9 Tage Fidel – La Caravana

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Dienstag 29.11.2016.

Um halb zwölf nachts kommen wir von der großen Abschiedsveranstaltung für Fidel auf der Plaza de la Revolución, wo wir sechs Stunden lang mit hunderttausenden  Kubaner*innen der Müdigkeit in unseren Beinen trotzten, zurück am Campus der CUJAE an. Aber statt nun schlafen zu gehen, was nach dem langen und anstrengenden Tag normal wäre, finden sich die meisten Studenten nach und nach in der Mensa ein um sich ein fleißig vorbereitetes mitternächtliches Abendessen abzuholen. Die Mitarbeiter*innen scheinen mir heute Nacht besonders freundlich zu sein und das obwohl sie um die Uhrzeit noch arbeiten müssen. Es ist irgendwie anders als sonst. Auch brauchen wir heute nicht einmal Besteck und Becher vom Zimmer holen, ohne die das Essen in der Mensa unter normalen Umständen nicht möglich wäre. Heute bekommen wir schickes Plastikbesteck gestellt, so dass auch die Studierenden essen können die nicht in der Uni wohnen.

Als wir aus der Mensa herauskommen sehen wir uns kurz den Sternenhimmel über uns an der mich immer noch fasziniert, weil der Mond und die Sternenbilder so anders sind als daheim. Wir überlegen was wir nun machen, denn die Nacht ist noch jung: In zweieinhalb Stunden sammeln wir uns bereits wieder um noch einmal ins Stadtzentrum zu fahren und die Karawane mit Fidels Urne zu verabschieden, die sich im Morgengrauen von Havanna nach Santiago, vom Westen der Insel zum Ostende, aufmachen wird, um Kubas “Comandante en Jefe” dort auf dem Friedhof Santa Efigenia zu bestatten -so wie José Martí.

Dass der Transport der Urne von den Kubanern so liebevoll “die Karawane” genannt wird, rührt daher, dass der Akt an die “Caravana de la Libertad” anlehnt, mit der 1959 „die Revolution nach Havanna getragen wurde“.  Nach dem Sieg der letzten Kämpfte und der Flucht des blutigen Diktators Batista rief Fidel Castro am 1. Januar 1959 in Santiago de Cuba die Revolution aus. Am Folgetag starteten sie eine sechstägige Karawane nach Havanna, wo sie am 8. Januar in Batistas Hauptkaserne ankamen, welche die Revolutionäre später zum Bildungskomplex “Ciudad Libertad” (Stadt der Freiheit) umfunktionierten. Ein symbolträchtiger Abschied für den wir heute die Nacht durchmachen wollen.

In der verbleibenden Zeit bis zum erneuten Treffen, gehen einige Studierende nochmal zum Wohnheim, andere sitzen bei der milden Karibiknacht auch einfach draußen zusammen. Für alle die, die nicht in der Uni wohnen, wurden aber auch Räume organisiert in denen man sich aufhalten und Kaffee trinken kann. Um halb drei sammeln sich die Studierende nochmal in der Mensa, wo ein vorgezogenes Frühstück ausgeteilt wird, das uns den noch langen Morgen leichter durchhalten lassen soll. Draußen sammeln sich die Studierenden bereits nach Fakultäten sortiert um, wenn sie dann von den Organisator*innen der Studierendenvertretung aufgerufen werden, in die verschiedenen Busse zu steigen. Wir gesellen uns spontan zu den Elektriker*Innen, da wir keiner bestimmten Fakultät angehören.

Als wir schließlich in Havanna einfahren, fällt mir nochmal auf, wie das Stadtbild durch die vielen Fahnen geprägt ist, die momentan in verschiedensten Größen aus Fenstern oder von Balkonen hängen. Es ist ungewöhnlich viel Leben auf den Straßen für diese frühe Stunde und es wird sogar schon –oder noch?- Essen verkauft. Vermutlich haben heute auch viele andere Menschen nicht geschlafen, so wie wir, die wir um halb fünf bereits auf der Bordsteinkante des Malecons sitzen –viel zu früh nach meinem Empfinden, denn die Karawane kommt ja erst um sieben. Auf Nachfrage erklären mir die Studierendenvertreter der FEU, dass unsere Busse zu späterer Zeit wegen Straßensperrungen nicht mehr ins Stadtzentrum hätten einfahren können und wir deshalb schon so früh hier sind. Dadurch sind wir aber auch die ersten, die sich entlang der langen Straße verteilen und stehen in vorderster Reihe vor den Menschen, die sich in den kommenden Stunden hinter uns versammeln. In der Zeit, die wir warten, ergeben sich einige spannende Gespräche mit den Jugendlichen um uns herum, aus denen statt Niedergeschlagenheit wegen des Verlusts eher Elan und Tatendrang für die kommenden Aufgaben herausklingen. Nach und nach wird es voller an der Straße und das Menschenbild wird bunter, so wie gestern auf der Plaza.

Als die Sonne langsam über dem Malecon aufgeht, werden kleine Kuba-Fähnchen verteilt und die Spannung steigt. Die Jungs neben mir erzählen mir begeistert, dass es zum ersten Mal Fähnchen aus Stoff gäbe, bisher wären sie immer nur aus Papier gewesen. Sie erklären uns auch dass die kleinen Fahnen aus Respekt auf Halbmast wehen müssten und auf keinen Fall die Erde berühren dürften. Eine alte Dame stimmt dem ausdrücklich zu und bietet uns dann Bonbons aus einer kleinen Tüte an. Sie habe die nicht für sich alleine mitgebracht, die seien für alle, betont sie mehrmals und freut sich als wir gleich zwei nehmen. Mittlerweile ist es ziemlich voll am Straßenrand und auch die Präsenz der Presse nimmt zu. Plötzlich spricht uns ein Filmteam an und fragt, ob wir etwas in die Kamera sagen würden. Ich bin fasziniert davon, wie souverän und unbefangen die drei Jungs von der Studierendenvertretung in dem spontanen Interview ihre Gedanken äußern. Einmal gefragt, einmal geantwortet und so ist’s im Kasten.

Wir verlieren uns nochmal in Gesprächen, bis auf einmal„Fidel-Rufe“ laut werden und überall um mich herum kleine Fähnchen geschwenkt werden. Es fährt ein Auto an uns vorbei und dann ein Militärjeep. “Jetzt geht es gleich los”, denke ich und realisiere erst als ich den Wagen fast schon von hinten sehe, dass dort bereits die Urne Fidels an uns vorbei fährt. Das war’s, da ziehen sie dahin. Das hatte ich mir im Vorfeld anders ausgemalt, pompöser und aufwändiger, schließlich ist es Fidel der hier verabschiedet wird. Ich bin überrascht von der Nüchternheit. Dann werde ich wieder aus meinen Gefühlen gerissen weil die Menge der Menschen noch ein letztes Mal lautstark eine Welle von „Yo soy Fidel, yo soy Fidel“ (Ich bin Fidel, ich bin Fidel) anstimmt. Die Karawane ist schon fast nicht mehr zu sehen, aber die beiden Straßenseiten rufen es sich noch zu, wie ein gegenseitiges Versprechen.

Drei Tage fährt die Karawane über die Insel, in jeder Stadt aufs Neue von Menschen am Straßenrand empfangen, bis sie am Samstag früh in Santiago ankommt, wo die Beisetzung stattfindet. Fidels Mausoleum, was einem schlichten großen Felsen gleicht, schmückt keine Büste oder der gleichen. Es war sein Wunsch zu Lebzeiten wie für die Zukunft, dass keine Statuen und Denkmäler für ihn gebaut würden um einem Personenkult entgegen zu wirken. Denn er allein sei nicht die Revolution, nein, die Revolution, das wurde mir in diesen Tagen oft genug erklärt, sind alle Kubaner*Innen zusammen.

Deswegen haben die Menschen in Kuba während der letzten Tage auch keine gewöhnlichen Kondolenzbücher unterzeichnet, sondern den Schwur zur Revolution, den Fidel am 1. Mai 2000 vorgetragen hat.

Revolution bedeutet Sinn für den historischen Moment; heißt alles zu ändern, was geändert werden muss; bedeutet Gleichheit und volle Freiheit; heißt die Mitmenschen wie menschliche Wesen zu behandeln und von diesen auch so behandelt zu werden; bedeutet uns durch uns selbst und mit unseren eigenen Anstrengungen zu emanzipieren; heißt mächtige und beherrschende Kräfte innerhalb und außerhalb des gesellschaftlichen und nationalen Bereiches herauszufordern; bedeutet Werte zu verteidigen, an die man um den Preis jedweden Opfers glaubt; bedeutet Bescheidenheit, Uneigennützigkeit, Selbstlosigkeit, Solidarität und Heldenhaftigkeit; heißt mit Kühnheit, Intelligenz und Realismus zu kämpfen; niemals zu lügen und keine ethischen Prinzipien zu verletzen; besteht in der tiefen Überzeugung, dass es keine Kraft auf der Welt gibt, die dazu fähig ist, die Kraft der Wahrheit und der Ideen zu erdrücken; Revolution bedeutet Einheit, bedeutet Unabhängigkeit, bedeutet für unsere Träume für Gerechtigkeit für Kuba und für die Welt zu kämpfen, die die Grundlage für unseren Patriotismus, unseren Sozialismus und unseren Internationalismus bilden.“ – Fidel Castro Ruz

Dieser Artikel ist von Lina. Hier findest du weitere Artikel von ihr.

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