José Martí und die kubanische Revolution (Teil 1 von 2)

José Martí ist der Nationalheld Kubas. Vor jeder kubanischen Schule ist seine Büste zu sehen, jeder Kubaner kennt seine Geschichte und seine Zitate sind omnipräsent. Doch was hat es mit diesem Mann auf sich? Was hat er, der ja deutlich vor der  sozialistischen Revolution lebte, mit dem revolutionären Kuba gemein? Seinem Leben, so wie seinen Gedanken und der heutigen Verwendung seiner Person auf Kuba möchte ich in diesem Artikel auf den Grund gehen.

Die Geschichte eines Nationalhelden

Die soziale Situation auf Kuba war fatal. Das Land befand sich in einer Phase der Industrialisierung, für die Millionen von Sklaven unter unmenschlichen Verhältnissen bis aufs Blut ausgebeutet wurden. Mit der Einführung der Dampfmaschine  orientierte sich die Sklavenarbeit erstmalig an dem Rhythmus der Maschine. Der Sklaveneinsatz wurde immer härter und massenhafter und die Sklaven wurden zu hunderten in Baracken in großen Lagern untergebracht. Auch der kubanischen Arbeiterklasse fehlte oft das Nötigste zum Überleben. Nur etwa drei Prozent der in Kuba erwirtschafteten Einkünfte blieben im Land, der Rest wurde an das Mutterland Spanien abgeführt. Von der spanischen Kolonialherrschaft klein gehalten wuchs somit auch die Unzufriedenheit der bürgerlichen Kräfte auf Kuba. Die Inakzeptanz eines sehr großen Anteils der Gesellschaft gegenüber den herrschenden Verhältnissen drängte nach einer Lösung und führte immer regelmäßiger zu einzelnen Revolten, die es jedoch nicht vermochten, sich gegen die spanischen Kolonialherren durchzusetzen.

In dieser Szenerie begann am 18. Januar 1853 die Geschichte des kubanischen Nationalhelden José Martí. Seine Eltern sind beide aus dem spanischen Mutterland  emigriert und er wurde in das Privileg hineingeboren, Teil der kubanischen Oberschicht zu sein. Schon früh nahm der junge Martí die herrschende Ungerechtigkeit auf Kuba intensiv wahr und durchlebte eine rebellische Entwicklung.  Auslöser dessen war womöglich seine Konfrontation mit dem Horror der Sklavenhaltung in Hanábana in einem Alter von neun Jahren. Bereits mit 15 Jahren geriet er schließlich durch einige politische Schriften, die er in der Schülerzeitung veröffentlichte, ins Visier der spanischen Kolonialisten. Ein Jahr später schrieb er das berühmte Gedicht “Abdala” für die Zeitung “la patria libra” (das freie Vaterland), das durch einen revolutionären und antikolonialistischen Inhalt geprägt ist. Die berühmtesten Worte dieses Gedichtes – “la patria es el odio invencible a quien la oprime” (das Vaterland ist der unbesiegbare Hass gegen den, der es unterdrückt) – waren wohl der entscheidende Grund dafür, dass ihn die spanische Kolonialmacht schon in diesen frühen Jahren seines Wirkens als Sympathisant der Rebellionsbewegung einordnete. Mit 17 Jahren wurde er schließlich für revolutionäre Aktivitäten verhaftet und zu sechs Jahren Kerker und Zwangsarbeit verurteilt, welche jedoch später durch das Engagement seiner Eltern in Exilierung umgewandelt wurden. Im Zuge dessen verlegte man ihn am 15. Januar 1871 nach Cádiz in Spanien, was ihm womöglich das Leben rettete.

In Europa begann er nun seine Kritik an den kubanischen Verhältnissen zu differenzieren und zu konkretisieren. Seine Vision einer eigenen Identität eines freien und unabhängigen Kubas wuchs heran. In Europa studierte er Rechtswissenschaften und Philosophie, lernte portugiesisch, französisch, italienisch, deutsch und englisch und beschäftigte sich mit Geschichte und politischer Ökonomie. Er lernte, um sich selbst und Kuba zu befreien. Laut Martí ist die Bildung die Grundlage zur Erlangung von Unabhängigkeit. Kultur und Bildung seien ein Recht für alle und die Bedingung für die Emanzipation von der Sklaverei und der Fremdherrschaft. Er wollte schnellstmöglich nach Kuba zurückkehren, um dort für seine politischen Ziele zu kämpfen. Im Februar 1875 begab er sich in die mexikanische Stadt Veracruz, wo er aufgrund der geografischen Nähe zu Kuba  vorerst verblieb. Durch eine Amnestie am Ende des ersten Befreiungskrieges konnte Martí schließlich im Jahre 1878 erneut nach Kuba einreisen, worauf er jedoch bereits im folgenden Jahr wieder aufgrund von revolutionären Tätigkeiten – diesmal als Vizepräsident des zentralen revolutionären Clubs Havannas – exiliert wurde. 

Die folgenden 14 Jahre hielt sich Martí in New York auf, wo er weiter für die Unabhängigkeit Kubas kämpfte und einige berühmte Schriften verfasste, wie beispielsweise den Gedichtband “Versos Sencillos”(einfache Verse). Er schrieb über viele Jahre insgesamt für mehr als 20 verschiedene Zeitungen, vor allem in dieser Zeit vermochte er die Entwicklung des Kapitalismus aus nächster Nähe zu betrachten und eine tiefe Analyse und Kritik dessen zu entwickeln, auch wenn diese noch nicht an die Präzision eines Marx herankam. Er begann militärische Kräfte unter dem “Revolutionären Kubanischen Komitee” zu sammeln und gründete im Januar 1892 die Einheitspartei “Partido Revolucionario Cubano”, um die patriotischen Kräfte für den Kampf zu vereinen. Zum ersten Mal entstand eine Partei zur Steuerung der nationalen Befreiungsbewegung und der Errichtung  einer demokratischen Republik. Diese Partei war die erste der Welt mit einem essenziellen, multiklassistischen Volkscharakter. Während seine Pläne für einen erneuten Befreiungskrieg immer konkreter wurden, begann er das Scheitern des ersten Befreiungskrieges zu analysieren und ein Konzept für die Vorbereitung des neuen Versuches zu erstellen. In den Vordergrund stellte er hierbei eine breitere Aufklärung über die Ideen und Ziele nicht nur in Kuba, sondern auch in Lateinamerika und den USA, sowie eine gute Vorbereitung der Bevölkerung und die Konstituierung einer revolutionären Organisation. Er schaffte es die wichtigsten Generäle des ersten Befreiungskrieges – Máximo Gómez und Antonio Maceo – für den gemeinsamen Kampf zu gewinnen. Auch sein Mitwirken an der ersten Panamerikanischen Konferenz in Washington von 1889 bis 1991, als bekanntester Kommentator, war für die Vorbereitung und Propagierung des Unabhängigkeitskampfes von großer Gewichtung.

Martí setzte den Beginn des neuen Unabhängigkeitskrieges auf den 24. Februar 1895. Der Auslöser des bewaffneten Kampfes waren Aufstände in 35 Städten Kubas. Im Mai 1895 fiel er leider bereits in einem seiner ersten Gefechte durch spanische Kugeln. Mit ihm jedoch nicht seine Ideen. Er blieb und bleibt bis heute in den Köpfen und Herzen der Kubaner und großer Teile der Lateinamerikaner, nicht nur für seine unbestreitbare Bedeutung für die lateinamerikanische und die Weltliteratur, als Mitbegründer der ersten voll eigenständigen lateinamerikanischen Literaturbewegung, dem “Modernismo”, sondern vor allem als Symbol für den Unabhängigkeitskampf, für den Kampf um soziale Emanzipation, für den Kampf um eine soziale Welt.

Seine weitreichenden, radikal humanistischen Gedanken waren zu seiner Zeit mehr als visionär. Diese in einer größtmöglichen Breite zu beschreiben, zu analysieren und dessen Analogien mit dem Marxismus und der kubanischen Revolution zu entdecken, habe ich mir für den zweiten Teil des Artikels vorgenommen, viel Spaß beim Weiterlesen!

Dieser Artikel war von Lorenz. Hier geht es zu weiteren Artikeln von ihm.

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