Sieben Filme für 40 Cent

Es ist Dienstag, kurz nach zehn, wir stehen vor dem Kino Yara und warten auf kubanische Freunde. Wir haben uns verabredet um uns einen Film anzusehen. Der komplette Platz vor dem Kino ist voll mit Kubanern, die sich alle herausgeputzt haben.

Der Grund – zum 39. Mal findet das internationale Festival des lateinamerikanischen Kinos in Havanna statt. Vom 8. bis zum 17. Dezember hat man in 14 teilnehmenden Kinos in der ganzen Stadt die Möglichkeit mehr als 400 Dokumentationen, Komödien, Dramen und Opern aus Lateinamerika, aber auch aus anderen Ländern zu sehen.

Bereits vor einer Woche hatten wir unseren Kinopass an einem der zahlreichen Kinos in Havanna geholt. Für 40 Eurocent, was umgerechnet auch für die Kubaner wenig Geld ist, erhält man einen Kinopass mit sieben Eintritten.

Als die Kubaner mit Verspätung auch vor dem Kino auftauchen, stellen wir uns in die Schlange, einige Personen verkaufen Süßigkeiten und Popcorn, wir decken uns für die Wartezeit ein. Die Schlange vor dem Kino ist meterlang und wir stehen nicht besonders weit vorne, ich mache mir Sorgen, dass wir vielleicht nicht mehr reinkommen werden. Kurz vor halb 11 werden die Türen aufgemacht und innerhalb von zehn Minuten sind alle Menschen im Kinosaal. Drinnen bin ich erleichtert, das Kino ist riesig, alle finden einen Platz, denn es ist für 1000 Leute ausgelegt.

Die Atmosphäre im Kino ist entspannt und statt Werbung werden Clips verschiedener Kampagnen gezeigt. Ein Video der Kampagne für Frauenrechte „tu eres más“ (Du bist mehr) macht auf die sexuelle Emanzipation der Frau aufmerksam. Ein Anderes wirbt für eine Hilfshotline, welche man anrufen kann, wenn man Fragen zu Themen wie Verhütung, Geschlechtskrankheiten und Sexualität hat. Während man sich in Deutschland durch eine halbe Stunde Werbung vor den Filmen quälen muss, wird die Zeit hier genutzt, um Probleme wie Sexismus zu bekämpfen und die Gesellschaft aufzuklären.

Los buenos demonios

Der Film den wir uns anschauen heißt „Los buenos demonios“, eine kubanische Produktion und einer der beliebtesten Filme des Festivals. Er handelt von einem selbstständigen Taxifahrer, der als eine weitere Einnahmequelle ausländische Touristen ermordet und ihre Wertsachen behält. Sein Freund, ein selbstständiger Restaurantbesitzer, betreibt ebenfalls schmutzige Geschäfte, kauft illegale Waren ein und beschäftigt den Taxifahrer illegal als Zulieferer.

Außerdem wird der Konflikt zwischen den sogenannten „cuenta propistas“ (Selbstständigen) und dem Rest der kubanischen Gesellschaft dargestellt. Der Taxifahrer eckt immer wieder mit seiner Mutter, aufgrund von verschiedenen Moralfragen, an. Ein alter Bekannter des Restaurantbesitzers besucht ihn in seinem Lokal und macht ihn darauf aufmerksam, dass Menschen bei ihm mehr als eine kubanischen Mindestlohn da lassen, Menschen ohne Deviseneinahnen könnten sich nicht den selben Lebensstandart wie er leisten, und er wäre Teil des Problems, was Ungleichheit unter Kubaner schaffen würde.

Während mir aufgrund der ganzen Moralfragen und Probleme die im Film dargestellt werden,  die die doppelte Währung mit sich bringt, ganz mulmig wird, nimmt der Rest des Saals die Sache mit Humor. Sie können über ihre Probleme lachen und sind bereit sich mit ihnen auseinanderzusetzen,  die dargestellten Probleme zu kritisieren und zu diskutieren. Der Aspekt der Kritik und Selbstkritik ist in einer sozialistischen Gesellschaft wie der Kubanischen essenziell, um sich an Problemen weiterzuentwickeln und den kubanischen Sozialismus weiterzuentwickeln.

Bildung auf der großen Leinwand

Das Motto „Ver para crecer“ des Festivals (sehen, um daran zu wachsen) wird nicht nur durch das Aufzeigen und Kritisieren von gesellschaftlichen Problemen erfüllt. Es werden auch viele Dokumentarfilme gezeigt, die Themen anschneiden, die im kubanischen Alltag wenig präsent sind und selten angeschnitten werden, weil sie zum Teil den Kubanern unangenehmen sind. Beispielweise werden Filme zu Homo- und Transsexualität gezeigt, oder eine Dokumentation zu männlichen Ballerinas. Die genannten Dokus sollen vor allem einen Bruch mit dem typischen, einseitigen, kubanischen Männerbild schaffen. Für viele Kubaner ist es immer noch schwer

über das klassischen Männerbild, des starken, unverletzbaren Beschützer und Helden hinauszudenken.

Typische „linke“ Themen waren natürlich auch auf den Festival vertreten. Auf dem Programm stand auch eine besonderer Vorführung im „23 y 12“ eines Filmes von 1927 zur russischen Revolution. Im Kino „Infanta“ gab es eine Sondervorstellung zu dem Film „Ernesto“. Wer jetzt an Ernesto Che Guevara denkt liegt nicht ganz falsch, aber der Film handelt nicht vom dem bekannten Revolutionär. Die japanisch-bolivianische Produktion handelt von Freddy Maymura, einem bolivianischen Freiheitskämpfer, der selber als „Ernesto“ bekannt war und an der Seite von Che kämpfte. Che Guevara inspirierte ihn in den Befreiungskampf Boliviens zu ziehen. Leider starb er 1967 mit nur 25 Jahren, als die bolivianische Befreiungsfront aus dem Hinterhalt angriffen wurde.

Direktor Junji Sakamato, sagte er hätte sich mit den beiden Ernestos auseinandergesetzt, weil sie zwei starke Persönlichkeiten gewesen waren. Sie wären voller Mut und Kampfüberzeugung, aber auch voller Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft für Arme und Schwache gewesen.

Ein Stück Heimat in Kuba

Im Rahmen des Festivals wurden die Filme in verschiedenen Kategorien eingeteilt, eine davon „Panorama Contemporano internacional“ – Panorama modernen, internationaler Produktionen. Hier werden auch verschiedene Werke aus der Schweiz, Polen, Italien, Spanien oder Deutschland gezeigt.

Um den Kubanern ein Stück deutscher Kultur zu präsentieren, besuchten wir am Wochenende „Tschick“ im Cine 23 y 12. Neben verschiedener Eindrücke aus Deutschland – Landschaften, Städte und Personen zeigte er auch deutschen Humor. Leider waren wir, die Deutschen, die diejenigen die am lautesten in der Vorstellung gelacht hatten und mussten einige Witze nach dem Film erklären.

Zehn Cent statt zehn Euro

Die zehn Tage Festival bedeuteten für uns auch eine kleine Schnitzeljagd durch Havanna. Auf der Suche nach den verschiedenen Kinosälen entdeckten wir neue Ecken der Hauptstadt und kamen zu einigen Vorstellungen zu spät, weil wir uns natürlich verlaufen hatten.

Von unseren sieben Eintritten schafften wir es nur sechs einzulösen. Trotzdem war ich in den zehn Tagen Festival öfter im Kino als in den letzen zwei Jahren in Deutschland, weil mein Geld dafür meistens nicht reicht. Auf Kuba geht man gerne ins Kino, da jeder es sich hier leisten kann. Der kubanische Staat subventioniert nämlich nicht nur Gesundheit und Lebensmittel, sondern auch Kultur.  Auch außerhalb des Events kostet ein Kinoeintritt in Kuba knapp zehn Eurocent. Jetzt sehe ich es noch weniger ein, für eine Kinovorstellung in Deutschland zehn Euro zu zahlen.

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