Kubas Auslandsengagement in Afrika – Internationalismus ohne Grenzen

In Afrika berühmt und gefeiert, in Europa unbekannt und totgeschwiegen; der sozialistische Karibikstaat hat für die Befreiung der afrikanischen Völker bedeutendes geleistet. Die Taten Kubas in diesem Kontext und die Intentionen die dahinter steckten unter die Lupe zu nehmen, ermöglicht es uns einen Einblick in andere Perspektiven in der Außenpolitik zu erlangen, denn die kubanischen Auslandseinsätze unterschieden sich von Grund auf von denen kapitalistischer Länder.

Um das Auslandsengagement Kubas kontextuell einbetten zu können, bedarf es vorerst einer Charakterisierung der kubanischen Revolution.

Hierbei ist primär die internationalistische Perspektive des kubanischen Unabhängigkeitskampfes hervorzuheben. Dieser sieht nämlich mit der eigenen Unabhängigkeit nicht das Ende, sondern den Auftakt einer länderübergreifenden sozialistischen Befreiungsbewegung vor. Im Sinne des Nationalhelden José Martí und der marxistischen Theorie kann eine tatsächliche Befreiung nur auf globalem Rahmen durchgeführt werden. Schon im Kommunistischen Manifest von 1848 haben Marx und Engels zudem den grundsätzlichen internationalistischen Standpunkt verkündet, der aus den gemeinsamen Klasseninteressen der Arbeiter aller Länder gegen das Kapital erwächst. Der Internationalismus ist also auch schon der marxistischen Komponente der Revolution inhärent. Ob man es nun theoretisch oder empirisch betrachtet, der Marxismus ist von Anfang an ein unversöhnlicher Gegner jeglicher nationalen Unterdrückung und kämpft konsequent für die nationale Gleichberechtigung, für die volle Freiheit und Selbstbestimmung der Nationen. Dazu schrieb Lenin bereits im Jahre 1916: Die Sozialisten haben nicht nur die bedingungslose und sofortige Befreiung der Kolonien zu fordern – diese Forderung bedeutet aber politisch nichts anderes als die Anerkennung des Selbstbestimmungsrechts der Nationen -, sondern sie müssen auch revolutionäre Elemente in den bürgerlich-demokratischen nationalen Befreiungsbewegungen in diesen Ländern entschieden unterstützen und ihrer Auflehnung,   ihren Aufständen, respektive ihrem revolutionären Kriege gegen die sie unterjochenden imperialistischen Staaten beistehen.Die internationalistische Vision der Revolution begründet hierbei ihre Notwendigkeit – neben der globalen objektiven Interessenkongruenz aller Arbeiter – auf humanistischer Ebene. Ein Staat, der sich auf die Fahne schreibt dem Wohl der Menschheit zu dienen, der kann seine Entscheidungen nicht nur nach dem Kriterium der Eigennützigkeit fällen, sondern muss ebendieses Wohl auf globaler Ebene betrachten und es bei jeder Entscheidung an erste Stelle setzen. Eine Einstellung, die Kuba seit der sozialistischen Revolution konstant begleitet. Im Jahre 1975, als der erste Kongress der kommunistischen Partei gefeiert wurde, verabschiedete man bspw. die Resolution zu der internationalen Politik von der Partei, welche uns einen Einblick in die internen Positionen der kubanischen Politik erlaubt: Kuba, bewusst, dass seine historischen Ziele mit der Einheit der Völker übereinstimmen, ordnet seine Interessen den generellen Interessen des Sieges des Sozialismus und des Kommunismus, der nationalen Befreiung der Völker, der Niederlage des Imperialismus, der Eliminierung des Kolonialismus, des Neokolonialismus und jeder Form der Ausbeutung und Diskriminierung von Menschen und Völkern, unter, um seine Außenpolitik zu realisieren.In der Zukunft können wir nicht an den vollen Reichtum denken, während es andere Völker gibt die unsere Hilfe brauchen.Altruismus als humanistisches Werkzeug; das ist die Idee des kubanischen Internationalismus.

Der Ausdruck dieses internationalistischen Charakters ließ nach der sozialistischen Revolution auch nicht lange auf sich warten.

Bereits Anfang der 1960er Jahre fand Kubas internationales Engagement, trotz der eigenen wirtschaftlichen Schwäche als Entwicklungsland, seinen Anfang, während zu jener Zeit die letzten nationalen Befreiungskämpfe gegen die europäischen Kolonialmächte in Afrika schwellten. Nachdem afrikanische Revolutionäre vermehrt um die Unterstützung Kubas in ihren Befreiungskämpfen gebeten haben, begann sich Afrika Mitte der 60er Jahre zum Kern der außenpolitischen Aktivitäten Kubas zu entwickeln. Seinen Anfang fanden besagte Aktivitäten bereits im Dezember 1961, als Kuba begann die algerischen Revolutionäre zu unterstützen, die gegen die französischen Kolonialisten kämpften. Ein kubanisches Motorboot brachte den Revolutionären anfangs eine Ladung Waffen und kehrte mit 76 verwundeten Guerilleros und 20 Waisenkindern aus einem Flüchtlingscamp zurück nach Kuba, um diese dort zu versorgen. Im Mai 1963 kam daraufhin eine medizinische Einsatzgruppe aus Kuba mit 55 Personen in Algerien an, um ein Programm für öffentliche Gesundheit aufzubauen. Später, im Oktober des gleichen Jahres, wurden erstmals 683 Kämpfer nach Afrika entsandt, als die junge Republik in Algerien von Marokko bedroht wurde. So entstand das, was heute einige die Abenteuer von Kuba in Afrika nennen; was nichts anderes ist als der Anfang von dem was ein fundamentaler Zug, ein Prinzip der Außenpolitik der kubanischen Revolution sein wird, dem Internationalismus. Von Anfang an forderte hierbei Raúl Castro, damaliger Chef der kubanischen Streitkräfte, eine extreme Selbstkontrolle der kubanischen Truppen zu der das Verbot alkoholischer Getränke und intimer Beziehungen zu Frauen gehörte, sowie Bescheidenheit, inständig darauf hinweisend, anständig und sittsam zu sein und sich nicht wie Experten aufzuführen. Außer den Verhaltensregeln bestärkte Castro die Truppen darin, vollständige und absoluteRücksicht auf Sitten, Gebräuche und Religion zu nehmen. Kuba begann in immer mehr Gebieten die progressiven Fronten mit Kampftruppen, Militärberatern und technischer Ausrüstung zu unterstützen, wie etwa in dem Unabhängigkeitskrieg in Guinea-Bisseau von 1966 bis 1974, bei welchem Kuba entscheidenden Einfluss nahm.  Zudem wurden zehntausende kubanische Entwicklungshelfer in die jeweiligen Gebiete geschickt, um sowohl medizinische als auch pädagogische Hilfe zu leisten. In gleichem Maße wurde den Afrikanern ein kostenlose Studium auf Kuba zur Verfügung gestellt.

Angola hat jedoch einen speziellen Fall in der Geschichte eingenommen, denn im Gegenteil zu den eher unproblematisch erreichten Befreiungen, wie etwa in Mosambik, existierte in Angola keine ausreichende Einigkeit zwischen den Haupt-Guerillagruppen MPLA, FNLA und UNITA. Diese Situation führte zu langjährigen Bürgerkriegs-Zuständen. Als Kuba schließlich begann regelmäßig Delegationen nach Angola zu senden, um sich die vorherrschende Situation vor Augen zu führen, wurde ihnen schnell deutlich wie die Lager aufgestellt waren. Die FNLA und die UNITA repräsentierten die internationalen imperialistischen Kräfte und die MPLA die fortschrittlichen und nationalen. Als schließlich im Jahre 1974 die Nelkenrevolution in Portugal ausbrach, welche die Unabhängigkeit der letzten beiden Kolonien Afrikas, Mosambik und Angola, mit sich führen sollte, verschärfte sich der Kriegszustand in Angola und diverse Länder, wie etwa Groß Britannien, USA, Frankreich oder auch Südafrika begannen sich auf Seiten der FNLA und der UNITA intensiver in den Konflikt einzumischen, denn es ging zu dieser Zeit um eine Verschiebung aller Kräfte auf dem afrikanischen Kontinent, welcher der Imperialismus versuchte gegen zu wirken. Auch Kuba begann somit seine Unterstützung zu steigern und errichtete für die MPLA vier militärische Ausbildungszentren, Centros de Instrucción Revolucionaria(CIR) in Angola. Anstelle der bestätigten 100 Ausbilder wurden die CIR schnell mit 500 Kubanern ausgestattet, da die imperialistisch unterstützten Organisationen FNLA und UNITA ebenfalls massiv aufgerüstet wurden und immer mehr Territorien der MPLA eroberten. Als schließlich auch die südafrikanische Armee mit 10.000 Mann und panzergeschützten Fahrzeugen die angolanische Hauptstadt Luanda, welche sich in Hand der MPLA befand, angriff, begann die Situation der MPLA immer aussichtsloser zu werden. Aus dem Norden wurden sie von der FNLA und der zairischen Armee angegriffen, welche von den USA logistisch unterstützt wurde und aus dem Süden von der UNITA und der südafrikanischen Armee. Es zeichnete sich eine Niederlage der MPLA ab, der es alleine nicht möglich gewesen wäre die Hauptstadt zu halten. Als Reaktion startete Kuba die Operation Carlota, benannt nach einem Anführer einer Sklavenrevolte in Kuba, um die MPLA bei dem Halt der Stadt zu unterstützen. Castro äußerte sich dazu folgendermaßen: Als am 23. Oktober die Invasion Angolas durch reguläre Truppen Südafrikas begann, konnten wir nicht die Hände in den Schoß legen. Und als die MPLA uns um Hilfe gebeten hatte, boten wir die nötige Hilfe an, um zu verhindern, dass die Apartheid sich in Angola breit macht. Diese Gefahrensituation für den angolanischen Befreiungskampf hat Kuba zu dem größten militärischen Auslandseinsatz seiner Geschichte verleitet. Die Operation Carlota bedeutete konkret die Erhöhung des kubanischen Gruppenkontingents um Spezialtruppen und 35.000 Mann Infanterie. Diese verhalfen schließlich der MPLA dabei am 10. November den letzten großen Angriff der FNLA und ihrer Verbündeten abzuwehren und somit die Hauptstadt zu halten. Am selben Tag übergaben die Portugiesen die Macht an das angolanische Volk, und kurz nach Mitternacht rief der Anführer der MPLA, Agosthino Neto, die Unabhängigkeit Angolas aus. Kubas Einsatz hat in diesem Konflikt gegen die Kräfte diverser imperialistischer Truppen gleichzeitig überwogen. Das Zerschlagen der rassistischen Kräfte festigte jedoch nicht nur den Sieg der MPLA in Angola, sondern konstruierte ebenfalls die Basis für die Unabhängigkeit Namibias in 1990 und führte zudem zu der eigenen Unabhängigkeit Südafrikas in 1994. Ein Eingreifen Kubas in solchem Ausmaß hat zu dieser Zeit niemand auf der Welt erwartet.

Mit der Unabhängigkeit Angolas erschöpfte sich Kubas internationalistisches Engagement in Afrika jedoch noch nicht, ganz im Gegenteil. Kuba hatte weiterhin 35.000 bis 40.000 Mann in Angola stationiert um vorerst eine militärische Absicherung zu garantieren, wozu sich ebenfalls immer mehr zivile Kräfte, Techniker, medizinisches Personal und Lehrer gesellten, um die Lücken zu füllen, die die abgezogenen Portugiesen hinterlassen hatten.

Auch in den übrigen afrikanischen Ländern wurde sich weiterhin altruistisch für die Befreiung der Völker eingesetzt. 1978 schickte Kuba 16.000 Soldaten nach Äthiopien um diese im Ogadenkrieg gegen Somalia zu unterstützen. Darüber hinaus war Kuba mit kleineren militärischen Missionen in der Republik Kongo, Guinea, Guinea-Bissau, Mosambik und Benin aktiv. In noch mehr Ländern des afrikanischen Kontinents arbeitete dabei zu Zehntausenden technisches, pädagogisches und medizinisches Personal aus Kuba, so unter anderem in Algerien, Mosambik, Republik Kongo, Guinea, Guinea-Bissau, Benin, Kap Verde, Äthiopien, Sao Tome and Principe und Tansania. Bis zu 18.000 Studenten aus diesen Ländern studierten zudem auf Kosten Kubas pro Jahr auf der Insel.

Während des gesamten Engagements in Afrika hatte Kuba bei einer eigenen Bevölkerungszahl von nur etwa elf Millionen insgesamt 461.956 Soldaten und Entwicklungshelfer vor Ort, wobei sich die Verlustzahlen aller internationalistischen Einsätze in Afrika laut Regierungsangaben auf 2.077 beliefen.

Mit diesem Handeln, mit dieser selbstaufopferischen Unterstützung der afrikanischen Befreiungskämpfe hat Kuba der Welt gezeigt, wie internationale Solidarität in der Praxis aussehen kann. Der Präsident Südafrikas, Jacob Zuma, erhob dazu lobende Worte bei der Volksversammlung zum Gedenken an Fidel Castro am 29.11.2016 auf dem Plaza de la Revolución in Havanna: In Afrika hat Kuba kein Gold gesucht, keine Diamanten, kein Öl. Die Kubaner wollten nur die Freiheit sehen und sie wollten auch das Ende davon sehen, dass Afrika von den mächtigen Nationen, zwischen welchen die Völker leiden mussten, wie ein Spielgebiet behandelt wurde.  Auch Hage Gottfried, der Präsident Namibias, äußerte sich ebenda zu den Einsätzen Kubas in Afrika: Die Kubaner waren nicht in Afrika um Gold oder Diamanten zu suchen, das Einzige was sie wieder mitnahmen waren die sterblichen Überreste ihrer gefallenen Genossen.Laut W. Freeman, einem Botschafter des US-amerikanischen Außenministeriums in der Abteilung Afrikapolitik, könne sich Castro sogar als Vater der Unabhängigkeit Namibias bezeichnen und als den Mann, der dem Kolonialismus in Afrika ein Ende bereitet hat. Diese Anerkennung des Internationalismus verschaffte Kuba wohl auch den mehrfachen Vorsitz der Blockfreien Staaten. Auch Nelson Mandela lobte die internationalistischen Truppen Kubas, nachdem diese das angolanische Volk unterstützten: In der ganzen Geschichte Afrikas, ist dies das erste Mal, dass ein ausländisches Volk aufgestanden ist, um eines unserer Länder zu verteidigen. […] Das kubanische Volk nimmt daher einen besondern Platz in den Herzen der Völker Afrikas ein. Castro selbst erläutert ihre Intention hinter dem Engagement wie folgt: Manche Imperialisten fragen sich, weshalb wir den Angolanern helfen, welche Interessen wir hätten. Sie sind es gewohnt zu denken, dass ein Land einem anderen nur dann hilft, wenn es dessen Erdöl, Kupfer, Diamanten oder andere Bodenschätze will. Nein, wir verfolgen keine materiellen Interessen, und es ist logisch, dass die Imperialisten das nicht verstehen. Denn sie kennen nur chauvinistische, nationalistische und egoistische Kriterien. Wir erfüllen eine elementare Pflicht des Internationalismus, wenn wir dem Volk Angolas helfen.

Nur ein internationalistisches, altruistisches Agieren ohne materiellem Interesse, wie Kuba es der Welt vormachte, kann nationale und internationale Konflikte lösen und langfristig für einen Frieden in der Welt sorgen. Eine Wahrheit, die viele Politiker dieser Welt bekräftigten, ein Handeln, dass von Diversen gelobt wurde. Fakt bleibt jedoch, dass die eigenen ökonomischen Zwänge eines kapitalistischen Landes ein solches soziales Handeln verhindern und das Lob somit nur bei einem Lob bleiben kann. Nichtsdestotrotz beweist sich Kuba immer wieder aufs Neue als wahre Avantgarde für friedbringendes Auslandsengagement.

Lasst Kuba für uns ein Vorbild sein!

Dieser Artikel war von Lorenz. Hier geht es zu weiteren Artikeln von ihm.

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