Wie ein kleines Entwicklungsland die ganze Welt verbessert

Internationalismus, das bedeutet weltweite Solidarität. Es bedeutet Opferbereitschaft für eine bessere Welt und für das Wohl aller Menschen, auch außerhalb der eigenen Ländergrenzen,  zu kämpfen. Internationalismus spielte in der kubanischen Politik seit der Revolution  eine erhebliche Rolle. Obwohl Kuba selbst noch als Entwicklungsland gilt unterstütz(e) es viele andere Länder in Afrika, Asien und Lateinamerika auf verschiedenste Weisen. Bis heute nimmt die kleine Insel großen Einfluss auf das Weltgeschehen durch finanzielle, pädagogische, diplomatische oder militärische Mittel und konnte somit das Leben vieler Menschen erheblich verbessern.

Gelebte Solidarität

Direkt nach der Revolution sorgte die berühmte Alphebitisierungskampagne  dafür dass die Analphabetenrate innerhalb von nur einem Jahr von 24% auf 4% sank. Nach diesem Erfolg, welches kein entwickeltes Land Kuba in so kurzer Zeit zugetraut hatte, wurden junge Kubaner ins Ausland geschickt, um die Kampagne dort fortzusetzen. Die Kubaner bildeten aber nicht nur Analphabeten aus armen Entwicklungsländern, einige wurden auch in reiche Industrieländer geschickt, zum Beispiel nach Frankreich. So beseitigten einige Jugendliche aus einem kleinen, sozialistischen Land, welches sich im Aufbauprozess nach der Revolution befand, ein Problem, was in einem entwickelten Land eigentlich nicht hätte existieren sollen.

In Kuba haben Schüler aus dem Ausland die Möglichkeit kostenlos ein Medizinstudium zu absolvieren, dabei ist  Verpflegung und Unterkunft gratis. Mittlerweile haben Jugendliche aus 122 Länder, auch aus den USA, diese Chance genutzt, die meisten kehren nach ihrer Ausbildung in ihre Heimat zurück. Aber Kuba bildet nicht nur zukünftige Ärzte aus, um die Lebensbedingungen vor Ort zu verbessern, es schickt selbst auch Ärztebrigaden ins Ausland  oder holt Kranke ins Land. Zum Beispiel wurden nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl 15 000 betroffene Kinder an den schönsten Stränden Kubas ärztlich betreut.

Bereits ein Jahr nach der Revolution unterstütze Kuba andere Länder militärisch mit Streitkräften und Beratern oder schickte in zivilen Entwicklungsprogrammen ÄrztInnen, PädagogInnen, BauarbeiterInnen und TechnikerInnen.

Anfang der 80er Jahre waren in Nicaragua fast 7000 Lehrer in ländlichen Regionen im Einsatz, nach einem anti-kommunistischen Attentat meldeten sich an ihrer stelle 100 000 Weitere freiwillig, um an ihre Stelle zu treten.

Ein besonderer Platz in der afrikanischen Geschichte

Besonders in der afrikanischen Geschichte nimmt die militärische und zivile Unterstürzung Kubas einen hohen Stellenwert ein.

Revolutionäre aus verschiedenen afrikanischen Ländern wendeten sich ihren Befreiungskämpfen an die Insel. Viele Ehemalige Kolonien, unteranderem Namibia, Guinea-Bissau oder Algerien konnten mit der Unterstützung Kubas ihre Unabhängigkeit von europäischen Kolonialmächten erlangen. Eines der größten Erfolge, zu welchem Kuba beigetragen hat, ist die Abschaffung des Apartheidregime Südafrikas.

Dabei war es stets wichtig für Kuba die Souveränität und Selbstbestimmung der afrikanischen Akteure zu achten und sich selbst nur als Unterstützer eines Befreiungskampfes zu sehen. Raúl Castro, damaliger Chef der kubanischen Streitkräfte, betonte, dass die kubanischen Truppen sich stehst sittsam und anständig zu verhalten und sich niemals als „Experten aufzuführen“ hätten. Die eigenen Sitten, Bräuche und Religionen der Länder sollten stehst respektiert werden. Kuba nahm nur Einfluss auf den Kampf gegen Imperialismus, Kolonialismus oder anderen Formen der Unterdrückung, ohne dabei auf die eigentliche Kultur einwirken zu wollen.

 

Mit die größten Einsätze hatten die kubanischen SoldatInnen in  Angola und Äthiopien. In Angola kämpften zeitweise 50 000 KubanerInnen gegen die Aggression Südafrikas und dessen Apartheidregimes, in Äthiopien waren 24 000 SoldatenInnen stationiert um Äthiopiens Unabhängigkeit gegen somalische Angriffe zu verteidigen.

Einer dieser Soldaten war unser Projektleiter Julian, der heute Mitte 70 ist. Lang und ausschweifend erzählte er uns eines Abend von dem, was er als junger Mann erlebt hatte. Junge KubanerInnen erhielten in Militärbasen eine Ausbildung und konnten anschließend entscheiden, ob sie im Ausland mitkämpfen möchten. Dabei war es eine große Ehre für sie im Namen des Internationalismus andere Völker zu unterstützen und gegen Unterdrückung und Ausbeutung zu kämpfen. Deswegen wollten viele Jugendliche unbedingt ins Ausland, auch Julian war  enttäuscht, als er zunächst im Inland stationiert wurde, und deswegen sich nicht fürs Ausland melden konnte. Umso glücklicher war er, als seinem Trupp vorgeschlagen wurde beim nächsten Einsatz dabei zu sein. Den Soldaten wurde immer erst kurz vor Abreise aus Sicherheitsgründen gesagt, in welchem Land sie dienen würden, davor hatten sie nochmal die Möglichkeit zu entscheiden, ob sie in den Krieg ziehen möchten. Die wenigsten entschieden sich dagegen. Nachdem der Trupp von Julian sich entschied zu dienen, wurden sie von Fidel Castro persönlich verabschiedet und erfuhren, dass es nach Äthiopien ging. Ihnen wurde  die Analyse zur Lage vor Ort vorgestellt und Julian erinnert sich noch heute an die Rede, Fidel sagte ihnen, dass er nicht selbst in den internationalistischen Kriegseinsatz ziehen könne, aber in Gedanken bei ihnen sein werde, er sei wie ihr Vater und sie seien wie seine eigenen Kinder.

Für mich ist es unvorstellbar heute, dass Menschen in den Krieg u.a. nach Angola oder Äthiopien gezogen sind, um völlig fremden Menschen ein besseres Leben zu erkämpfen und sie ihn Revolutions-, Aufbau- oder Befreiungsprozessen zu unterstützen. Ohne diese Menschen zu kennen, noch in in keinster Weise mit ihnen verbunden zu sein, weder durch Geschichte noch Herkunft.

Dank dieser gelebten Solidarität mit dem afrikanischen Volk, hat Kuba bis heute eine sehr gute Beziehung zu vielen afrikanischen Ländern. Nelson Mandela persönlich betonte die Rolle Kubas für Afrika: „Wir in Afrika sind daran gewöhnt, Opfer von Nationen zu sein, die sich unser Länder bemächtigten oder unsere Souveränität untergraben wollen. In der ganzen Geschichte Afrikas, ist dies das erste Mal, dass ein ausländisches Volk aufgestanden ist, um eines unsere Länder zu verteidigen. […] Das kubanische Volk nimmt daher einen besonderen Platz in den Herzen der Völker Afrikas ein.

Operación Tributo

Nicht alle KubanerInnen sind aus diesen internationalistischen Kriegseinsätzen zurückgekehrt –

Am 7. Dezember 1989 wurden die Gefallen aus den Kriegen in Afrika zurück in die Heimat gebracht und dort beerdigt. An diesen Akt namens „Operación Tributo“ wird jedes Jahr erinnert. Es finden traditionell Trauermärsche zu den Gräbern statt, um den Gefallenen zu gedenken.

Anfang Dezember besuchten wir Cabaiguan, einer Kleinstadt mit 32 000 Einwohnern, und nahmen an der Zeremonie vor Ort teil. Der Trauermarsch begann um 8 Uhr morgens. In der Innenstadt sammelten sich die SchülerInnen aller Jahrgangsstufen die BewohnerInnen der Stadt und die angereisten Angehörigen der Gefallenen. Zu einem Militärmarsch lief die Menschenmasse aus der Stadt raus zum Friedhof. Dort hielt ein Vertreter der Kommunistischen Partei Kubas, PCC, eine Rede zu der Bedeutung des Internationalismus für Kuba und für die Welt. Nach der Hymne wurden Kanonenschüsse gefeuert, um den Toten zu salutieren. Anschließend wurden Blumen an die Grabtafeln der Urnen gelegt. Um einige Täfelchen standen kleine Grüppchen Familienangehöriger und dekorierten sie mit selbstgemachten Blumenkränzen, Fotos oder stellten Kerzen auf den Boden.

 

Zwischen den Wänden, in denen die Urnen der Gefallenen standen, wimmelte eine Grundschulklasse. Die Lehrerin erzählte ihnen von den SoldatenInnen und den Kriegen, es wurde sehr persönlich und emotional als sie von ihrem Bruder erzählte, der ebenfalls auf diesem Friedhof beerdigt war. Danach meldete sich ein Junge, nicht älter als 10, und zeigte auf zwei Grabtafeln und erzählte, dass dahinter die Urnen seiner verstorbenen Großonkel standen, die in Angola gekämpft haben. Die Lehrerin sagte, er könne stolz auf seine mutigen und internationalistischen Verstorbenen sein, so wie sie stolz auf ihren Bruder sei. Einige der GrundschülerInnen weinten, auch einige von uns mussten sich zusammenreißen. Für mich war es so emotional, weil alleine in Cabaiguan, einer relativ kleinen Stadt, mehrere Hundert Gefallene lagen. Hinter jeder der Grabtafeln befand sich eine Person mit Persönlichkeit, Geschichte und Familie.

Hinter jeder Grabtafel steckte ein/e überzeugter SozialistInnen, einige kaum älter als 18, die bereit gewesen waren ihr Leben zu lassen, damit ihm ein völlig Fremder ein Besseres haben konnten.

Wer verteidigt die Menschenrechte wirklich?

Mich schockiert, aber es überrascht mich nicht, das man über die Einsätze Kubas absolut nichts erfährt, wenn man sich nicht konkret damit auseinandersetzt. Allgemein erfährt man in der Schule in Geschichte wenig darüber, wie die damaligen Kolonien sich befreit haben. Fast wirkt es so, als wären die Kolonialherren sehr gütig gewesen und hätten eigenständig ihre Länder befreit. Als ob nicht mehre Hundetausend AfrikanerInnen und KubanerInnen für das Wohl der unterdrückten Völker in Befreiungskämpfen gestorben wären.

Das Kuba als sozialistischen Landes erheblichen Einfluss darauf hatte, wäre aber schädlich für das Image der deutschen Kriegspolitik. Schließlich ist es schwer zu rechtfertigen, dass Milliarden von Euro in die Bundeswehr gesteckt werden und kein vergleichbarer Erfolg zu verzeichnen ist, während ein kleines Entwicklungsland mehren Ländern die Unabhängigkeit gebracht hat. Die Bundeswehr wird immer wieder als der Verteidiger der Menschenrechte dargestellt, doch außer für die kapitalistischen Interessen der Großkonzerne zu kämpfen und Ressourcen  und Handelswege zu verteidigen,  haben sie nichts vorzuzeigen. Meistens hinterlässt ein Bundeswehreinsatz das intervenierte Land in noch schlechteren Konditionen als davor. Kuba aber schickte nach dem Krieg in Angola weitere 50 000 freiwillige LehrerInnen, TechnikerInnen  und ÄrztInnen um den Wiederaufbau zu unterstützen. Und das alles als Entwicklungsland – nur dank dem Klassenbewusstsein der kleinen, karibischen Insel.

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