Gemeinschaft, Aktivität und Solidarität – Besuch in der Casa de los Adulto Mayores auf der Isla de la Juventud

Wie bereits andere Gruppen zuvor durften auch wir das Altenheim in Nueva Gerona besuchen. An einem sonnigen Freitagmorgen kamen wir dort an. Die Einrichtung besteht aus zwei Gebäuden, die in einer ruhigen Straße liegen. Vor den Häusern stehen Bäume, unter denen viele Schaukelstühle und Bänke aufgestellt sind. Hier halten sich die Bewohner*innen bevorzugt auf, schwatzen, essen Eis mit Kuchen und beobachten, was auf der Straße vor sich geht.

Bei unserer Ankunft wurde noch ein Mann fertig rasiert. Dann stellten sich uns einige der insgesamt 81 Mitarbeiter*innen mit Namen, Beruf und Wohnort vor: die Direktorin, eine der Krankenpflegerinnen, Sozialarbeiterin, Psycholologin sowie die Enährungsspezialistin. Außerdem wurde uns erklärt, dass in der Einrichtung noch Mitarbeiter*innen der Wäscherei und des Sicherheitsdiensts, Reinigungskräfte, eine Podologin, Ärztin, Physiotherapeutin, Pharmazeutin und Köchin arbeiten. Dass alle Berufsgruppen ganz selbstverständlich genannt werden, beeindruckte uns sehr, werden doch in Deutschland z.B. die Reinigungskräfte bei einer Institutionsvorstellung meist keiner Erwähnung für Wert befunden. Dass die Einrichtung mulitdisziplinär ausgerichtet ist, versteht sich hier von selbst. Der Betreuungsschlüssel erscheint uns im Vergleich zu Deutschland extrem günstig1: stets (also auch im Nachtdienst!) sind mindestens 15 Mitarbeiter*innen für die 36 Menschen, die ganztags in der Casa de los Adulto Mayores leben, zuständig. Außerdem gibt es eine tagesklinische Betreungsmöglichkeit, bei der die Menschen von 8 Uhr bis 17 Uhr ihre Zeit in der Einrichtung verbringen und ansonsten bei ihren Familien bzw. in ihren eigenen Wohnungen leben. Dieses Angebot wird insbesondere von älteren Menschen, deren Angehörige tagsüber arbeiten oder studieren, genutzt. Da es sich bei dem Heim um eine staatliche Einrichtung handelt, ist der Preis für die Unterbringung beeindruckend niedrig: er liegt bei 40 Peso im Monat (ca. 1,50 Euro). Die Fürsorge für ältere Menschen wird uns als eine Priorität der Revolution erläutert. In der inhaltlichen Ausrichtung der Institution habe es in den letzten Jahrzehnten einen Wandel von einer rein geriatrischen hin zur eher gerontologischen Sicht gegeben: statt sich allein auf die Erkrankungen und Defizite des letzten Lebensabschnitts zu konzentrieren, betone man nun eher altersspezifische Ressourcen und Fähigkeiten.

In der Casa de los Adulto Mayores gibt es ein vielfältiges Angebot an die Bewohner*innen. Besonders großer Wert wird auf die Gemeinschaft und die Erhaltung der Aktivität gelegt. Die Mitarbeiter*innen bieten kreatives Arbeiten, kulturelle und sportliche Aktivitäten, gemeinsame Geburtstagsfeiern, Möglichkeiten, die eigenen Talente darzustellen, z.B. eigene Gedichte vortragen oder Lieder singen (wir bekommen direkt eine Kostprobe), an. Mindestens einmal im Monat fahren alle gemeinsam mit dem Bus an einen interessanten Ort. Auch wird darauf geachtet, den Kontakt zur jüngeren Generation nicht zu verlieren und den eigenen Bereich auch mal zu verlassen. Deshalb werden intergenerationale Aktivitäten sowie Treffen mit körperlich und geistig Behinderten organisiert. Die Auswahl und Planung der Aktivitäten gestalten die Bewohner*innen stets gemeinsam mit den Mitarbeiter*innen. Wöchentlich findet ein kognitives Training statt, um Gedächtnis, Konzentration und Denkvermögen zu erhalten und zu fördern. Es werden auch Seminare zum Thema Ernährung und Sexualität durchgeführt. Alles ist darauf ausgerichtet, einen gesunden Lebensstil anzuregen.

Die medizinische Versorgung wird durch die ständige Anwesenheit einer Ärztin sowie der Krankenpfleger*innen gewährleistet. Diese unterstützen außerdem bei der Körperpflege und anderen alltäglichen Tätigkeiten. Die hauseigene Apotheke ist rund um die Uhr besetzt. Außerdem besuchen regelmäßig verschiedene Fachärzt*innen die Einrichtung. Die Psychologin der Einrichtung bietet je nach Bedarf der Bewohner*innen wöchentliche Einzel- und Gruppenpsychotherapie an. Als häufig auftretende Erkrankungen werden uns Diabetes, Bluthochdruck, Demenz und Parkinson genannt, es gebe auch einige eher wenigere Fälle von Schizophrenie oder Depression. Alle sechs Monate wird eine genau Diagnostik des mentalen und physischen Zustands aller Bewohner*innen durchgeführt, um die Ergebnisse der Förderung und Behandlung zu überprüfen und weiteren Bedarf zu erkennen. Dabei habe sich z.B. gezeigt, dass sich das kognitive Training sehr positiv auswirkt, wie uns die Psychologin Lorena berichtete.

Dem regelmäßigen Austausch zwischen der Einrichtung und der Familie der Angehörigen wird eine hohe Bedeutung beigemessen. Alle sechs Monate findet ein Gespräch mit allen Beteiligten statt, bei Bedarf geschieht dies deutlich häufiger. Auch familientherapeutische Interventionen werden eingesetzt. In vielen kubanischen Familien leben vier oder fünf Generationen unter einem Dach, was natürlich auch immer wieder zu Konflikten führen kann. Lorena erklärte mir, dass es in Kuba kulturbedingt ein anderes Verständnis von Gewalt gegenüber Ältern gebe. In Deutschland sind wir es eher gewohnt, von manifester Aggression gegenüber pflegebedürftigen Personen zu hören, die durch die extreme Arbeitsbelastung und mangelnde Wertschätzung gegenüber Pflegenden verursacht wird. Von der ständigen Einsamkeit und Isolation, die ältere Menschen erfahren, ist jedoch kaum die Rede, fast scheinen sie in unserer Gesellschaft Normalität geworden zu sein. In Kuba dagegen werde der Gewaltbegriff weiter gefasst: Nichtbeachtung und Vernachlässigung eines älteren Menschen würden bereits als schwere Verletzungen definiert und dementsprechend behandelt. Ein Familienmitglied allein zu lassen, sei für die Kubaner*innen kaum denkbar.

Bewohner*innen wie Mitarbeiter*innen beschäftigt das Thema des demografischen Wandels auf der Isla de la Juventud immens. In den letzten Jahren ist eine immer stärker Überalterung der Gesellschaft zu beobachten, da die Jüngeren die Gegend verlassen, um z.B. in Havanna bessere Studienmöglichkeiten in Anspruch zu nehmen. Der Wehmut über diese Entwicklung ist deutlich zu spüren. Andererseits muss aber auch sichergestellt werden, dass die zunehmende Anzahl der Älteren versorgt werden kann. Die Leiterin der Einrichtung erklärte uns, dass die Betreuungsmöglichkeiten durch den kubanischen Staat garantiert werden, weshalb man nun dabei sei, die Angebote auf der Isla de la Juventud auszubauen.

Schnell fiel uns auf, dass in der Casa de los Adulto Mayores hauptsächlich männliche Bewohner von weiblichen Mitarbeiterinnen betreut werden. Die Direktorin erklärte, dass dieser Umstand in der Einrichtung reflektiert werde. Das Kollegium erachte die Sozialisierung der Menschen in einer noch eher patriarchalisch geprägten Kultur als entscheidend. Die Sorge um andere werde von Mädchen von kleinauf bereits eher erwartet als von Jungen. Dadurch würden diese bereits früh entsprechende Aufgaben erledigen und sich dann später als Erwachsene besser darauf vorbereitet fühlen, so dass sie dann eher Berufe wählen, die mit Fürsorge, Altruismus und Pflege assoziiert sind. Wie fast überall auf der Welt haben Frauen in Kuba zudem eine höhere Lebenserwartung als Männer und werden auch gesünder älter als diese. Wenn sie auf Hilfe angewiesen sind, seien die kubanischen Familien oft eher bereit, die Mütter zu betreuen als die Väter, weshalb sich letztere dann eher in der Einrichtung wiederfänden. Bislang gebe es auch erst ein einziges Zimmer für weibliche Bewohnerinnen, was sich jedoch demnächst ändern werde.

Auch bemerkten wir, dass es wenig Rückzugsräume gibt, ständiger Kontakt scheint etwas sehr Selbstverständliches zu sein. Dass die Betonung von Gemeinschaft aber nicht immer reibungslos funktioniert, wurde nicht verschwiegen. Die Mitarbeiter*innen berichteten, dass in der Einrichtung Menschen aus ganz Kuba leben, da in der Spezialperiode viele hierher gezogen seien. Temperament und Einstellungen seien aber je nach Provinz recht unterschiedlich: während Menschen aus Oriente (der Osten Kubas) viel Wert auf Austausch und Solidarität legen würden, seien die Personen aus Occidente (der Westen Kubas) zurückhaltender und distanzierter, so dass es beim Zusammetreffen dieser Gegensätze manchmal zu einem regelrechten Kulturschock käme.

Beim Rundgang wurde uns der Garten gezeigt, in dem z.B. Mais und Heilpflanzen, (Salbei, Oregano, Knoblauch etc.) angebaut werden. Auch die Bewohner*innen arbeiten je nach Interesse im Garten und beschäftigen sich mit der Nutzung natürlicher Heilmittel. Andere machen Handarbeit, nähen, häkeln und stricken Hübsches und Nützliches für den Haushalt. Beim Nähen werden alte Stoffe recycelt, z.B. stellen einige Bewohner*innen Badvorleger und Sitzauflagen aus abgelegter Kleidung her. In diesem Zusammenhang berichtete mir die 81jährige Maria Aregan Marero, dass es meist zu wenig Wolle gebe, um stricken zu können. Sie besuche seit drei Jahren den tagesklinischen Teil der Einrichtung und komme sehr gern her. Maria erklärte, dass sie Mitglied der PCC (partido communisto cubano = Kommunistische Partei Kubas) sei und dass sie die jetzige Zeit in politischer Hinsicht als eine der schwierigsten ihres Lebens betrachte. Die jahrzehntelangen Auswirkungen der Blockade würden sich natürlich nicht nur beim Fehlen von Wolle bemerkbar machen. Viel gravierender noch seien das Ausbleiben von Medikamentenlieferungen für die Bevölkerung und Ersatzteillieferungen für die kubanische Industrie. In den kubanischen Präsidenten Diaz-Canel habe sie volles Vertrauen und hoffe, dass er die Isla de la Juventud baldmöglichst besuchen2 werde, um sich genauer mit den Problemen vor Ort zu befassen. Maria ist ein Beispiel von vielen weiteren Bewohner*innen der Einrichtung, mit denen wir sprechen durften und die uns ganz selbstverständlich an ihrem Leben und ihren Erfahrungen teilnehmen ließen.

Bei uns allen hat dieser Besuch einen tiefen Eindruck hinterlassen. Besonders beeindruckt hat uns die qualitativ hochwertige und umfassende Betreuung und Behandlung der Bewohner*innen. Im Vergleich zu Deutschland fällt auf, dass reguläre Altenheime bei uns keineswegs eigene Ernährungsspezialist*innen, Psycholog*innen, Sozialarbeiter*innen, Podolog*innen, Ärzt*innen und Pharmazeut*innen angstellt sind. Dementsprechend zeigt sich auch das Angebot für die Bewohner*innen deutlich reduziert, meist gibt es in der Woche nur einige wenige Termine, an denen alle teilnehmen können, um Gemeinschaft zu erleben, ihren Alltag mitzubestimmen und ihre Fähigkeiten zu trainieren. Dennoch kostet ein Heimplatz in Deutschland viel Geld3. Das kubanische Beispiel zeigt, was alles möglich ist, wenn eine soziale Einrichtung keinen Gewinn erwirtschaften muss, sondern stattdessen sogar vom Staat subventioniert wird. Die Auswirkungen machen bei den zufriedenen und gut versorgten Bewohner*innen nicht Halt, auch die Mitarbeiter*innen, die wir kennenlernen durften, sind nicht mit den in Deutschland typischen Problemen der Pflegeberufe (mangelnde Bezahlung und Wertschätzung, ständige Überforderung und Überarbeitung) konfrontiert und haben unserem Eindruck nach viel Freude an ihrer Tätigkeit und dem Kontakt zu den älteren Menschen.

1 Der Betreuungsschlüsel ist in Deutschland nicht gesetzlich festgelegt, er hängt von der Pflegestufe der zu Betreuenden und dem Bundesland ab. In einem typischen Altenheim in Berlin mit 100 Bewohner*innen arbeiten beispielsweise im Tagesdienst 15 Pflegekräfte. Laut der internationalen Pflegevergleichsstudie RN4CAST von 2012 kümmert sich in Deutschland eine Pflegekraft im Schnitt um 13 Patient*innen (wobei hier nicht zwischen Alten- und Krankenpflege unterschieden wurde).

2 Wenige Tage nach unserem Besuch in der Casa de los Adulto Mayores besuchte Diaz-Canel die Isla de la Juventud tatsächlich. Er reiste am 14.09.18 an, um sich vor Ort über die Auswirkungen des Hurricanes, der die Isla am 08.09.18 traf, zu informieren.

3 In Deutschland zahlt die gesetzliche Pflegekasse an das Heim monatlich folgende Leistungen: Pflegestufe 0: 0 Euro, Pflegestufe I: 1.064 Euro, Pflegestufe II: 1.330 Euro, Pflegestufe III: 1.612 Euro. Darüber hinaus müssen die Bewohner*innen noch die sogenannten „Hotelkosten“ (Verpflegung und Unterbringung und Investionskosten begleichen. Um einen Gewinn zu erwirtschaften, drücken die Heimbetreiber die Personalkosten, indem sie weniger Personal als nötig beschäftigen und sehr geringe Löhne zahlen.

Dies ist ein Artikel von Corinna

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