Playa Florida – Ein sonderbarer Besuch in einem kleinen Küstendorf – Eindrücke 6 Monate nach Hurricane Irma

Am 9. September 2017 preschte einer der stärksten Hurrikane seit Wetteraufzeichnungen durch die Karibik. Vor allem Haiti, Puerto Rico und Cuba waren betroffen. Der Tropensturm überrannte die kleinen Inselnationen in Ausmaßen, die vorher zwar abzusehen, jedoch nicht zu verhindern waren.

Was tut man, wenn die eigenen vier Wände plötzlich davon zu fliegen drohen?

Sicherheitsvorkehrungen – lose Teile sichern, Dächer, Zäune, Boote, und alles was geht, festbinden. Elektrogeräte möglichst weit entfernt vom Boden lagern. Denn der Sturm bringt nicht nur Windböen von bis zu 285km/h, sondern lässt auch das Meer so aufbrausen, dass meterhohe Wellen die Straßen ertränken. Das heißt, wichtige Dokumente sichern, Familienfotos, Bücher etc. einpacken. …was ist eigentlich das Wichtige, wenn die komplette Existenz in Gefahr ist? Fragen, die mich vor allem während und nach meinem Besuch in Playa Florida beschäftigt haben.

Die Hauptstraße in Playa Florida

Auf einer Reise strandete ich gemeinsam mit einer Freundin vergangenen Monat in dem abgelegenen Küstendorf Playa Florida. Ca. 50 km von der drittgrößten Stadt Cubas, Camagüey, entfernt, liegt der 500-Seelen-Ort. Ein Bus fährt hier nur dreimal die Woche hin – Montag, Mittwoch und Freitag. Beliebiges Kommen und Gehen ist also nicht angesagt – und so begann ein abenteuerlicher Abschnitt unserer Reise. Playa Florida besteht aus nicht mehr als drei Straßen, die Häuser sind einfach und das Gegenteil von luxuriös. An den unasphaltierten Straßen reihen sich einstöckige Häuser, die mit ihren Betonkonstruktionen, kleinen Terrassen und Wellblech- oder Palmenblattdächern zum typischen Flair von kubanischen Küstenorten gehören.

Die Straßen sind leer, hier und da streunert ein verloren aussehender Hund umher, auf einigen Terrassen sitzen Menschen, die den Zeigern beim sich drehen zuschauen, den sanften Wellen beim brechen zuhören und gemächlich die Zöpfe der kleinen Tochter zurechtrücken. Hier plätschern Klänge der wohlbekannten Reaggetonlieder aus einer Box, da schrauben ein paar Männer an einem alten Motor herum. Es ist ruhig, ein typisches Fischerdorf. An einer handvoll Häusern stehen Schilder, die diese zum Verkauf anbieten. Der Himmel ist blau, der Strand ist neben Müll voller paradiesischer Muscheln und die Sonne tut ihren Soll, um das Karibikfeeling zu vervollständigen.

…doch die Atmosphäre ist angespannt. Es hängt eine beunruhigende Ruhe in der Luft. Es ist zu still, die Stimmung hat etwas unbehagliches. Von den wenigen Menschen, die wir auf der Straße sehen, werden wir mit verwunderten Blicken willkommen geheißen – „Was machen die denn hier?“, steht allen, die uns sehen, ins Gesicht geschrieben.

Der Blick auf den Strand

Seit Hurrikane Irma hier durch die Straßen gefegt ist, war anscheinend nicht mehr viel Besuch da…

In den Wellen, die gemütlich auf den offensichtlich von Unwettern gebeutelten und recht verwüsteten Strand schwappen, spielen ein paar Kinder. Die schattenspendenden Palmenblattunterstände am Strand sehen zerrupft aus. Die Häuser in der ersten Küstenreihe sind sehr einfach und viele bedürfen Wiederaufbauarbeiten. Ein touristisches Niederlassen und Ausspannen am Strand scheint hier nicht das angemessene Verhalten zu sein.

Mehr schlecht als recht kommen wir mit zwei Fischern ins Gespräch. El Enano und Coquin (der Zwerg und sein Kumpel, der auf Kokospalmen klettern kann). Die zwei Mittfünfziger rieten uns stark von der Idee ab, am Strand zu zelten – es gäbe riesige Moskitos, fiese Sandflöhe und (!), im Hinterland, Krokodile. Na gut, überzeugt: In einem Zelt abseits vom Dorf sind wir schlecht aufgehoben. Beim Enano im Haus gab es ein freies Zimmer, das wir großzügigerweise beziehen durften und so einen ganz besonderen Einblick in das Dorfleben bekamen. Es begann ein Abend voller Geschichten rund um das Leben vor und nach Hurrikane Irma.

Es ist schwierig das, was wir an diesen zwei Tagen in Playa Florida erlebt haben, in einem geschriebenen Text wieder zu geben. Eine völlig fremde Welt besteht aus so vielen Eindrücken von Bildern und Gerüchen, über Stimmungen, bis hin zu den einfachsten Details, die das Erlebnis ausmachen.

Das Haus vom Enano war eins wie jedes andere im Dorf: aus Beton, mit einer kleinen Terrasse, zwei Zimmern, einer Küche und einer hinteren Terrasse. Ich habe selten ein Haus mit so spärlicher Einrichtung gesehen. Im Zimmer vom Enano stand ein Bett, ein Ventilator, ein Fernseher. Im anderen Zimmer ein Bett. Die Wände waren grau und unverputzt. In der Küche gab es eine Herdplatte und ein Spülbecken. Und, eine große Tiefkühltruhe (wie wir später erfuhren, das Herzstück des Hauses, das wie durch ein Wunder den Hurrikane überlebte). Sonst nichts. Auf der vorderen Terrasse waren Baumaterialien gelagert. Es war staubig, roch moderig – aber es war nicht verwahrlost. Es war einfach ein sehr einfaches Haus, mit einem sehr einfachen dazugehörigen Leben.

Ausblick von der Terrasse

In Playa Florida gibt es eine Grundschule. Einmal die Woche kommt eine Lieferung mit den Waren der Bodega (Reis, Bohnen, Hühnchen, etc.). Alle paar Tage kommt ein Brotverkäufer aus dem nächst größeren Ort Florida. Viel Gemüse wird von den Bewohner_innen selbst angebaut. Seit dem Sturm trinken viele Menschen das Leitungswasser nicht mehr, da dies mit Bakterien verseucht ist, so kommt auch ein Transporter, der Wasser in großen Tanks liefert.

Festessen für die Besucherinnen

Offensichtlich war es für den Enano und Coquin etwas ziemlich besonderes, uns zu Besuch zu haben. Nachdem anfängliche soziale Ungeschicklichkeiten umschifft worden waren, eine Glühbirne für das sonst unbenutzte fensterlose Zimmer besorgt wurde, saßen wir gemeinsam am Tisch und es wurde besprochen, was es zum Abendessen geben würde. Immer wieder fassten sich die beiden Fischer fassungslos an den Kopf und lachten beim Gedanken, wir säßen nun geplagt von Mücken und Sandflöhen in unserem dunklen Zelt. Unsere zum Essen beigesteuerten Tomaten, Paprikas und Ananas wurden dankend angenommen – der wirklich nahrhafte Teil des Essens wurde uns jedoch serviert: frischer Fisch, Reis und Kürbis. Aus der Küche, die für deutsche Verhältnisse wirklich spärlich ausgestattet war, wurde ein Festessen gezaubert, mit Fisch von dem sich in Berlin nur träumen lässt. Dazu gab’s Drinks und Geschichten aus dem Leben vom Enano und seinem Kumpel. (Der Drink: purer Alkohol! …für Frauen die Lightversion: purer Alkohol gemischt mit Zucker und Zitronensaft. Man musste sich also ganz schön an der Tischkante festhalten – oder viel frittierten Fisch essen. Willkommen bei den rauen Sitten der Seemänner…)

Ein Blick in die Küche

Ein Blick in das Gästezimmer

Sturmwarnungen

Als es Anfang September zu Warnungen vor dem Sturm kam, waren die Dorfbewohner_innen wenig beeindruckt. Stürme gäbe es viele – und Coquin sei, so wie sein Vater auch, in Playa Florida geboren und habe schon viel erlebt. Als die Prognosen brenzlicher wurden und das Dorf am 8. September evakuiert wurde, war die Überzahl der Bewohner_innen davon überzeugt, es würde sich um eine vorschnelle Vorsichtsmaßnahme handeln. Aufgrund von Zeitmangel und der Annahme es würde die Südküste Kubas nicht so hart treffen, packten der Enano und Coquin zwar ihr Hab und Gut zusammen, doch waren längst nicht auf den Schaden, den Irma letztendlich hinterlassen würde, gefasst.

Zwölf Tage waren die Dorfbewohner_innen in dem nächst größeren Ort Florida im Landesinneren in Schulen untergebracht. Die Bewohner_innen wurden mit Bussen abgeholt – das Mitfahren war nicht freiwillig, es handelte sich um eine offizielle Evakuierung. Fünf Männer, darunter auch Coquins Vater, blieben im Dorf um Wache zu halten. In Florida wurden die Evakuierten mit Essen, Trinken, Decken und wohlwollender Fürsorge der dortigen Anwohner_innen versorgt.

Die Rückkehr ins Küstendorf war ein Schock

Die Straßen waren meterhoch mit Wasser überschwemmt. Viele Häuser waren zerstört oder kaum wieder zu erkennen. Überall schwammen Matratzen, Kühlschränke, Waschmaschinen, Fernseher. Die wenigen Autos und Motorräder im Dorf waren zerstört. „Das Dorf war nicht wiederzuerkennen“, meint der Enano. Er beschreibt uns sein Haus: die Wände waren verputzt, es gab Regale, er hatte Bücher, Fotos an den Wänden, eine gut ausgestattete Küche… Alles war fort. Oder zerstört. Von einem Tag auf den anderen.

Das Dorf war kaum wiederzuerkennen

Es wurde sich ausgezeichnet gekümmert!

Trotz des Schocks ging das Leben weiter. Es wurde aufgeräumt, wieder aufgebaut, gerettet was zu retten war. Die Zusammenarbeit und der Zusammenhalt waren für die beiden Männer das Beeindruckendste. Die Bewohner_innen unterstützten sich wo es nur ging. Anfangs wurde bereits gekochtes Essen aus Florida gebracht und nur drei Tage nach Rückkehr war der gesamte Ort wieder mit Strom versorgt. In Playa Florida wurden 15 Häuser komplett zerstört. Die betroffenen Familien bekamen neue Häuser in einer Siedlung etwa 20 km Richtung Landesinneres gestellt, wohin sie zeitnah umziehen konnten. Den anderen Bewohner_innen wurden Baumaterialien zur Verfügung gestellt und notwenige Haushaltsgeräte (Herd, Reiskocher) zu sehr günstigen, subventionierten Preisen verkauft.

20 Tage nach dem Sturm wurde der Schulbetrieb wieder aufgenommen und alle waren beeindruckt von der Hilfe und Unterstützung, die sowohl vom Staat als auch von weniger schwer betroffenen Mitmenschen kam. …doch das Leben im Dorf hat sich verändert. Die Anwohnerzahl hat sich um ein Drittel verkleinert, einige versuchen ihr Haus an der Küste zu verkaufen, um weiter ins Landesinnere zu ziehen.

„Ich bin hier geboren, und ich werde hier sterben…

…Das Meer ist mein Zuhause“, sagt Coquin, der seinen Lebensunterhalt mit fischen verdient. Auch der Enano, Fischer und Schweinefleisch-Räucherer, ist sich sicher, dass er Playa Florida so schnell nicht verlassen wird. Immer wieder betonen die beiden, dass der Sturm das Schlimmste sei, was dem Ort seit langem passiert ist, die Hilfe vom Staat und Kraft, die sich in den Menschen mobilisiert hat, jedoch ermutigend sind und einen hoffnungsvollen Blick in die Zukunft wagen lassen.

Trotz der letztendlich positiven Erfahrung, die wir in Playa Florida machen durften, sind wir erleichtert als der einzige Bus, der an diesem Tag fahren würde, mit 2 Stunden Verspätung eintrudelt. Auf der Fahrt wird eine englischsprachige Hochglanzzeitschrift durch den Bus gereicht: Ein Touristenmagazin, in dem auch Playa Florida eine Seite gewidmet ist. Auf einem Foto ist ein Bewohner des Dorfs mit seinem Fischerboot zu sehen. Das sorgt für reichlich Gesprächsstoff während der fast 2-stündigen Fahrt.

Der Abschied

Der Bus hält auch bei der Siedlung mit den neuen Häusern, der Familien, die ihr Haus verloren hatten. Er rollt auf einem Platz, wo Kinder Fussball spielen und Alte auf Bänken im Schatten sitzen. Aus den neu aussehenden Häuser kommen bei Ankunft des Busses Menschen gelaufen, die sich um den Bus scharen. Es wird sich zugerufen, gelacht, Tüten und Tupperdosen werden durch die Fenster gereicht. Das herzliche Miteinander lässt mich denken: Hier treffen sich Menschen, die bis vor kurzem noch Tür an Tür gelebt haben. Man könnte meinen, die Probleme und Umstände, mit denen hier gekämpft werden muss, könnten einen in die Knie zwingen. Und einfach ist es nicht, das merkt man an Gesichtsausdrücken, Kommentaren und dem sich vor Augen halten, was hier eigentlich los ist. Und doch, als der Busfahrer der Motor aufheulen lässt – sein Signal, um den sich anbahnenden Kaffeeklatsch zu unterbrechen – werden freudig Wangen durchs Fenster aneinander gedrückt und sich bis zum nächsten Wiedersehen verabschiedet. Die neue Lebensrealität wurde angenommen „…y seguimos luchando“ (“…und wir kämpfen weiter”), wie der Enano zum Abschied zu uns meinte.

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