Das Weiße Haus der Studierenden

Casa Estudiantil

Ich starre auf die Uhr. In Deutschland ist gerade 4:12 Uhr, auf dem Zimmer meiner Unterkunft, an der CUJAE der technischen Uni von Havanna ist es 22:12 Uhr. In der Hand habe ich die „Die offenen Adern Lateinamerikas“ von Eduardo Galeano und muss an den heutigen Tag denken, als ich lese:

Elf Monate genügten den britischen Besatzungstruppen, um eine Anzahl von Sklaven einzuführen, die normalerweise im Verlaufe von fünfzehn Jahren ins Land gekommen wären, und seit jener Epoche war die cubanische Wirtschaft ausschließlich auf die ausländischen Zuckerbedürfnisse eingestellt. Die Sklaven sollten die begehrte Ware für den Weltmarkt herstellen, und ihr saftiger Überpreis ist seither der einheimischen Oligarchie und den Interessen des Imperialismus zugute gekommen. “

Die Worte Galeanos erinnern mich an die zahlreichen Begegnungen, die ich hier im Alltag mit dem historischen Zeitalter der Kolonialherrschaft hatte.

Auch heute, als ich mich auf den Weg zur Casa Estudiantil machte, um an einer Veranstaltung zur Würdigung der ehrenamtlichen Arbeit eines Professors der Uni teilzunehmen.

Die Casa Estudiantil wird auch als Casa Blanca bezeichnet. Die prunkvolle Villa wurde ursprünglich für einen Großgrundbesitzer erbaut, in welcher er mit seiner Familie in unmittelbarer Nähe zu seinen Zuckerplantagen hauste. Fast täglich laufen ich und auch alle anderen Studierenden der CUJAE an der Casa vorbei, da es direkt am Universitätsgelände liegt.

Als ich jedoch ankam, erfuhr ich vom Wächter, der sich am Eingang des Gebäudes befand, dass die Veranstaltung verschoben wurde. Meine Enttäuschung hielt nicht lange an, denn als ich in die schicke Villa eintrat, wurde ich verzaubert von der Innenarchitektur im Kolonialstil, vom bunt gemusterten Granitsteinboden, dem pompösen Kronleuchter und wusste gar nicht, was ich als erstes bestaunen sollte. Der nette Wächter bot mir eine kurze Führung durch die Casa an und ich durfte all die Räume mit ihren hohen Decken bestaunen, die vor kurzem noch von Studierenden für kulturelle und politische Veranstaltungen genutzt wurden. Heute ist die Nutzung der Räume leider nicht mehr möglich, da die Räume dringend einer Restaurierung bedürfen. Als ich durch den riesigen Garten mit dem edlen Springbrunnen in mitten des beeindruckenden Grüns geführt wurde, zeigte mir der Wächter ganz hinten im Garten, abgesondert von all dem Prunk, der mir in der Casa begegnete, den Bereich, indem der Plantagenbesitzer seine Sklaven hielt. Die Führung im Garten endete an einem großen Platz von Sitzgelegenheiten, die im Kreis aufgebaut sind, wo auch die heutige Ehrung stattfinden sollte. Der Wächter erklärte, dass dieser Platz nach der Revolution für die Studierenden erbaut wurde, um als Jugend- und Kulturtreffpunkt genutzt werden zu können, deshalb wird die Villa heute auch als Casa Estudiantil bezeichnet. Bevor ich mich vom Wächter verabschiedete, zeigte er mir noch die prächtigen Bäume, die am Eingang des Gebäudes stehen und so starke Wurzeln haben, dass sie den Betonboden am Eingang der Casa aufbrechen und somit die weitere Nutzung verhindern. „Parece que los arboles tambien lucharon contra el capitalista“, entgegne ich dem Wächter als Abschied (sieht so aus, als kämpften die Bäume ebenfalls gegen den Kapitalisten).

Dieser Artikel ist von Dilara. Hier geht es zu weiteren Artikeln von ihr.

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