Eine Ehrung von Fidel Castro-Ruz

Am 25.11.2016 starb Fidel Castro-Ruz, Comandante mit 90 Jahren. Seitdem wird er jährlich an diesem Tag geehrt.

So auch am Sonntag, den 25.11.2018.

Vom Círculo Filatélico im Stadtteil Cerro, Havanna, zur Gedenkfeier eingeladen, konnten wir an einer von zahlreichen Ehrungen teilnehmen. Wer sich jetzt fragt, wie Philatelisten, also Briefmarkensammler, dazu kommen eine solche Gedenkstunde abzuhalten, dem sei gesagt, dass Briefmarken interessant sein können: alle wichtigen und besonderen Geschehnisse werden in Bildform und häufig auch mit Datum festgehalten. Sie erinnern durch Jubiläen an Gründungen verschiedener Organisationen, zeigen politische Staatsgäste, weisen darauf hin, welche wichtigen Gesetze geschaffen wurden, wer wann von wem geehrt wurde, welche Themen zu bestimmten Zeiten wichtig waren und vieles mehr. Briefmarken können also als Geschichtsbilderbuch dienen. Außerdem ist unser Gastgeber ein politisch aktiver Mensch, der Briefmarken als Medium zum Zusammenkommen nutzt.

Wir sitzen in einer Stadtteilbibliothek, der Raum ist klein und alle Stühle sind belegt. Das Publikum ist altersmäßig sehr gemischt, Grundschulschüler sind anwesend, Jugendliche, Erwachsene und Senioren.

Der Presidente de Círculo Filatélico del Cerro, Juan, begrüßt alle Anwesenden und auch uns Alemanes (Deutsche). Ein Schülerchor singt und als gemeinsame Eröffnung der Veranstaltung singen alle stehend die Nationalhymne Kubas. Nun wird es zur Ehrung Fidels mehrere Beiträge geben. Man nennt ihn ausschließlich bei seinem Vornamen: Fidel! So ist der Brauch.

Juan stellt nun ein Album ausschließlich mit Fidel gewidmeten Briefmarken aus dem Zeitraum von 1961 – 2014 vor, mit Geschehnissen aus diesen Jahren, aber auch mit Erinnerungen an frühere wichtige Ereignisse der Revolution. Thematisch geordnet sehen wir Marken von verschiedenen Jahrestagen, wie z.B. des 40. Jahrestages der Revolution und des Gesetzes der Landwirtschaftsreform, des 45. Jahrestages der Gründung des CDR (nachbarschaftliche Massenorganisation verlinken!), des 50. Jahrestages der UNO, des 35. Jahrestages des ersten Schnellzuges und noch einige andere Jubiläen. Gesichter von Staatsmännern, mit denen Fidel Castro zusammentraf, werden gezeigt. Auch der Papst Johannes Paul II. hat Kuba einen Besuch abgestattet. Auf jeder Briefmarke wird Fidel Castro Ruz in verschiedensten Kontexten dargestellt und auch sein Alter wird nebenbei dokumentiert. Insgesamt gibt es allerdings von der Anzahl her wenige Briefmarken mit ihm.

Interessant ist gleich die Geschichte zur ersten Briefmarke von 1961 mit dem Konterfei Fidels, sie wurde noch druckfrisch wieder eingezogen, weil sie keine wirkliche Briefmarke, sondern eine Spendenmarke für ein großes Denkmal zur Erinnerung an den Sieg über die Invasion der Amerikaner in der Bucht von Playa Giron war. Am ersten Verkaufstag wurde diese Marke in sehr großer Menge gekauft, weil viele Kubaner ein Bild von Fidel Castro Ruz besitzen wollten. Das war für Fidel nicht akzeptabel. Er hatte sehr schnell nach der Machtübernahme den Kult um seine Person, wie z.B. die Vermarktung seines Gesichtes, gesetzlich verboten und so wurde die Marke wieder zurückgenommen.

Was nun folgt, sind Schilderungen von persönlichen Begegnungen einzelner Vortragender mit Fidel und künstlerische Beiträge. Auch wenn Fidel Castro Ruz den Kult um seine Person nicht akzeptierte, so wird doch im Alltag viel Personenkult um ihn betrieben, denn er wird von vielen als eine große Respektsperson empfunden. Er gab sein Leben für das Volk (Patria o Muerte = Vaterland oder Tod), führte viele Menschen aus ihrer Not und handelte immer im Sinne des Volkes. Fidel Castro Ruz hat sich außerdem sehr oft dem Volk gezeigt und auf seinen vielen Regierungsreisen stets Kontakt zu einfachen Menschen gesucht, mit ihnen gesprochen oder sie geehrt.

Solche Geschichten hören wir nun: ein ältere Dame begegnete ihm bei einer Alphabetisierungskampagne, zu der sie als 16-jährige abbestellt wurde – Fidel sprach mit ihr, er hat bemerkt, wie jung sie war! Als ihr Schlusswort trug sie sehr gerührt das auf Kuba bekannte Abschiedsgedicht „Cuando se va“ vor.

Ein älterer Herr berichtete, dass Fidel, während einer Veranstaltung, bei der der Berichtende als Sicherheitsmann eingesetzt war, als Dank für seine Tätigkeit für ihn, mit der Hand seinen Helm berührte!

Ein anderer Vortragender berichtete von Fidel, dass er ihm, als „kleinen Angestellten“, während eines Rundgangs durch die Firma, mehrere Fragen stellte, obwohl auch Vorgesetzte anwesend waren, die diese hätten beantworten müssen. Fidel aber fragte ihn!

Eine sehr betagte Dame trug mit dramatischer Inbrunst zwei bekannte Lieder vor, die von vielen Anwesenden mitgesummt wurden.

Einer Profesora der Universität CUJAE bescheinigte Fidel schöne Beine, als er sie in den 1980-ern bei einem Landwirtschaftsprojekt für Studenten antraf: la profesora con las piernas lindas! Diesen Titel hatte sie noch länger.

Es wurde auch die Geschichte von einem tödlich verletzten, revolutionären Kämpfer erzählt, der als letzte Tat bevor er starb, mit dem Blut seiner eigenen Wunden das Wort „Fidel“ an die Wand schrieb. Diese Erzählung ist auf Kuba sehr bekannt und wird öfters wiedergegeben..

Alle sind sehr ergriffen und jede/jeder Vortragende hat irgendwann während des Erzählens feuchte Augen oder eine gepresste Stimme bekommen. Der Frau, die das Gedicht vortrugt, wurde von einem nahe sitzenden Mann aus dem Publikum liebevoll über den Rücken gestrichen, als sie den Tränen nahe war und schlecht sprechen konnte. Es wurde aber auch gelacht, denn obwohl es Fidel Castros Todestag war, wurde doch so manches als Anekdote erzählt.

„Wir denken jeden Tag an ihn, so wie wir an unsere Großmutter, unsere Kinder, an Raúl, an den Comandante Che und andere Personen denken, aber am 25.11. feiern und ehren wir nur ihn, Fidel.“ sagt Juan als Abschlusswort.

Später diskutiere ich mit verschiedenen Leuten aus meinem Umfeld (Deutsche) über den Personenkult. Es gibt deutlich kontroverse Meinungen. Was ist gut/schlecht am Personenkult? Was halte ich vom Personenkult um Fidel, Che und José Martí und andere Revolutionäre? Wieso fixiert man sich auf Fidel, ist das all den anderen Mitstreitern gegenüber nicht ungerecht? Hat er nicht auch zur Folge, dass die Person, hier Fidel Castro Ruz, tatsächlich lebendig in Erinnerung bleibt? Wird dadurch auch sein politisches Werk in Erinnerung bleiben? Wird am Vergangenen hängen geblieben, stagnierend, oder die Weiterentwicklung der Politik Fidels möglich sein? ….

Die Umwälzung der Gesellschaft durch die Revolution begann vor 60 Jahren! Fidel hat schon in seiner Verteidigungsrede „Die Geschichte wird mich freisprechen“ genau beschrieben, wie er dem kubanischen Volk das eigene Land wieder zurück geben wird. Diesen Weg ist er gegangen, zusammen mit dem Volk, mit Fehlern, wie er selber zugab und ohne sich zu bereichern. Doch trotz jener Fehler, ist Fidel Castro Ruz für mich eine Person, die ich aufgrund seines Mutes, seiner Zielstrebigkeit, seiner Überzeugung, seiner Selbstlosigkeit, seiner Halsstarrigkeit, seiner Genauigkeit, seiner Klugheit und Schläue bewundere. Er hat nach einem ersten Desaster überlebt (Sturm auf die Moncada, 26.07.1953), beim zweiten Anlauf mit seiner Rebellenarmee Batista vertrieben (er floh um den 1.1.1959 aus Kuba), hat in Havanna mit seiner Revolutionsbewegung die Regierung übernommen (8.1.1959) und hat in kürzester Zeit ein Vorhaben nach dem anderen durchgesetzt: Bildung für alle, begonnen mit der Alphabetisierungskampagne und Abschaffung des Schulgeldes; Wohnen für alle mit der Senkung der Mieten um 30-50% und Neubauten in Ost-Havanna für Geringverdienende und Senkung der Telefonkosten; Eigentum für alle mit der ersten Agrarreform, die große Ländereien, bzw. Plantagen unter den Landarbeitern und Bauern aufteilte und zu Kooperativen führen sollte, und Gesundheit für alle durch eine für jede/n frei zugängliche gesundheitliche Versorgung. Castro veränderte die Verfassung so, dass er als Ministerpräsident die vollständige Regierungspolitik bestimmen konnte und der Ministerrat als Einheit von Legislative, Exekutive und Judikative außerordentliche Vollmachten hatte. Die Einmischung anderer politischer Kräfte und ebenso die Möglichkeit abgewählt zu werden, wurde so verhindert und das große revolutionäre Vorhaben konnte beginnen. Aus der Sicht vieler Länder ein Defizit, was ihm zur Last gelegt wurde.

Auch wenn der Fokus stark auf Fidel gerichtet wird, so hätte er dieses gewaltige Projekt niemals ohne seine Mitstreiter und ohne das Volk umsetzen können. Es gibt auf Kuba eine ausgedehnte Ehrungs- und Erinnerungskultur, wie es sie in Deutschland nicht gibt. So wird nicht nur Fidel alleine geehrt, sondern in Form von Jahrestagen viele andere Personen, Vereinigungen, Berufsgruppen, Personengruppen und Ereignisse. Diese haben einen bewussten Raum in der Gesellschaft und werden teilweise richtig gefeiert. Alle haben ihren Platz, an erster Stelle aber Fidel!

Dieser Artikel wurde verfasst von Annette

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