Ein Hautartzttermin in Havanna

Wenn man in Deutschland einen Besuch beim Facharzt machen möchte, kann dies schnell zu einem sehr aufwändigen und lästigen Unterfangen werden.

So ging es mir auch mal wieder einige Wochen vor meinem Kuba-Aufenthalt, als ich versuchte, noch einen Hautarzttermin zu bekommen, um einen Ausschlag untersuchen zu lassen. Die Anrufe bei verschiedenen Praxen in meiner Stadt waren allesamt ziemlich ernüchternd: „Sind sie schon Patient bei uns? Nein? Tut mir leid, wir nehmen zur Zeit keine neuen Patienten auf“. „Sind sie privat versichert? Nein? Wir haben in den nächsten Monaten leider keinen Termin mehr frei“. „Tut mir Leid, unsere Praxis zieht gerade um …“ und so weiter. Jedenfalls habe ich es nicht mehr geschafft, vor meinem Abflug eine Praxis zu finden, die nicht total ausgelastet war, also verschob ich den Besuch erst einmal auf unbestimmte Zeit.

In Kuba bin ich dann mit der Vermieterin von unserer Wohnung in Havanna über Arztbesuche und das Gesundheitssystem ins Gespräch gekommen. Sie erzählte mir, dass es für gewöhnlich recht unkompliziert sei, hier in Kuba zum Arzt zu gehen, und bot mir an, mich zu begleiten.

Weil wir keinen Termin hatten, sind wir dann recht früh morgens in das Hospital General Calixto Garcia gegangen, eine ziemlich große Klinik im Stadtteil Vedado. Im Wartezimmer der dermatologischen Abteilung war es ziemlich voll, was mich zuerst etwas beunruhigte. Vor allem natürlich wegen meinen Erfahrungen in Deutschland, wo man schließlich selbst mit Terminen gerne mal ein paar Stunden im Wartezimmer sitzt. Bald hatten wir dann einen Arzt gefunden, der uns in eine Liste eintrug und schon nach einer guten Stunde wurden wir schließlich aufgerufen.

Im Behandlungszimmer saß ein Arzt und eine Ärztin, die sich gemeinsam um einen Patienten kümmerten und mich gegen Vorlage meines kubanischen Studentenausweises behandelten.

Vor allem, wenn ich daran denke, wie gestresst Ärzte in Deutschland – insbesondere in Krankenhäusern – sind, und wie wenig Zeit sie jeweils für ihre Patienten haben, fand ich es ziemlich beeindruckend, wie schnell alles ging, ohne aber, dass die Ärzte sonderlich gestresst oder überarbeitet wirkten.
Als Ergebnis bekam ich dann unter anderem eine Salbe verschrieben und einen neuen Termin eine Woche später. Die Salbe in einer Apotheke zu finden war dann schon etwas schwieriger, aber für diesen Fall hatten mir der Arzt und die Ärztin ein weiteres Rezept gegeben, mit dem ich mir in einer speziellen Apotheke in der Nähe des Krankenhauses die Salbe zusammen mischen lassen konnte – man musste nur ein eigenes Gefäß mitbringen. Einen Tag später konnte ich dann mein ehemaliges Pesto-Glas nun gefüllt mit der Salbe für zwei kubanische Pesos abholen kommen, was umgerechnet etwa acht Cent sind. Eine wesentlich kleinere Tube einer Salbe mit ähnlichem Wirkstoff kostet in Deutschland etwa 12 Euro und wird wohl für gewöhnlich auch nicht von der Krankenkasse übernommen.

In einem anderen Fall kam ich in der Erstaufnahme beim HNO-Arzt sogar schon nach nur fünf Minuten dran, während solche Arztbesuche zu Hause auch jedes Mal ein mühseliges Unterfangen sind.

In Kuba werden de facto alle Behandlungskosten vom Staat übernommen und die Zahl der Ärzte und Krankenpfleger pro Einwohner ist die höchste der Welt.

Vor kurzem gab es in Deutschland Streiks in Krankenhäusern für eine Höhere Personaldeckung, zum Beispiel in meiner Heimatstadt Essen.

Unter anderem, da dort in einer Schicht durchschnittlich bloß zwei Pfleger*innen für 26 Patient*innen zuständig sind, weil bundesweit mindestens 180.000 Krankenhausstellen fehlen (nach konservativen Berechnungen). Abgesehen davon sind bestimmte Medikamente und Therapien bloß für hohe finanzielle Mittel zu bekommen, weil die Krankenkassen nicht alles bezahlen, während Kuba es schafft, allen Menschen eine kostenlose medizinische Grundversorgung zu gewährleisten.

Gerade wenn man die finanziellen Mittel von Kuba und Deutschland vergleicht, finde ich es bezeichnend, dass Kuba es hinbekommt, solche Grundlagen zu gewährleisten, während sich die Klinikleitungen in Deutschland konsequent weigern, diese Missstände zu beheben, was sowohl schlecht für die Patient*innen, als auch für die dort jeweilig arbeitenden Angestellten ist.

Allein schon, weil Krankenhäuser bei uns einer Profitlogik unterworfen sind, kommt es dazu, dass der eigentliche Zweck des Gesundheitswesens – nämlich die Gesundheit der Bevölkerung zu garantieren – in den Schatten gestellt wird von Sparmaßnahmen und der gleichzeitigen Kommerzialisierung des Gesundheitswesens.

Ich habe mich gefreut, hier in Kuba sehen zu können, wie es auch laufen kann, solange im Gesundheitswesen weiterhin der Mensch und nicht der Profit im Mittelpunkt steht.

Der Streik in Essen ist mittlerweile Abgeschlossen. Immerhin wurden 160 neue Stellen geschaffen. Alles in allem reicht das noch lange nicht, ist aber schonmal ein guter Anfang an dem man bei weiteren Kämpfen gut anknüpfen kann. Dementsprechend wünsche ich den kämpfenden Gesundheitsmitarbeiter*innen daheim viel Erfolg.

Dieser Artikel ist von Jurek.

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