Der Vogel fliegt wieder über Havanna

Als erstes möchte ich dir, Havanna, gratulieren, dass du vor kurzem weltweit unter sieben der schönsten Städte einen Platz bekommen hast. Klasse Leistung!

Ich bin echt froh, dass ich bei dir bin und alles aus der Nahe hören und erleben kann. Ein bolivianischer Kumpel von dir, der dir sehr nahe steht, hat auch einen Platz unter den sieben schönsten Städten der Welt erhalten. La Paz ist das. Herzlichen Glückwunsch La Paz!

Erinnerst du dich, Havanna, dass du mich vor ein paar Wochen nicht in dein Viertel Boyeros reingelassen hast? Das war doch abgemacht, dass ich zu dir kommen kann. Wir sind hier gemeinsam in Havanna, um zu arbeiten, zu studieren und mit dem „Proyecto Tamara Bunke“ für dich Solidarität zu leisten. Wir wohnen in all deinen so unterschiedlichen Vierteln und haben dich auf vielseitige Art kennen und lieben gelernt. Du hast bemerkt, dass es wie in jeder, auch in unserer Gruppe Spannungen gibt. Du hast betont, dass du, solange wir dir unsere Probleme nicht mitteilen, nicht mehr über deine Viertel mit uns sprechen möchtest. Aber was soll ich dir über uns noch erzählen? Es braucht Zeit, dass du uns kennenlernst. Du hast Recht, gegenseitiges Kennenlernen ist ganz normal und man muss respektvoll miteinander umgehen. Du willst mehr über uns wissen, das habe ich jetzt kapiert. Wir sind nicht perfekt und das muss man zugeben. Ich glaube es wäre besser, wenn du, Havanna, auch mal nach Deutschland, zum Beispiel nach Berlin, kommen würdest und von nahem sehen könntest, wer wir sind, was wir dort tun und was die Menschen so treiben. Sicher ist, dass ich einigen deiner Söhne und Töchter hier erzählt habe, was mit uns los war. Klar kommt es vor, dass bei einem so langen Aufenthalt, wie wir ihn hier haben, mit der Zeit auch Hitze und Sehnsuchtsprobleme auftreten. Das ist normal. Denn du, Havanna, erzählst uns alles, was wir wissen wollen und warum sollten wir dir nicht auch etwas von uns erzählen?

Ich möchte mich bei dir bedanken, dass du mich nach einer Weile wieder in deine Viertel hineinlässt. Heute habe ich für eine Verabredung um 8.30 Uhr meine Wohnung in Richtung einer deiner Bushaltestellen verlassen. Von meiner Casa laufe ich circa 4 Minuten dorthin. Ach, ich muss dir noch etwas sagen. Ich stehe bei dir immer sehr gerne früh auf, weil ich jeden Tag etwas Neues von dir lernen kann und sehen möchte. Dass du nie schläfst, Havanna, das weiß die ganze Welt. Ob ich das auch machen werde, fragst du? Schauen wir mal! Ich glaube, wenn ich dich mehr kennenlernen möchte, dann muss ich deine Nächte erleben. Kennst du auch einen Vogel, der nachts über dich fliegt? Wenn ja, dann würde ich es schön finden mit diesem Vogel zusammen über dich zu fliegen und mir dein Nachtleben anzuschauen.

Ab 8.00 Uhr sind viele deiner Leute draußen auf den Straßen. Auf dem Weg zur Bushaltestelle sehe ich sie. Das Municipio, in dem du mir ein Dach über meinem Kopf gegeben hast, nennst du Cerro. In meinem Barrio kennen mich fast alle. Die Menschen hier sind sehr freundlich zu mir. Heute, wie immer, gab es links und rechts Begrüßungen.

Der Schuhmacher, den ich seit kurzem kenne, steht jeden Morgen um 8.00 Uhr auf und stellt Arbeitstisch, sowie Werkzeug vor seiner Tür auf und begrüßt mich dabei immer mit den Worten „Hecha“, einer Begrüßungsart, die nur von Arbeitern und Werktätigen verwendet wird. Ich antworte immer auf eher weniger akademische Art und Weise „Hacere“. Lustig ist, dass ich meistens meinen Laptop dabei habe und kein Werkzeug. Ich glaube trotzdem, dass ich Teil deines Viertels und deiner Leute geworden bin und das ist auch gut so!
Du hast mir erzählt, dass Cerro den Schlüssel zum Wasser besitzt „Cerro tiene la llave del agua“.
Aber darf ich jetzt, ohne weiter über Cerro zu erzählen in deinem Viertel Boyeros ankommen und etwas darüber von dir lernen? Über Cerro können wir uns ja auch noch später unterhalten, oder?

Vorher musst du mir aber noch etwas verraten und zwar, warum du so schöne Namen für deine Viertel hast. „La Lisa“, „Marianao“, „La Playa“, „Miramar“, „La Rosita“, „Coco solo“, „Miraflores“, „Santiago de las Vegas“… Wo hast du die alle her? Du meintest mal zu mir, dass wir auch in Deutschland schöne Namen für viele Viertel haben. Aber seien wir mal ehrlich, nicht überall haben wir dort schöne Namen. Findest du zum Beispiel „Rohrbach“, „Bergheim“, „Weststadt“ oder „Bahnstadt“ schön? Aber es gibt auch einige schöne Namen: „Wedding“, „Charlottenburg“ in Berlin oder „St. Pauli“ in Hamburg. Weißt du was Havanna?! Nachdem du mir in letzter Zeit so viel über dich erzählt hast und ich das weitergegeben habe, hat eine Freundin, die ich hier bei dir kennengelernt habe gesagt, dass alles, was ich von dir höre und weitergebe eine Liebeserklärung von mir an dich ist. Siehst du das auch so? Ja okay, wenn du jetzt nicht darüber reden kannst, lassen wir das einfach und reden später darüber.

Südlichstes Municipio nennst du bei dir Boyeros (Municipio del Sur). Calabazar und Santiago de las Vegas umarmen Boyeros von links und rechts. Früher gehörte Boyeros zu der Provinz Mayabeque. Heute gehört Boyeros zu dir und hat die größte Viertelfläche, die bis zum internationalen Flughafen José Martí hinausgeht. Boyeros hat 134 qkm! Du bist seit einer Weile mit Boyeros, Ranarango, Cerro, Marianao und La Lisa gemeinsam weiter in den Süden gezogen und immer größer geworden. Ranchos, die kleinen, schönen Villen, mit vielen Gärtchen, die du in Boyeros zum Sehen anbietest, haben deine Kinder vor sehr langer Zeit mit viel Arbeit und Geld aufgebaut. Noch südlicher von Boyeros hast du Ranche San Antonio de los Banous und Bejcal benachbart. 500 Jahre alt ist dein Boyeros, genauso alt wie du.

Im Jahre 1600 war dein jetziger Nachbar Santiago de las Vegas mit Boyeros zusammen. Wir haben öfter miteinander gesprochen, dass du stolz auf deine Söhne und Töchter sein sollst. Die Vegneros, die Menschen von Santiago de las Vegas, haben im Jahr 1700 gegen die spanische Kolonialmacht für Freiheit und Souveränität gekämpft. Überall gab es Aufstände und revolutionäre Bewegungen. Von tausend Kilometern Entfernung in Santiago de Cuba bis vor deine Haustür gegen die spanische Herrschaft. Am 24 Februar 1895 passierte etwas, sagst du! Eine große, revolutionäre Gruppe mit der Führung Juan Delgado begann bei dir den Kampf gegen spanische Besatzung. Juan Delgado ist in Bejucal, das zum Boyeros und Santiago de Las Vegas gehörte zur Welt gekommen. Wieder ein Lob an dich, dass du solche Kinder zur Welt bringst. Was für ein Kämpfer, sodass Maximo Gomez ihn als Befehlshaber für die ganze Region ernannt hat (a la Campana hieß dieser Aufruf). Maximo Gomez betonte, dass Juan Delgado sehr wichtig für Cuba ist. Gomez, sein Sohn und Antonio Maceo haben in dieser Zeit den Kampf für nationale Befreiung ausgebreitet. Maceo sowie Gomez´s Sohn haben für diesen Kampf sogar ihr Leben gelassen. Juan Delgado ließ die Leiche, die in der Hand der Spanier lag, ausgraben und ein Begräbnis für sie abhalten. Panchito Gomez Toro, Sohn von Maximo Gomez ist gestorben, hieß es dann. Das war am 7 Dezember. Deswegen ist dieser Tag bei dir ein Trauertag.

Mich hat immer interessiert, seit wann dein Flughafen nach dem großen kubanischen Philosophen, Dichter und Freiheitskämpfer des 19. Jahrhunderts, José Martí, benannt ist. Innerhalb Boyeros hast du den Grundstein für den Flughafen im Jahre 1920 gelegt und ihm den Namen Rancho Boyeros gegeben. Als der Diktator Herado Machado im gleichen Jahr die Macht ergriffen hat, wurde der Name des Flughafens zu seinem eigenen Namen geändert. 1954 wurde er dann in den internationalen Flughafen José Martí umbenannt. Später hat Diktator Batista erneut versucht den Namen ändern zu lassen, aber die Proteste deines Volkes für den Erhalt des Namens waren so stark, dass Batista von seiner Idee ablassen musste. Das der Name auch weiterhin erhalten bleiben wird, ist selbstverständlich, sagst du!

Du bist stolz, dass die Casa Maximo Gomez in Boyeros ist. Eine Zwischenfrage: Meinst du nicht, dass du größer bist, als das gesamte Ost- und West Berlin? Ja, da hast du recht, denn bei dir sind nur wenige Hochhäuser in den Himmel gezogen worden und so erstreckst du dich weitaus klarer.

Wir sehen uns bald hoffentlich in Cerro, passt dir das? Kannst du mir dann verraten warum deine Municipios so wunderschöne Namen haben?

Saber leer es saber andar – José Martí
(Lesen können ist gehen können)

Hier geht es zu weiteren Artikeln von Fari

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