Schiedsrichterwesen in Kuba

Als ich Deutschland im vergangenen September verlassen habe, tat ich dies mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Einerseits voller Vorfreude und Spannung auf mein Jahr in Kuba, andererseits mit der Gewissheit vieles in Deutschland zurückzulassen. Eine dieser zurückgelassenen Sachen ist in meinem Fall die Tätigkeit als Fußball-Schiedsrichter, welcher ich seit 4 Jahren nachgehe. Lange Zeit dachte ich, hier auf Kuba eine Zwangspause einlegen zu müssen – bis ich bei den Unispielen der Cujae zwei Schiedsrichterkollegen aus Kuba kennenlernte, die mich umgehend zum kubanischen Ligafußball einluden.. Nun, 6 Monate nach meiner letzten Partie in Deutschland, sollte ich also auf den Platz zurückkehren.

Die Schiedsrichter von Havanna

Mit der Aufnahme meiner neuen, alten Tätigkeit wurde ich umgehend in den kleinen aber feinen Kreis der Schiedsrichter von Havanna eingeführt. Da Fußball hier eher auf dem Bolzplatz gespielt wird und es nur wenige organisierte Fußballligen gibt, ist auch die Anzahl der Schiedsrichter dementsprechend gering. Mit nur etwa 40 Schiedsrichtern auf knapp 2 Mio. Einwohner liegt Havanna sogar weit hinter meiner Heimat Rostock (200.000 Einwohner). Trotzdem ist der Kader sehr bunt durchmischt was Alter, Spielklasse, Geschlecht und Hautfarbe angeht. NeueinsteigerInnen arbeiten ohne weiteres mit Kolleginnen und Kollegen zusammen, welche schon auf nationalem und internationalem Niveau pfeifen. Auch der Frauenanteil ist im Vergleich zu Deutschland sehr hoch. Ist eine Schiedsrichterin im deutschen Fußball doch eher selten anzutreffen, und wenn, dann oft beim Frauenfußball, so ist hier in Havanna etwa jeder dritte Schiedsrichter eine Schiedsrichterin. Dies vermischt sich auch erstaunlich gut untereinander, denn die meisten Teams (Ein Hauptschiedsrichter; 2 Assistenten) bestehen tatsächlich auch aus 2 männlichen und einer weiblichen Schiedsrichterin.

Die Hintergründe meiner neuen KollegInnen sind sehr unterschiedlich. Einige kommen aus der Nationalmannschaft und sind dem Fußball darüber hinaus treu geblieben, andere sind komplette Quereinsteiger und wieder andere arbeiten schon seit Jahrzehnten als voll ausgebildete Fußball-Schiedsrichter. Die Ausbildung ist dennoch für alle sehr ähnlich wird meistens in Form eines Studiums[1] an der Sporthochschule von Havanna geleistet. Dort studieren die SchiedsrichteranwärterInnen mehrere  Jahre lang Sportkultur (cultura física) mit Schwerpunkt auf Schiedsrichterwesen. Wer hier studiert visiert die nationalen und internationalen Spielklassen an und damit eine hauptberufliche Schiedsrichterkarriere. Finanziell lohnen tut sich diese Karriere jedoch erst ab dem internationalen Niveau, da ein nationaler Schiedsrichter etwa nur einen Dollar pro Spiel verdient, was nicht sehr viel im Monat ist[2]. Viele nationale und Regionale Schiedsrichter unterhalten daher noch einen Arbeitsplatz nebenher, was manchmal ganz schön hart sein kann, gehören zur Arbeit eines Schiedsrichters doch noch Trainingseinheiten, regelmäßige Leistungskontrollen (auch nach vollendetem Studium), Fortbildungen und natürlich die Einsätze. So wird dann am Wochenende gepfiffen, unter der Woche gearbeitet und in der Freizeit trainiert. Ich merke im Gespräch mit meinen KollegInnen schnell: Hier ist nicht nur harte Arbeit, sondern auch viel Liebe zum Sport dabei.

Der Traum von Vielen ist es eines Tages auf internationaler Ebene arbeiten zu können. Dort winkt die Möglichkeit zu Reisen und die Welt kennenzulernen, professionell bei großen Turnieren zu arbeiten und für kubanische Verhältnisse auch eine sehr anständige Summer Geld. Eine Kollegin erhielt etwa für ihren Einsatz bei der U15-CONCACAF-Meisterschaft[3] der Frauen 100$ täglich – inklusive Verpflegung, Transport und Unterkunft mit reichlich Komfort und idealen Trainingsbedingungen. Doch geschockt erfahre ich kurz darauf, dass sogar hier die drakonische Wirtschaftsblockade der USA eingreift: Viele internationale kubanische SchiedsrichterInnen kommen nicht an ihr rechtmäßiges Geld! Da die Schiedsrichterspesen meist digital über Konten internationaler Banken überwiesen werden, ist der Zugang zu diesem Geld sehr schwer. Entweder wird die ganze Transaktion gesperrt oder das Geld lagert auf einem für KubanerInnen unerreichbaren Konto. Selbst in diesem hohen und verantwortungsvollen Amt des Fußball-Schiedsrichters  wird den KubanerInnen mit Feindseligkeiten begegnet…

Rauf aufs Feld

Der normale Spieltag beginnt in der Regel am Samstagmorgen um 9:00 Uhr, was vor Allem frühes Aufstehen bedeutet. Inklusive Fahrzeit, Frühstück, Umziehen und Erwärmung benötige ich etwa 2 ½ Stunden, was meinen Samstag schon halb Sieben morgens beginnen lässt. Vor Ort wird dann erst einmal geschaut, wie viele SchiedsrichterInnen überhaupt zum Wettbewerb erschienen sind. Manchmal stehen uns Vier oder Fünf ganze Teams zur Verfügung, manchmal sind wir insgesamt nur zu viert. Dies ist immer davon abhängig ob gerade die nationalen Ligen laufen, zu welchen anderen Wettbewerben Referees delegiert wurden und ob nicht jemand krank ist oder arbeiten muss. Den Überblick behält unsere Professorin für Schiedsrichterwesen, die selbst oft im In- oder Ausland unterwegs ist. Meistens im Dreierteam, manchmal aber auch nur zu zweit[4] oder gar ganz alleine (was vor allem im Jugendfußball und/oder auf Kleinfeld üblich ist) teilen wir uns dann auf die Plätze auf und beginnen mit den ersten Partien des Spieltages. Im besten Fall stehen und genug Teams zur Verfügung um nach jeder Partie einmal zu wechseln, so dass jedes Team planmäßig ein bis zwei Spiele absolviert. Oftmals kann diese Anzahl aber einfach nicht erreicht werden und die Teams müssen bis zu drei Spiele hintereinander unter der tropischen Sonne Havannas absolvieren. Bei akutem Schiedsrichtermangel springen von Zeit zu Zeit auch mal Funktionäre, Platzwarte oder BetreuerInnen als Assistenten ein, was allerdings von Zeit zu Zeit für Kommunikationsprobleme sorgt, da die offiziellen Signale und das Regelwerk dort nicht immer komplett bekannt sind.

Der Charakter des Spiels ist trotz allen kulturellen und spieltechnischen Unterschieden dann doch nicht so groß zu dem deutschen Amateurfußball. Nach wie vor versuchen 22 Mann den Ball ins gegnerische Tor zu bringen und auch in Kuba sind die SpielerInnen mit Eifer dabei. Von Zeit zu Zeit ereignet sich mal ein Elfmeter, eine Rudelbildung und natürlich die ein oder andere gelbe Karte, insgesamt bleiben die SpielerInnen aber sehr fair zueinander und zum Schiedsrichter. Probleme gibt es, wie in Deutschland auch, höchstens mit übermotivierten SpielerInnen, BetreuerInnen oder Eltern, was dann auch sehr emotional werden kann. Neben dem Platz stehen nicht nur ZuschauerInnen, Auswechselbank und Betreuerteam, sondern auch fliegende Händler, welche Erfrischungsgetränke, Snacks, Eis und belegte Brötchen an die Zuschauer verkaufen.

Ein wenig ungewohnt für mich sind zu Beginn die Qualität und der Zustand des Platzes gewesen. Oft werden erst gar keine Linien gezogen oder diese sind sehr schlecht bis gar nicht sichtbar, weshalb man meistens dazu übergeht, die Strafraum-  und Spielfeldbegrenzung mit kleinen Hütchen in regelmäßigen Abständen zu markieren. Dies erschwert ungemein die Beurteilung von Ball in oder aus dem Spiel oder der Einschätzung von Strafstoß-innerhalb und Freistoß außerhalb des Strafraumes, aber man gewöhnt sich recht schnell daran. Besserung ist ohnehin in Sicht: In dem Naherholungsgebiet und Park „Polar“ wurde jüngst eine neue Sportanlage eingeweiht. Das gleichnamige Fußballstadion „El Polar“ ist der erste synthetische Kunstrasenplatz in Havanna, welcher dem Breitensport für besondere Anlässe zur Verfügung steht. So wurde hier erst vor kurzem die Endrunde der Altersklasse 12 und 13 Jahre der Stadtliga von Havanna ausgetragen. Sowohl die Nachwuchskicker als auch die BetreuerInnen waren sehr von den Bedingungen angetan. Die Organisatoren der Liga, die Sportfunktionäre und auch unsere Professorin sind unheimlich stolz auf dieses neue Stadion und all die Möglichkeiten die es mit sich bringt. Insgesamt scheint der Kubanische Fußball im Kleinen wie im Großen im Aufbruch zu sein. Bessere Sportanlagen und Organisation, die Unterstützung aus dem Ausland und natürlich das Engagement der FußballerInnen haben das berühmte Spiel längst über den Trend hinaus zum Volkssport etabliert. Meine Zeit hier zeigt mir: In Kuba wird Fußball nicht nur auf der Straße gespielt, sondern auch im organisierten Ligabetrieb, welcher mit viel Organisation, Eifer und Improvisationstalent stetig verbessert wird. Nicht nur in Deutschland und Europa gilt: Unsere Amateure – Echte Profis!

 

[1] Wobei unter den Begriff Studium in Kuba auch Ausbildungen fallen können, die zuweilen auch an Hochschulen angeboten werden, worunter bei vielen auch die Ausbildung zum Fußball-Schiedsrichter fällt

[2] Den nationalen Schiedsrichtern wird jedoch bei der Reise in die Provinzen zu ihren Spielen sowohl Transport als auch Verpflegung und Unterkunft gestellt

[3] CONCACAF: Kontinentaler Fußballverband Nord- und Mittelamerikas und der Karibik; Der Wettbewerb ist die amerikanische Version der Europameisterschaft

[4] In diesem Fall übernehmen die beiden SchiedsrichterInnen je eine der Seiten (Nicht Hälften) und die beiden laufen parallel zueinander das ganze Spielfeld als gleichberechtigte SpielleiterInnen ab

Dieser Artikel ist von Kilian. Hier geht es zu weiteren von seinen Artikeln

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