Ein Tässchen voll Zucker

Es ist halb sechs Uhr morgens. Wir stehen am Busbahnhof von Cabaiguán. Der Großteil unserer Gruppe ist kurz davor, ihren Omnibus Nacional zurück nach Havanna zu besteigen, um in etwa sechs Stunden in unserem zeitweiligen Zuhause anzukommen. Um uns herum weitere Menschen, die müde vor ihren Koffern und Rucksäcken stehen. Direkt neben dem kleinen Busbahnhofgebäude hat ein älterer Herr hinter der Balustrade seines Hauses einen Tisch aufgebaut, hinter dem er sitzt und aus einer Thermoskanne süß-zuckrigen Kaffee in kleine Tässchen gibt und zum Üblichen Preis von 1 Peso Cubano verkauft.

 

Der kleine Schluck des warmen Getränkes ist beliebt, gemütlich stehen immer wieder einige Leute vor dem Hauseingang dieses Mannes und halten die kleinen Kaffeetassen in ihren Händen.

 

Um sechs Uhr – ganz allmählich beginnt der Himmel sich aufzuhellen – kommt eine Dozentin des örtlichen Universitätszentrums, die in der Nähe wohnt, und lädt uns zu sich ein. Auch sie hat Kaffee gekocht, den sie uns mit viel Zucker aufgesetzt und in den bereits bekannten kleinen Kaffeetässchen in ihrer Küche reicht. Aus diesen Tassen zu trinken, dauert wirklich nicht lange und bietet doch den Aufhänger für kurze Gespräche und eine warme Geste.

 

Schließlich sind alle hinter den getönten Scheiben des Omnibuses verschwunden – ich bleibe und warte auf den Rest der Gruppe, um einen späteren Bus zurück gen Hauptstadt zu nehmen und werde bis dahin von Bekannten des Proyectos aufgenommen. Auf dem Weg durch die Straßen Cabaiguáns, dem Haus des Ehepaars entgegen, begegnen wir den ersten Frühaufstehern, die an den Balustraden der in den unterschiedlichsten Farben gestrichenen Häuser lehnend den ersten Sonnenstrahlen des Tages entgegenblinzeln. „Felicidades!“, rufen sie meinem Gastgeber entgegen. „Felicidades!“, ruft er zurück. Es ist Vatertag, ein Tag, der für viele Menschen in dem sehr familienorientierten Land von Stellenwert zu sein scheint und wohl üblicherweise mit einem gemeinsamen, großen Essen begangen wird. Als erstes kommt jedoch der Kaffee. „¡Siéntate! Setz dich!“, werde ich, kaum angekommen, angewiesen. „¿Quieres café? Willst du Kaffee?“. Wieder steht eine kleine Tasse des braunen Getränkes mitsamt seines enormen Zuckerinhaltes vor mir und während ich daran nippe lerne ich das gastfreundliche Ehepaar näher kennen.

 

Und es dauert auch nicht lange, bis ich noch weitere Bekannte und Familienmitglieder kennengelernt habe. Nichte, Schwester, Sohn. Alle schauen über den Tag hinweg vorbei. Mehr Kaffee soll her. Also begleite ich die Nichte zu sich nach Hause. Sie hat kreolische Kaffeebohnen. Kreolisch bedeutet hierbei, so wird mir erzählt, dass der Kaffee selbstgezogen ist. Im eigenen Patio, zum Beispiel, oder in dem von Bekannten. Café criollo soll – wenn richtig gepflanzt – den stärksten Geschmack haben und wird dem aus Devisenläden oder der bodega vorgezogen. Bevor es mit den eingesammelten Kaffebohnen weitergeht, weist mich die Nichte an: „¡Siéntate! ¿Quieres café?“. Also sitze ich auf einem herangetragenen Stuhl in der Küche und erzähle ihr und ihrer jüngeren Tochter vom Proyecto.

 

Anschließend machen wir einen Abstecher in ihr Elternhaus. Dort sind gleich mehrere Menschen dabei, das große Mittagessen zum Vatertag vorzubereiten. Während mir noch eine Tasse Kaffee angeboten und ein Sitzplatz zugewiesen wird (mittlerweile bin ich sehr froh, dass in Kubas Kaffeetassen nicht mehr als ein paar kleine Schlücke Kaffee hineinpassen), wird eine große Kaffeemühle aufgebaut, die per Hand und in weiten Kurbelbewegungen betätigt werden muss. Abwechselnd kurbeln wir und füllen Bohnen nach, bis keine mehr da sind und stattdessen eine Dose mit frischem Kaffeepulver vor uns steht. Währenddessen wird mir erklärt, dass es auch noch eine andere Variante Kaffee gibt: vermischt mit gemahlenen Kichererbsen. Eine um einiges weniger kräftige Variante, natürlich, die aber teilweise in den bodegas angeboten werde und preiswerter sei. Dennoch, café criollo scheint um einiges beliebter. Mit der Dose Kaffeepulver laufen wir schließlich zurück, ins Haus meiner Gastgeber*innen.

 

Als die beiden verbliebenen Proyecto-Mitglieder schließlich dazustoßen, finden sie sich – ebenso wie ich zuvor – schnell genug um den Tisch im Patio sitzend und warme Tässchen kreolischen Kaffee in den Händen haltend wieder. Wir unterhalten uns über unser Erlebtes in Cabaiguán, über die Geschichte des Hauses, in dem wir nun zu Gast sind, und seinen Bewohner*innen. Immer wieder mischen sich auch politische Themen ins Gespräch: Die Ley Helms-Burton etwa, die schon jetzt dafür sorgt, dass öffentlicher Nahverkehr in Cabaiguán eingeschränkter ist. Benzin fehlt. Dann geht es wieder um Anderes: Familie, Glaube, Feiertage.

 

Nach dem gemeinsamen Vatertagsessen wird der Kaffee schließlich von selbstgemachtem Guavensaft oder kubanischem Wein abgelöst, bevor es irgendwann auch für uns heißt, den Rückweg nach Havanna anzutreten. Auf einer Raststätte während der Fahrt überlege ich kurz, mich zu der Traube an Menschen zu gesellen, die um einen der Stände herumsteht und aus kleinen Tässchen trinkt und habe all die verschiedenen Situationen und Zusammenhänge im Kopf, in denen ich alleine den vergangenen Tag über genauso schlürfend dastand oder -saß, wie nun die Menschen an der Raststätte vor mir.

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