Landwirtschaft und Umweltschutz Teil 1: Wo die Stille wohnt

Manchmal wird einem erst bewusst wie wichtig manche Dinge sind, wenn man sie nicht mehr hat. Ohne es im täglichen Leben zu merken werden wichtige Dinge zu Banalitäten, jedenfalls solange bis sie nicht mehr da sind. Nein, hier geht es nicht um irgendeinen Gebrauchsgegenstand, irgendein Deodorant oder einen Luxusgegenstand, der hier auf Kuba etwas schwieriger zu bekommen ist und den man nicht in jedem Laden findet. Es geht um etwas viel grundsätzlicheres:

Kulturschock Kuba

Wer in Kuba ankommt wird sicherlich erst einmal mit einem Kulturschock konfrontiert, der auch nicht so schnell nachlässt. Noch heute, Monate nach meiner Ankunft, schaue ich gerne den alten Lastwagen hinterher oder nehme die Kunst ob in akustischer oder bildlicher Form als etwas Besonderes wahr. Zwischen all dem Trubel und all den Eindrücken bleibt vor allem in Havanna kaum Zeit Luft zu holen und das gesehene in Ruhe zu verarbeiten, denn schon müssen wir weiter zur nächsten Veranstaltung. Eine willkommene Abwechslung sind da die regelmäßigen Exkursionen raus in die Natur, welche wir meist mit einer Gruppe der Universität machen. So waren wir bereits im Westen durch „Las Terrazas“ gewandert, sind in die legendäre Sierra Maestra aufgestiegen, oder haben landwirtschaftliche Betriebe besucht.

Natürlich haben wir auch hier erst einmal viele Dinge gesehen, welche für uns Deutsche sehr exotisch sind. Seien es immergrüne Bergwälder, ausgedehnte Zuckerrohrfelder oder hochgewachsene Königspalmen: es findet sich immer etwas Interessantes zum Anschauen. All das muss vor allem am Anfang erst einmal verarbeitet werden. Doch nun, nach einigen Monaten hier, schärft sich der Blick auch für kleinere Dinge, die vorher hinter der großen Menge des Gesamtbildes verborgen geblieben waren: Bienen, die von Blüte zu Blüte eilen, die Kaktushecken, welche statt Zäunen um die Höfe gepflanzt werden und dazu zahlreiche Fliegen, Moskitos, Käfer und viele weitere kleine Tierchen, die herumkrabbeln, herumfliegen und immer für ein leichtes Brummen und Summen in der Landschaft sorgen.

Ein merkwürdiges Gefühl

Neben vielen sehenswerten Orten bietet vor allem die legändere Sierra Maestra eine unglaubliche Schönheit: Statt Abgasen und lauten Motoren wird der Wanderer hier mit der reinen Bergluft und dem Rauschen des Waldes begleitet. Wir wandern auf mal schlammigen, mal steinigen und mal trockenen Bergpfaden, bewältigen sehr steile Stellen und machen auch mal die ein oder andere Pause. Sonnendurchflutete Waldpassagen am Osthang wechseln sich mit schattigen Waldabschnitten am Westhang ab. Wir kommen an Schlingpflanzen vorbei, welche die großen Bäume des Bergwaldes fast vollständig bedeckt halten, probieren die ein oder andere wilde Orange und entdecken Pflanzen, die sauberes, mineralhaltiges Trinkwasser spenden. Plötzlich öffnet sich vor uns der Bergwald und wir stehen auf dem hohen Bergkamm der Sierra. Die Sonne grüßt vom blauen Himmel aus und ist umrandet mit kleinen weißen Wolken. Ein angenehm warmer Windzug kommt uns entgegen und versetzt die Bäume in ein leichtes Rauschen. Vor uns liegt ein breiter Pfad, der  über den Kamm führt und einen Panoramablick in alle Himmelsrichtungen bietet. Wir können weit in die Ebene blicken und sehen den eben durchwanderten Wald von oben und entdecken immer. Zwischen der grünen Umgebung stechen ab und an die Häuser der Bergbauern hervor, die sich in die Szenerie einpassen, als gehören sie schon immer hierher. Haben hier vielleicht die Guerrilleros um Fidel Castro gestanden und in die Ebene geschaut? Bei einem Blick in den Himmel sieht man viele kleine schwarze Punkte, die eifrig hin und her fliegen. Die Natur wirkt sehr geschäftig und friedlich, das Brummen der Insekten hat etwas angenehm Monotones. Während ich über den Bergkamm laufe kommt mir die Szenerie seltsam war, beinahe unwirklich. Alles scheint ruhig und geordnet an seinem Platz und doch habe ich das Gefühl, hier sei etwas anders als in Deutschland.

Natürlich gibt es hier eine andere Flora und Fauna, befinde ich mich in der tropischen und nicht in der gemäßigten Klimazone und ist das Gebirge anders beschaffen als die Ebene, doch da ist noch etwas anderes, etwas viel banaleres, was mich erstaunt: Es ist ein merkwürdiges Wohlbefinden hier oben, als erlebe man all das viel intensiver. Die Natur wirkt geschäftiger, prosperierender einfach ‚mehr‘ als in Deutschland. Dies scheint aber nicht an Kuba zu liegen, sondern, und das ist sicherlich sehr schwer vorstellbar für die deutschen Leser, an Deutschland. Es wirkt als sei die Natur, die Flora, die Fauna dort, einfach ‚weniger‘. Es wirkt als sei Deutschland krank. Natürlich gibt es auch dort Naturschutzgebiete und schöne Orte, Bergpanorama und eine Vielzahl von Insekten. Dennoch scheint es von hier aus so unvollkommen, als könne es mehr von all dem geben. In Deutschland hatte ich dieses Gefühl nie. Warum auch? Ich kannte es ja nicht anders. Musste ich Deutschland erst verlassen, um zu merken, dass etwas nicht stimmte? Doch was stimmt nicht? Woher dieser Eindruck?

Die Insekten sterben leise

War es denn mal anders in Deutschland? Hatten wir nicht mal mehr Insekten? Mehr Vögel? Mehr Tiere? Haben vor zehn Jahren nicht mehr Spatzen auf den Stromleitungen gesessen? Diesen Sommer hat man immer wieder zahlreiche „kriechende“ Bienen und Insekten auf den Straßen und Bürgersteigen sehen können. Halb tote, kaum bewegungsfähige Tierchen, unfähig zu fliegen und erst erlöst von ihrem Todeskampf vom hastigen Schritt der Passanten. Das Massensterben der Insekten ist längst nicht mehr Fiktion aus Romanen oder Filmen, es ist Realität geworden. Die Tiere sterben, der Nachwuchs bricht zusammen, die Bestände nehmen dramatisch, fast schon apokalyptisch ab. Manche Forscher und Journalisten sprechen gar schon vom „Sechsten Sterben[1]“, ausgehend von fünf massiven Populationseinbrüchen der Fauna unseres Planeten, wobei das letzte große Sterben vor 65 Mio. Jahren mit dem Ende der Dinosaurier stattfand, das Nächste erst noch bevorsteht.

Lange Zeit lagen dazu keine Zahlen vor, schließlich ist es unmöglich, all die Milliarden an Insekten mit ihren Eigenheiten einzeln zu zählen. Also hat man große Fallen aufgestellt und das Gewicht der eingegangenen Insekten gewogen um die Entwicklung der Insektenpopulation messen zu können. Nach vielen Jahren Forschung liegt nun das erschreckende Ergebnis vor: Seit 1989 ist die Masse der fliegenden Insekten in Deutschland um durchschnittlich 75% zurückgegangen. Von vier Insekten die noch im Jahr 1989 herumgeflogen sind, verbleibt heute nur noch ein einziges. Zu den Hochzeiten der Insektenpopulation im Sommer ist sogar ein Schwund von über 80% zu beobachten. Statt die Luft mit Leben zu füllen und den langen Sommerabenden ihren Charme zu verleihen, sind sie einfach verschwunden. Zurück bleiben nur die Stille und das Gefühl, etwas sei ganz und gar nicht in Ordnung. Wie konnte das passieren? Wie konnten wir unsere Insekten verlieren?

In den letzten zwanzig, dreißig Jahren hat die industrialisierte Landwirtschaft rapide zugenommen. Wir kippen immer mehr Gifte auf immer größere Äcker auf denen wir immer eintönigere Monokulturen pflanzen und dabei immer weniger die Fruchtfolge einhalten. Durch Wind und Wasser verteilen sich die Gifte dann in alle Himmelsrichtungen und erreichen jedes noch so kleine Insektennest. So werden die kleinen Insektenkörper auf der einen Seite immer mehr attackiert, was entweder direkt zum Tod führt oder aber die Fortpflanzung beeinträchtigt. Auf der anderen Seite entziehen wir den Tieren durch den Anbau von Monokulturen ihre Nahrungsvielfalt, durch das Fehlen von Wiesen, Brachland, Hecken und Seitenstreifen ihre Lebensräume. Die Tiere halten diese Doppelbelastung nicht aus, werden anfällig für Krankheiten und Tierseuchen, können sich nicht mehr vermehren oder den Winter überstehen und verschwinden schließlich nach und nach. Da sich jedoch ein Großteil der Vögel und auch viele Säugetiere von Insekten ernähren, nehmen wir nicht nur den Insekten ihre Lebensgrundlage, sondern auch noch einer ganzen Reihe von größeren Tieren. Ein einziger Eingriff ins Ökosystem wirkt sich fatal auf verschiedenste Bereiche der Natur aus. Vogelbeobachter schlagen schon lange Alarm: Unsere Vögel sterben! Nach Zahlen von NABU sind  vor allem die kleinen Vögel tragisch betroffen: Seit 1990 sind 80% der Kiebitze, 63% der Braunkehlchen und 35% der Feldlerchen in Deutschland verschwunden. In ganz Europa fliegen, flattern und pfeifen heute insgesamt 420 Millionen Vögel weniger herum, als noch vor 30 Jahren!

Es ist ein schleichender Prozess, der Exodus der kleinen Tiere. Wir leben so vor uns hin, gehen zur Arbeit, zur Schule oder in die Uni, zum Einkaufen in den Supermarkt und fahren im Sommer in die Ferien. Die Tiere sind immer da, ob als nervige Wespen beim Eis essen, als zirpende Grillen an langen Sommerabenden oder als munteres Vogelkonzert in den frühen Morgenstunden. Wer kann da schon sagen gestern hätte es mehr oder weniger Insekten gegeben, oder dass die Vögel dieses Jahr lauter wären als im Vergangenen. Es ist kein plötzlicher Tod von vielen Vögeln und Insekten, die wie vom Blitz getroffen vom Baum fallen und auf einmal weg sind. Da ist ein Prozess von vielen Jahren im Gange, in denen die Bestände stetig und dramatisch abnehmen. Am Ende des Winters gibt es dann weniger Bienenvölker, Käfer oder Vögel die überlebt haben. Sie verschwinden einfach und werden nur die Stille verwaister Landstriche als mahnendes Grab für nachfolgende Generationen zurücklassen.

Man merk erst dass etwas fehlt, wenn man es nicht mehr hat…

Manchmal wird einem erst bewusst, wie wichtig manche Dinge sind, wen man sie nicht mehr hat. Doch manchmal merkt man erst, dass überhaupt etwas fehlte, wenn man es plötzlich wieder hat. Wenn all die Vögel und Insekten plötzlich da sind. Dieser gewaltige Unterschied zu Deutschland, diese Vielzahl an kleinen Tierchen, die überall präsent sind, all das ist ein unwirkliches, fast schon unheimliches Gefühl. Hier ist es ständiger Begleiter: Ob in der Stadt oder auf dem Land: Das kubanische Ökosystem scheint intakt zu sein, das deutsche gebrechlich und schwach. Was macht Kuba anders? Warum gibt es hier keinen Exodus der kleinen Tiere? Was machen die Kubaner besser als wir?

Zuerst einmal muss man zugeben, dass die Kubaner überhaupt nicht die Mittel haben, um jene fatale industrialisierte Landwirtschaft zu unterhalten, die in Deutschland längst Gewohnheit ist. Die Gifte von Bayer-Monsanto, die in Deutschland und der Welt auf die Äcker gekippt werden, sind durch die Blockade meist gar nicht, oder nur sehr teuer zu erhalten. Nur wenige Campesinos und Landwirtschaftskollektive haben daher Zugriff darauf, oder auf andere Gifte. Dazu ist die landwirtschaftlich genutzte Fläche viel mehr zerstückelt als in Deutschland. Wenn man von den großen Zuckerrohrfeldern[2] mal absieht, wird die meiste Ackerfläche von den traditionellen Kleinbauern (Campesinos) oder den Kollektiven in kleineren Parzellen bewirtschaftet. Insgesamt haben die Betriebe und Bauern deutlich kleinere Landflächen und bauen dort deutlich vielfältigere Feldfrüchte an, als die Betriebe in Deutschland. Zudem gibt es hier und da immer wieder mal eine ungenutzte Wiese, Kaktushecken, einen Seitenstreifen und allgemein viel mehr Pflanzen, die keine Feldfrüchte sind, jedoch trotzdem wachsen und gedeihen dürfen. Das Ergebnis: verschiedenste Insekten finden Lebensraum und Nahrungsangebot. Schädlinge werden durch intelligente und nachhaltige biologische Systeme bekämpft. Die Tiere bleiben erhalten und sterben nicht in Massen.

Doch neben diesem „unbeabsichtigten[3]“ Umweltschutz ist Kuba auch eines der Länder mit einer sehr fortschrittlichen und aktiven Umweltpolitik. So hat das Land im Verhältnis zu seiner Fläche einen sehr hohen Anteil an Naturschutzgebieten, setzt, auch aus der Not heraus, auf biologische Schädlings- und Seuchenbekämpfung und unterhält zahlreiche Programme zum Schutz der Umwelt. Durch die intensive Forschungsarbeit gehört Kuba in Sachen Biotechnologie sogar zur Weltspitze. Durch die Nahrungsmittelkrise nach dem Zusammenbruch des Ostblocks wurde hier sogar ein Trend gestartet, den wir heute übernommen und „Urban Gardening“ genannt haben. Mitten in Havanna finden sich Obst- und Gemüsefelder, deren Erträge direkt an den Straßen verkauft werden. Im Zusammenspiel mit den zahlreichen Parks existieren so zahlreiche Ruhezonen und vor allem grüne Zonen, die nicht nur für die Tiere nützlich sind, sondern auch die Lebensqualität von uns Menschen deutlich erhöhen.

Auch wenn nicht alles Geplante immer klappt (Kuba hat wie die meisten Länder des globalen Südens ein beachtliches Müllproblem und auch das Bewusstsein für den Umweltschutz in der Bevölkerung lässt manchmal zu wünschen übrig), so kann der sozialistische Staat dennoch zurecht Stolz auf das Erreichte in Sachen Umweltschutz sein. Das Ergebnis kann man nicht nur sehen, sondern auch hören, zum Beispiel in einer kühlen Herbstnacht hoch oben auf der Sierra Maestra…

[1] Kolbert, Elizabeth: Das sechste Sterben. Wie der Mensch Naturgeschichte schreibt. Berlin 2015

[2] Die Zuckerrohrfelder sind zwar eine Monokultur, durch die fehlende Unkraut- und Insektenbekämpfung auf chemischer Basis jedoch deutlich gesünder für die Tiere als etwa ein Rapsfeld in Deutschland

[3] Es gibt durchaus Bauern die gerne Pestizide nutzen würden, es aber nicht können

Dieser Artikel ist von Kilian. Hier geht zu seinen anderen Artikeln

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Ein Gedanke zu “Landwirtschaft und Umweltschutz Teil 1: Wo die Stille wohnt

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