Havanna, du hast doch einen Vogel

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Heute möchte ich mit dir über Vedado fliegen. Obwohl wir uns noch nicht im Gebiet des Municipios aufhalten, kann ich von hier oben doch schon die Hauptschlagader, die sogenannte Calle 23 erblicken. Die breite Straße, welche zu deinen bekanntesten gehört, wirkt von hier oben trotz der Entfernung besonders belebt. Wir treten gemeinsam in den Luftraum Vedados ein. Mir fällt auf, dass die Calle 23 neu gepflastert ist. Du erzählst mir, dass die Sanierungsarbeiten von den Produzenten des neuen Fast And The Furious Films bezahlt wurden. Die Straßenbauer haben wirklich eine klasse Arbeit geleistet. Alles funktioniert nun etwas schneller als zuvor und die Autos brauchen keine Bögen mehr um die Schlaglöcher zu fahren. Du zeigst mir das Berthold Brecht Theater. Hier war ich schon oft zu Besuch. Vor kurzem erst ist dort die deutsche Theaterwoche ausgelaufen. Unter der Woche finden hier Kulturveranstaltungen statt und am Wochenende sind lange Schlagen von Jugendlichen zu beobachten, die sich im Untergeschoss zu Technomusik bewegen. Ich werfe noch einen letzten Blick auf das Theater, wir fliegen weiter und es verschwindet hinter uns. Wir kommen an einer sehr großen Kreuzung an. Fast alle Busse, welche die Menschen durch Havanna fahren, halten hier. Weiterlesen

Alltagsatmosphären

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Drückende Hitze – eigentlich vollkommen normal, aber trotzdem immer wieder erwähnenswert. Sie ist allgegenwärtig und umgibt mich wie eine Blase. Das Leben scheint in doppelter Geschwindigkeit an mir vorbeizuziehen. Ich befinde mich in der Rolle des Beobachters, versuche alles zu sehen, alles mitzubekommen, alles aufzunehmen, zu riechen, zu hören, zu fühlen.

…Aber da ist immer noch diese Hitze… Weiterlesen

Landung mit dem Vogel in Cerro

Vor einiger Zeit habe ich mich bei dir, Havanna, bedankt, für das Dach, dass du mir seit einer Weile über dem Kopf, in deinem Viertel Cerro, gegeben hast. Du hast Cerro richtig ins Zentrum deiner Viertel gestellt, so dass man von hier aus fast überall hinkommen kann. Vor einiger Zeit hast du sicherlich mitbekommen, was in meinem Straßenviertel passierte. Das war nichts schlimmes, aber das gehört halt dazu, wenn man hier wohnt. Genau gesagt war es am 15. Mai, an einem Sonntag gegen zwei Uhr nachmittags, an dem ich lautes Quieken von Schweinen hörte. Von der Terrasse aus, war fast alles zu sehen. Drei Männer, inklusive meinem Nachbarn haben über 20 Minuten versucht das gut gebaute Schwein, mit Seil ums Maul gebunden, über den Hof Richtung Straße zu ziehen. Alle drei Männer mussten jede Minute eine Pause machen, weil das Schwein nicht zu bewegen schien und laut quiekte. Es wurde zum Schlachthof mitgeschleppt. Du weißt Bescheid über die Schweinezucht von meinen Nachbarn? Weiterlesen

Die Ciudad Escolar Libertad – Vom Sieg der Kultur über die Barbarei

Lernen in der Lunge Havannas

Zur Vorbereitung auf die Kurse, die wir an der technischen Hochschule von Havanna (Cujae) besuchen, haben wir zu Beginn des Semesters einen Spanischkurs absolviert. Dieser Kurs fand an der Fakultät für Fremdsprachen der pädagogischen Universität Varona statt, die auf dem Gelände der Ciudad Escolar Libertad, einer Schulstadt im Westen Havannas liegt. Betritt man das 2,6km2 große Gelände durch eines der verschiedenen Eingangstore taucht man in eine andere Welt ein. Weiterlesen

Obamas Kubabesuch, Teil 1 von 2

Eine Interpretation in Anlehnung an den Artikel „Obama y la economía Cubana: Entender lo que no se dijo“, von Augustín Lage* erschienen am 23.03.2016 auf Cubadebate.cu. (Übersetzung „Obama und die kubanische Ökonomie: Verstehen was nicht gesagt wurde“ zu finden auf amerika21.de)

Geschichtliche Intuition

„Die USA werden kommen um mit uns einen Dialog zu führen, wenn sie einen schwarzen Präsidenten haben, und die Welt einen Papst aus Lateinamerika.“ Fidel Castro Ruz 1973

Diese Antwort gab Fidel Castro vor rund 43 Jahren in einer Pressekonferenz auf die Frage eines britischen Journalisten hin, wann denn die Beziehungen zwischen den USA und Kuba – zweier trotz der geographischen Nähe derart voneinander entfernte Staaten – wieder hergestellt werden würden. Liest man diese Worte heute, so kommen sie vor dem aktuellen politischen Kontext regelrecht prophetisch daher. Nun kam also nachdem mit Franziskus ein lateinamerikanischer Papst im Amt ist (der zudem schon zwei Mal Kuba besuchte) am 20. März 2016 mit Barack Obama der erste schwarze US-amerikanische Präsident nach Kuba, um wie er selbst angekündigt hatte „ein neues Kapitel der bilateralen Beziehungen“ aufzuschlagen.

Doch rein prophetisch im Sinne einer göttlichen Eingebung, sollte man die Worte des Revolutionsführers Fidel aus dem Jahre 1973 nicht deuten. Damals vielleicht eher als ein Scherz gedeutet – denn wer hätte zu dieser Zeit gedacht wie weit z.B. die Einflüsse der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung („civil rights movement“, Martin Luther King etc.) reichen würden – kann man sie heute auch als Anspielung auf die Dialektik der Geschichte auffassen. In diesem Sinne wären die Worte eine Anspielung auf die Errungenschaften der sozialen Kämpfe in der Geschichte, aber zugleich auch eine Anspielung auf die Integrations- und Lernfähigkeit des kapitalistischen Systems selbst.

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Aprendemos español

Montag morgen, kurz vor Neun betrete ich die Ciudad libertad und mache mich auf den Weg zu meinem Spanischkurs. Dieser findet in der Ciudad libertad statt, einem ehemaligen Militärkomplex der nach der Revolution zu einer Bildungseinrichtung umgebaut wurde. Heute befinden sich mehrere Kindergärten, Grundschulen, weiterführende Schulen, Ausbildungsstätten und die „HoChiMin Schule für Autisten“ auf dem Gelände. Sobald man das Tor durchschritten hat riecht es in der gesamten Umgebung nach Bildung. Der Kurs findet an der Fakultät für Fremdsprachen der pädagogischen Universität statt. Gleich beginnt der Unterricht. ?Hola, como estan? „Guten Tag, Wie geht es euch?“ Das ist meistens die erste Frage unsere beiden Lehrerinnen, die uns sechs Neuen 3 mal die Woche unterrichten. Der Unterricht beginnt immer mit einer Wiederholung der letzten Stunde in der wir alle nochmal die wichtigsten Sachen die wir gelernt haben Revue passieren lassen. Wenn jemand was nicht verstanden hat fällt die Wiederholung auch schon mal länger aus, bis jeder das vorher gelernte auch wirklich anwenden kann. Anschließend erarbeiten wir neuen Stoff und am Ende der Stunde wird nochmal alles zusammengefasst. Beendet wird der Unterricht meisten mit der Frage „Aprenden? Are you learning?“

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1.Mai Havanna

Es ist halb 2 Uhr morgens. Ich ziehe meinen Rucksack auf und verlasse das Haus in Richtung meiner etwas außerhalb gelegenen Universität (CUJAE). Dort treffe ich mich mit einigen GenossInnen um gemeinsam zur der Demonstration zu fahren. Die Uni stellt einen der etlichen Treffpunkte  mit organisierter Anfahrt dar. Um die 1200 Sonderbusse fahren wohl den gesamten morgen aus allen Stadtteilen in das Zentrum um die riesigen Menschenmassen stressfrei zu transportieren. Weiterlesen

Ich möchte ein Vogel sein um über Havanna fliegen zu können!

Wer sagt, dass er Havanna gut kennt und gut entdeckt hat? Das ist nicht wahr, sogar die Habaneros können nicht sagen, dass sie ganz Havanna kennen. Ach Havanna, sag du selber, was es bei dir alles zu sehen gibt. Deine Menschen, die du um dich versammelt hast, deine Viertel, deine Straßen, deine Gebäude, deine Geschichte, deine Triumphe, deine Freiheit, die du am 1. Januar 1959 erreicht hast, gehören nur dir.
Wusstest du, Havanna, dass viele in dich verliebt sind? Aber warum? Wer dich wirklich richtig kennen möchte, muss nur ein Vogel sein! Sich dir annähern kann man aber trotzdem, auch wenn man keine Flügel hat.

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Die moralischen Herausforderungen des kubanischen Alltags – oder wie Balletbesuche das Leben verändern können (Teil 2)

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Innenansicht des Theaters „Alicia Alonso“ in Havanna (Quelle: Granma)

Kuba ist ein Land der Kompromisse, Kompromisse, die jeder auch mit sich selbst und seinen Idealen machen muss. Es ist ein Unterschied die Realität und deren Widersprüche tagtäglich zu erleben oder von außen ein moralisches Urteil zu sprechen, für welches ich vor 12 Monaten gewissenhaft in die Bresche gesprungen wäre. Mit diesen Hintergedanken maße ich mir auch nicht an, Korruption auf kleinster Ebene, Jineterismo oder Wiederverkäufer als Individuen zu verurteilen. Meiner Meinung nach muss man zwischen auftretenden Phänomenen, Personen, in denen diese augenscheinlich verkörpert sind, sowie ihren Beweggründen und Ursachen differenzieren und diese abstrahiert betrachten.

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Cool bleiben – Was sagt Havanna zum Obama-Besuch?

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Mit Gitarre und Knarre: Che Guevara auf einem Wandbild in Havanna (Quelle: Ueslei Marcelino/Reuters / jW)

In den Tagen vor dem Beginn des historischen Staatsbesuchs von US-Präsident Barack Obama lag in der kubanischen Hauptstadt Havanna etwas in der Luft. Straßen wurden geteert, die Häuser am Malecón mit Hochdruck saniert, und vor dem »Habana Libre«, dem ehemaligen Mafiatempel und Hilton-Hotel, weht seit kurzem wieder eine US-Fahne – neben der kubanischen und einigen anderen. »Wir gehen davon aus, dass der Besuch gut für Kuba sein wird und die Kubaner bessere Möglichkeiten für ihre wirtschaftliche Entwicklung und eine bessere Zukunft bekommen«, meint der 18jährige Luis Angel Peña, der in Havanna zur Schule geht. »Wir sind zwei komplett verschiedene Länder, haben aber viele kulturelle Gemeinsamkeiten.« Er würde es auch begrüßen, wenn Kubas Präsident Raúl Castro im Gegenzug die USA besuchen würde. »Der Besuch wird Kuba internationales Prestige verleihen. Es ist ein Besuch, der die Beziehungen zwischen beiden Völkern verbessern kann«, meint auch Otto Guerra González (63), der als Geschichtsdozent an der Universität von Havanna gearbeitet hat.

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