Piraten ungeschlagen

In Deutschland besuche ich allwöchentlich Fußballstadien, in der Regel die Partien des Hamburger Sportvereins sowie weitere Amateurspiele, die in meiner Heimatstadt Hamburg stattfinden. Einerseits liegt das natürlich am Fußball, der mich als Sport begeistert, auf der anderen Seite fasziniert mich seit jeher das Stadionerlebnis. Vor meiner Abfahrt nach Kuba empfand ich Wehmut bei dem Gedanken, die nächsten Monate voraussichtlich kein Fußballstadion betreten zu können.

Um dem Entzug entgegenzuwirken, kam mir die Idee, Baseball, den Nationalsport Kubas, zu verfolgen. Nach meiner Ankunft in Kuba begann ich schnell damit, mich über stattfindende Begegnungen zu informieren. Auf der Isla de la Juventud erzählte mir ein Bekannter auf Nachfrage, dass er am folgenden Tag eine Partie besuchen wolle. So kam es dazu, dass es für mich am darauffolgenden Nachmittag zu meinem ersten Baseballspiel ging.

Das Stadion von Nueva Gerona, das Estadio Cristóbal Labra, befindet sich zwei Blöcke entfernt vom zentralen Platz der Hauptstadt der Isla de la Juventud. Am Stadion angekommen zahlten wir einen Eintrittspreis von einem Peso Cubano (umgerechnet ungefähr 4 Cent). Dasselbe kostet zum Vergleich auch eine Fahrt im öffentlichen Bus. Einlasskontrollen fanden keine statt, so dass wir direkt zu den Tribünen durchgingen. Besucher deutscher Fußballstadien sind da andere Maßstäbe gewöhnt. Als wir uns einen der Plätze auf der Tribüne aussuchten, hatte das Spiel schon begonnen. Die Spielstätte war mit 500 Menschen gut gefüllt, kann aber mit einem Fassungsvermögen von 5000 Plätzen viele weitere Zuschauer aufnehmen. Es spielten an diesem Tag die lokale Mannschaft „La Isla“ (wie man das Team der Isla de la Juventud kurz nennt) gegen das Team aus Cienfuegos. Dazu lässt sich sagen, dass jede Provinz ihre eigene Mannschaft hat, sodass insgesamt 16 Provinzteams im Ligasystem gegeneinander antreten.

Anfänglich war ich damit beschäftigt, mir die Regeln erklären zu lassen. An sich lässt sich sagen, dass Baseball ähnlich funktioniert wie das aus der Schule bekannte Brennball. Ein*e Spieler*in des einen Teams wirft den Ball zu seinem*seiner Mitspieler*in, eine*r seiner*ihrer Gegenspieler*innen versucht den Ball mit einem Schläger abzufangen, indem er*sie ihn möglichst weit wegschlägt. Schafft er*sie das, fangen seine*ihre Teamkameraden damit an, ihre Runden zu laufen, während das werfende Team versucht, den Ball wieder zurück zu seiner Basis zu bekommen. Die Spieler*innen, die sich bei der Abgabe des Balles an der Basis noch im Lauf befinden, müssen zum Startpunkt zurückkehren Diejenigen, die den Lauf vollenden, bringen dem eigenen Team Punkte. Das Spiel dauert durchschnittlich ungefähr vier Stunden.

Auf Grund der Beschaffenheit, der daraus resultierenden Langatmigkeit und vielleicht auch aus anderen Gründen konzentriert sich die Mehrheit des Publikums nicht durchgehend auf das Spiel. Vielmehr wird sich auf der Tribüne lebhaft über Gott und die Welt unterhalten. Dabei dürfen selbstverständlich Rum und Bier nicht fehlen, die, genauso wie Softdrinks und Snacks, bei fliegenden Händler*innen vor dem Stadion gekauft werden können, um im Anschluss auf den Tribünen konsumiert zu werden. Die Zusammensetzung des Publikums ist ziemlich bunt: alle Altersklassen und Geschlechter waren anzutreffen. Ein Teil der Fans begleitete das Spiel durchgehend mit Trommelrhythmen, dazu gab es zeitweise einige Gesänge in Richtung Spielfeld. Da weite Teile des Publikums die eigenen Spiele kennen, gab es immer wieder aufheiternde Kommentare oder witzig gemeinte Neckereien in Richtung des Teams der Isla.

Unten bewegten sich die Kinder zu den Trommelschlägen und einige besonders fanatische Isla Fans, die sich gemäß dem Logo der Mannschaft als Pirat*innen verkleidet hatten, tanzten mit ihnen. Bei besonders gut verlaufenden Runden der eigenen Mannschaft, die mit zwei oder drei Punkten auf einmal endeten, fing das ganze Stadion lautstark an zu jubeln. Insgesamt verlief das Spiel sehr zu Gunsten des Teams der Isla, das sich nach zwei Stunden absetzen konnte und den Vorsprung dann bis zum Schluss nicht mehr abgab. Am Ende stand ein Resultat von 10-6 Punkten für das Heimteam auf der Anzeigetafel.

Die durchgehend friedliche Atmosphäre im Stadion, die generationsübergreifende Gemeinschaftlichkeit, das werbefreies Sportereignis und die Lockerheit in Sachen Sicherheitskontrollen haben mich als Besucher deutscher Stadien fasziniert. Auch wenn Baseball bisher noch nicht zu meinem Sport geworden ist, freue ich mich jetzt schon auf ein weiteres Stadionerlebnis.

Dieser Artikel ist von Malte.

 

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