musikwünsche aus der Menge gerufen und natürlich geht es weiter. Im Hintergrund wird eine Anlage aufgebaut. Als der letzte Ton der Gitarre ausklingt, setzt der Bass der Boxen im Hintergrund ein. Es ertönt der hier fast immer allgegenwärtige Reggaeton, zum Ärgernis der Zuhörer_innen, sie wollen mehr: mehr Livemusik, mehr Trova, mehr zum Lauschen, Singen und Tanzen. Und so geht es weiter, der DJ auf der Mission nun seine Musik zu spielen, kommt nicht gegen die Livemusik an, und so kommt noch ein Lied und noch eins, bis der DJ sich nicht mehr zurücknimmt. Die Sänger geben sich zufrieden geschlagen und die Leute begeben sich unter das Palmendach auf die Tanzfläche.

Dieser Artikel ist von Lea

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