Reflexion über unseren unlieben ständigen Begleiter: Die Werbung

Seit ich in Cuba bin, ist mir erst wirklich aufgefallen, welchen immensen Einfluss Werbung auf mein Leben nimmt. Während ich vorher immer mit Werbung auf allen Ebenen konfrontiert war, sehe ich nun, wie ein Minimum von Werbung auf mich wirkt. Dabei fallen mir aber nicht nur die positiven Aspekte auf, wie zum Beispiel, dass die Hauptfunktion von Werbung mein Kaufverhalten zu beeinflussen, wegfällt, aber auch die negativen, doch dazu später mehr. 

Um zu verdeutlichen, was das nun genau bedeutet, wenn ich sage, dass es hier kaum Konfrontation mit Reklame gibt, folgende Beispiele:
Wer in Deutschland eine Einkaufstour macht, kommt sicherlich mit 3 verschieden buntbedruckten Tüten nachhause, die auch allen anderen Passant*innen verdeutlichen, wo man eingekauft hat. Wenn ich hier in Cuba eine Einkaufstour mache, komme ich zwar auch mit mehreren Tüten nachhause, die Menschen auf der Straße können aber nur rätseln, wo ich eingekauft habe, denn keine davon ist bedruckt. Was man hier in jedem Laden und bei jedem Gemüsehändler bekommt, sind schlichte weiße Plastiktüten. Der Grund dafür, ist die Tatsache, dass es ein anderes Verhältnis der Konkurrenz zwischen den Geschäften gibt: Um Obst oder Gemüse einzukaufen, geht man zum jeweiligen Händler, für alle anderen Lebensmittel und mehr, zum Beispiel zum “Panamericana“. Diese staatliche Supermarktkette ist die Verkaufsstelle für importierte und in Cuba hergestellte Waren. Da so gesehen kein Wettkampf zwischen den Supermarktketten wie bei uns in Deutschland herrscht, brauchen sie auch nicht im besonderen Maße auf sich aufmerksam machen.
Wenn ich hier auf der Suche nach einem Kaffee war, fand ich mich selbst oft wieder an einem Fenster mit Theke, welches mich direkt in das Wohnzimmer einer Familie gucken lässt, anstatt in eine auf Hochglanz poliertem und bestmöglich möbliertem Kettenfiliale. Viele Kiosks hier haben als einzige grafisch gestaltete Werbung auch meist nur ihre Speisekarte. Und wenn es nicht die Speisekarte ist, dann ist es der Name. Dazu muss aber erwähnt werden, dass das nicht selten auch an den begrenzten Mitteln der Besitzer liegt. Wer eine kleine private Cafeteria betreibt, hat oft nicht das Kapital um dieses dann auch noch für Werbung auszugeben. Oftmals sind die kleinen Fressbuden auch unbenannt – wann hat man in Deutschland das letzte Mal ein unbenanntes Café gesehen?
Was ich hier geschildert habe, trifft aber natürlich nicht auf alles zu. In Stadtteilen wie Habana Vieja, dem historische Kern von Havanna, gibt es natürlich auch schon längst privatisierte Restaurants ausgelegt für Touristen*innen, die sowohl supermodern eingerichtet sind, als auch über leuchtende Reklame verfügen, sowieso natürlich mit Kellnerin oder Kellner, der vor dem Eingang Touristen*innen abfängt und sie auf das Menü aufmerksam macht.
Nun, welchen Eindruck macht das alles auf mich? Einerseits genieße ich natürlich, dass ich es nicht einfach hinnehmen muss tagtäglich manipuliert zu werden bei meinem Kosumverhalten. Andererseits, fällt mir auch auf, wieviel leichter Werbung einem das Leben macht. Sie lenkt einen, nimmt die lästige Entscheidung ab, welches Produkt zu kaufen ist bei einer Auswahl von 10 gleichartigen Artikeln. Im Kontrast dazu allerdings erweckt sie aber auch Sehnsucht, wo eigentlich kein Bedürfnis nach einem Produkt ist – schließlich soll sie ja zum Kaufen anregen. Zwar habe ich schon vorher vor Einkäufen reflektiert, ob mein Bedürfnis daraus erwächst ein bestimmtes Produkt zu kaufen, weil es mir als notwendig in meinem Leben vermittelt wird – rückblickend kann man aber sagen, dass wahrscheinlich jeder schon mal eine Sache gekauft hat, die er/sie nicht wirklich brauchte. Hier habe ich es bis jetzt nicht erlebt, dass ich nach einem Einkauf zugab, wie unnötig er war.
Zudem ist Reklame auch gewissermaßen Lifestyle: Wenn ich in Deutschland die Wahl hatte in 3 verschiedene unbekannte Cafés zu gehen, habe ich natürlich das ausgewählt, was den coolsten Namen und die schönste Einrichtung hatte – ohne direkt zu vergleichen, welches die günstigsten Preise hat oder die meiste Auswahl. Eine andere Funktion der Reklame fehlt mir hier aber auch: das Wegweisen. Klar, Manipulation hin oder her, aber wenn ich einen Café trinken will und einfach keine Ahnung habe, in welche Richtung ich gehen soll, geschweige denn, wenn ich an einer Kreuzung stehe und in alle Straßen schaue und kein einziges Schild sehe, was mich auf die Existenz eines Restaurants hinweist, was soll ich dann machen? In solchem Momenten komme ich mir dann ein bisschen verloren vor, denn entweder muss man dafür dann ortskundig sein, oder einfach alle Richtungen ausprobieren. Bis dahin werde ich einfach dabei bleiben, in solchen Situationen Passanten zu fragen. Soweit bin ich aber erstmal froh, dass ich nun nicht mehr mit den sozialen Auswirkungen von Werbung konfrontiert werde, denn wer hat denn Gefallen an Gruppenzwang, Stress und Selbstzweifel (die sehr wohl auch durch die viel zu hohen ästhetischen Erwartungen an Menschen in der Werbung geprägt werden!) oder die schier immensen Summen an Geld, die jedes Jahr für ein neues iPhone draufgehen?

 

Hier geht es zu weiteren Artikeln von Laika.

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