Fünf Tage ohne Wasser

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Eine lauwarme Brise weht mir übers Gesicht, streicht mir durch die Haare, kühlt mir kurz den Nacken und lässt mich für einige Sekunden den Schweiß auf der Stirn, unter meinen Achseln, ach eigentlich in jeder Falte meines Körpers, vergessen und verweht für einen Moment den Gestank der mich umgibt. Seit mehr als zwei Tagen und vielen schweißtreibenden Aktivitäten – zum Beispiel zur Bushaltestelle gehen – habe ich nicht geduscht. Im ganzen Municipio Playa – und so wie ich gehört habe auch in einigen weiteren Teilen Havannas – gibt es seit dieser Zeit kein fließendes Wasser mehr. Eigentlich steht jedem Bürger Kubas immer ausreichend Wasser zur Verfügung. Doch seit zwei Tagen ist bei uns die Pumpe der Wasserverteilungsstation kaputt und laut Aussage des CDR-Verantwortlichen (CDR Artikel) unserer Straße wird es wohl noch drei weitere dauern, bis sie repariert ist. Was für eine Scheiße. Ich bin sowieso schon durch meine deutschen Kartoffelgene mit fehlender Anpassungsfähigkeit an dieses schwülheiße Wetter gepeinigt und müsste eigentlich fünf Mal am Tag duschen, um den Leuten im Bus neben mir nicht den Weg zur Arbeit zu versauen. Zum Glück hat uns unsere Vermieterin hin und wieder mal eine Flasche frisches Wasser aus ihren letzten Vorräten zur Verfügung gestellt, aber außer um damit den ständigen Durst für ein paar Stunden zu bekämpfen, hilft uns das nicht viel weiter. Aber was soll’s. Geht ja allen so.

Auf der Straße sehe ich wie die Leute solidarisch ihre letzten Reste aus den Wassertanks untereinander teilen und Sprüche klopfen. Scheint nicht das erste Mal zu sein und dann ist das drüber Lachen wohl angenehmer, als sich aufzuregen. Auf einmal kommt jedoch Unruhe auf und die Leute auf der Straße laufen hektisch in ihre Häuser. Was passiert jetzt? Dann höre ich die ersten „Agua, Agua“-Schreie von der Straße und unsere Vermieterin ruft uns nach unten. Am Ende der Straße sei soeben ein LKW mit Wassertank vorgefahren. Und schon strömen alle unsere Nachbarn auf die Straße, mit allem was sie tragen und sich unter die Arme klemmen können und irgendwie zum Wassertransport geeignet ist. Das lassen wir uns natürlich nicht entgehen, sprinten nach oben, sammeln alte Flaschen mit Havana Club und Ciego Montero Logo, Putzeimer und Wasserkanister zusammen und machen uns auf den Weg zu besagter Straßenecke. Auf dem Weg drückt uns unsere Vermieterin noch schnell einen großen Eimer in die Hand, den sie uns ausleihen möchte.

Am LKW angekommen stellen wir uns in die Schlange, die trotz Ausnahmesituation mit überraschender Disziplin und Ruhe eingehalten wird. Keiner scheint angespannt oder in Sorge zu sein, dass er nicht genug Wasser bekommt. Es werden weiter Späße gemacht und die Bewohner unserer Straße scheinen sorglos wie eh und je. Mit großer Freude beobachten wir, wie schnell sich unsere Eimer füllen und freuen uns schon darauf endlich mal wieder für zwei Stunden gestankfrei zu sein. Mit vollen Flaschen und Eimern zurück auf dem Heimweg scheint man uns die Erleichterung über die vorübergehende Lösung der Situation anzusehen und wir werden man amüsiert sich über uns. Im Sinne von: „die Alemanes im Ausnahmezustand.“ Eine Situation die hier von allen gelassen und mit Spaß hingenommen wird, die uns schon nach zwei Tagen auf die Nerven geht. Eine alte Frau fragt mich witzelnd, ob mir das Wasser so gut gefiele, dass ich mit ihm schlafen würde.
So jetzt mal wieder „duschen“. Mit ca. drei Litern Wasser und einer Suppenkelle stelle ich mich unter die Dusche, mache mich kurz ein bisschen nass, seife mich ein und spüle mich dann wieder ab. Ich bin genauso sauber wie nach 10 Minuten Dauerdusche mit 100 mal so viel Wasserverbrauch und gedauert hat das Ganze auch keine 5 Minuten. Deutlich effektiver. So überlebe ich auch noch drei weitere Tage.

Eine kurzer aber prägnanter Gedanke geht mir durch den Kopf. Ist meine persönliche Ressourcennutzung tatsächlich in diesem Umfang notwendig oder ist sie einfach nur Teil der Art und Weise meiner Sozialisierung? Milliarden Menschen auf der Welt waschen sich täglich so wie ich es gerade getan habe. Und ich habe gedacht, dass mich diese Situation nerven könnte. Was für ein Quatsch. Ist alles eine Frage der Gewohnheit. Hier gibt es vieles nicht, was ich so aus Deutschland gewohnt bin. So merke ich endlich mal, was für einen Lebensstandard ich eigentlich als gegeben voraussetze und von dem ich mein Wohlbefinden abhängig mache, ohne zu hinterfragen woher dieser Wohlstand eigentlich kommt. Hier scheinen soziales Miteinander zu weiten Teilen sehr viel wichtiger materieller Wohlstand. Darüber hinaus beeindruckt mich sehr, wie in einem so armen Land, trotz aller Mängel niemand so wirklich unter der Situation zu leiden hat, da es in solchen Fällen immer einen Notfallplan gibt, wie zum Beispiel auch beim Umgang mit Naturkatastrophen. Aber ich will nicht zu viel vorwegnehmen. Gibt da ein ganz cooles Projekt, mit dem man auf Kuba studieren und praktische Solidarität leisten kann. Lohnt sich!

Dieser Artikel ist von Danny. Hier geht es zu weiteren Artikeln von ihm.

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