Ein Leben vom Tourismus – Einblicke in das Leben einer jungen Kleinfamilie am Rande der Legalität

In Kuba gibt es den Spruch „Hay que inventarse“ – Man muss sich etwas erfinden. In diesem Land wimmelt es von Menschen, Überlebenskünstlern und -künstlerinnen, die ständig irgendetwas erfinden, um das Leben etwas besser oder einfacher zu machen.

Der obere Teil einer PET-Flasche als Trichter, ein einfacher Holzstock als Baseballschläger, ein Tisch samt Stuhl statt Leiter, Bonbonpapiere als Glitzerverzierungen – erfinderisch sein gehört hier zum Leben. Und zwar nicht im schlechten Sinne. Ich habe hier Unzähliges fürs praktische Leben gelernt, auf das ich durch den Überfluss an Equipment und Möglichkeiten in meinem Leben in Deutschland nicht gekommen wäre. Ein Jeder, eine Jede kämpft sich hier durchs Leben – im großen und im kleinen Stil. Kleine Erfindungen zum Wasser umfüllen, ein Ballspiel spielen oder eine Glühbirne austauschen sind dabei eine Sache. Das Verkaufen von diesem und jenem, eine andere. Und die Lizenz für den Verkauf von bestimmten Artikeln oder das Anbieten von Dienstleistungen zu haben, noch eine weitere. Weiterlesen

Wer rappt, trägt Verantwortung

Hip Hop und seine transformative Kraft im Kampf gegen Rassismus

Mit der Annahme, dass ich mich in den nächsten Monaten mit Salsa und Reggaeton anfreunden müsste (obwohl ich dies tatsächlich mittlerweile tue), wurde ich bereits in meiner ersten Woche in La Habana eines besseren belehrt. Auf einen meiner Irrwege durch Centro Habana lief ich zufällig an der “Agencia de Rap” vorbei. Ich dachte mir “Wow, nice! Was ist das denn?” und stolperte vor den Wachmann um zu fragen. Der zeigte nur auf das Plakat vor der Tür worauf “Simposio de Hip Hop” stand. Da neben sah ich ein komplett 5-tägiges Festivalprogramm mit Workshops, Konzerten und Präsentationen rund um Hip Hop als Bildungsarbeit, Kunst, politische Bewegung etc. mit Künstler*innen und Aktivist*innen aus ganz Lateinamerika. Jackpot!!! Voller Begeisterung stürzte ich mich aufs erste Hip Hop Konzert in der damals noch mir unbekannten Madriguera. Heute, 7 Monate später, ist die Madriguera ein mir wohl bekannter Ort, wo regelmäßig Hip Hop und Kulturevents stattfinden, weil es ein öffentliches Jugendkulturzentrum ist. Heute weiß ich, dass die Agencia de Rap, Teil der staatlichen Kulturarbeit ist, die verantwortlich ist für die Förderung von Künstler*innen und Veranstaltungen der Hip Hop Szene, wie das Simposio de Hip Hop, was ich damals entdeckte. So, werden von der Agencia zum Beispiel auch regelmäßig “Peñas”(freie, offene Konzerte) auf öffentlichen Plätzen, Basketballfeldern u.ä. organisiert, wo das ganze Viertel am Start ist- die Muttis schauen aus dem Fenster, die Kids rennen zwischen dem Publikum und der “Bühne” umher, Touris laufen vorbei und bleiben stehen, die Bauarbeiter pausieren ihre Arbeit und wippen mit, die Alten stellen ihre Schaukelstühle raus…
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¡Hola, linda! ¿Boyfriend? Ein Bericht über mein Leben als weiße Frau in Havanna

Erwartungen und Vorfreude

Als ich mit meinem Umfeld in Deutschland darüber redete, dass ich ein halbes Jahr in Kuba verbringen werde, waren der Großteil von den Personen neidisch. Kuba, das Land der Träume. Das Land, das unser aller Vorbild ist. Das System, für das wir in Deutschland auch kämpfen. Die Verbildlichung aller Anstrengungen in unserem Land. Kurz gesagt – das Paradies.

Vor allem die Frauen in meinem Umfeld sehen mich mit leuchtenden Augen an. Endlich dem sexistischen Kacksystem entfliehen, in ein Land, in dem fast 50% Frauenanteil in der Politik besteht, in denen Berufe nicht mehr in Männerdomäne und Frauendomäne unterteilt sind, in dem immer weiter für die Befreiung der Frau gekämpft wird. Ein Traum für jede – und auch jeden – , die und der unter dem Sexismus in Deutschland tagtäglich leidet.

Doch hier gehen Wunschdenken und Realität auseinander. Hier in Kuba existiert institutioneller Sexismus fast gar nicht mehr – und die Reste, die noch immer von der Zeit vor der Revolution bestehen, werden tagtäglich bekämpft. Das ist ein riesiger Fortschritt und sollte auf jeden Fall anerkannt werden. Doch ist es das eine, Löhne auszugleichen, Gesetze zu ändern und mehr Frauen ins Parlament zu wählen. Eine ganz andere Herausforderung besteht jedoch darin, das Bewusstsein der Bevölkerung zu verändern. Auch die Zeitspanne, welche dafür benötigt wird, ist viel größer.

Um ein Bild davon zu geben, was es bedeutet hier als weiße Frau zu leben, werde ich ein paar Situationen aus meinem Alltag schildern.


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Playa Florida – Ein sonderbarer Besuch in einem kleinen Küstendorf – Eindrücke 6 Monate nach Hurricane Irma

Am 9. September 2017 preschte einer der stärksten Hurrikane seit Wetteraufzeichnungen durch die Karibik. Vor allem Haiti, Puerto Rico und Cuba waren betroffen. Der Tropensturm überrannte die kleinen Inselnationen in Ausmaßen, die vorher zwar abzusehen, jedoch nicht zu verhindern waren.

Was tut man, wenn die eigenen vier Wände plötzlich davon zu fliegen drohen?

Sicherheitsvorkehrungen – lose Teile sichern, Dächer, Zäune, Boote, und alles was geht, festbinden. Elektrogeräte möglichst weit entfernt vom Boden lagern. Denn der Sturm bringt nicht nur Windböen von bis zu 285km/h, sondern lässt auch das Meer so aufbrausen, dass meterhohe Wellen die Straßen ertränken. Das heißt, wichtige Dokumente sichern, Familienfotos, Bücher etc. einpacken. …was ist eigentlich das Wichtige, wenn die komplette Existenz in Gefahr ist? Fragen, die mich vor allem während und nach meinem Besuch in Playa Florida beschäftigt haben. Weiterlesen

Wahlen als Beweis für Demokratie & Geschlossenheit Teil 2 – Die Nationalwahlen

Am 11. März hat Kuba gewählt und wir waren live dabei. 605 Kandidat_innen des Nationalparlaments und weitere 1265 Kandidat_innen der Provinzparlamente standen zur Wahl.

85,65% der Kubaner_innen haben ihre Stimme abgegeben und damit alles getan, damit sich am 19. April die Asamblea Nacional del Poder Popular (ANPP, Nationalversammlung der Volksmacht) in seiner 9. Legislaturperiode konstituieren kann.

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Eine Gesellschaft erkennt man daran wie sie mit ihren schwächsten Mitgliedern umgeht

Ein spannender und zum Verständnis dieses Landes beitragender Aspekt dieses Projektes, ist nicht zuletzt das Kennenlernen verschiedener gesellschaftlicher Institutionen und Prozesse.

So besuchten wir vor geraumer Zeit, auf der Isla de La Juventud ein Altenheim. Wir erhielten zum Einen eine Führung durch die Räumlichkeiten der Bewohner, und zum Anderen die Möglichkeit, sowohl mit einigen dort lebenden Menschen, als auch mit dem angestellten Personal zu reden und Fragen zu stellen.
Während des Rundgangs, erklärte man uns zuerst die rechtlichen Grundlagen der älteren Bevölkerung auf Kuba. Fidel hatte sich zu seiner Zeit, um die Älteren wie um die Jüngeren Menschen der Gesellschaft kümmern wollen. Er hatte die Idee vor Augen, den Menschen, die eine geraume Zeit ihres Lebens für die Gesellschaft arbeiteten, auch im Alter noch ein qualitativ hochwertiges Leben zu ermöglichen.
Das Renteneintrittsalter beträgt auf Kuba für Frauen 57 Jahre und für Männer 60 Jahre. Ein Kubaner der mindestens 25 Jahre seines Lebens gearbeitet hat, erhält eine Rente von 200 bis 220 Peso im Monat. Die monatlichen Kosten für einen Platz im Altenheim betragen 40 Peso. Hier sind Unterkunft, Essen, Medikamente und übriges Lebensnotwendige enthalten. Über die übrig bleibende Differenz dürfen die Menschen frei verfügen. Hat ein Mensch nicht die notwendigen 25 Jahre seines Lebens gearbeitet, werden ihm die Kosten vom Staat erstattet. Des Weiteren erhalten Raucher ohne Rente 60 Peso monatlich für Zigaretten. Hat ein Mensch sein Leben lang geraucht, möchte man ihm in seinen letzten Jahren nicht auch noch einen Entzug zumuten. Weiterlesen

Wahlen als Beweis für Demokratie und Geschlossenheit Teil 1 – Die Kommunalwahlen

„Das Wahlsystem Kubas ist einzigartig auf der Welt“

Diesen Satz hörten wir am vergangen Sonntag (26. November 2017) immer wieder von verschiedenen stolzen Wahlhelferinnen und -helfern, die sich hier in Kuba alle freiwillig melden. Von verschiedenen Ecken wurde immer wieder betont, welch ein Glück wir haben, in der Zeit von September 2017 bis April 2018 in Kuba zu sein – die Zeit, in der die „großen“ Wahlen abgehalten werden. Weiterlesen

Proyecto Sociocultural Ventana al Valle in Viñales

Meine erste kleine Entdeckungsreise, die ich in Kuba auf eigene Faust unternahm, führte mich zu einem kleinen Nachbarschaftsprojekt, namens Ventana al Valle (Fenster zum Tal), in Viñales.

Viñales ist ein kleiner, im Westen der Insel gelegener Ort, der von nicht mehr als 30.000 Personen bewohnt wird. Der Westen Kubas ist berühmt für seine atemberaubende Naturlandschaft: Die hügelige Region ist ein Flickenteppich aus fruchtbaren, rostroten, von Pflügen zerfurchten Feldern, die von strohbedeckten Trockenscheunen, den Tabakhäusern, umgeben sind“, so Lonely Planet. Ein Meer aus grünbewachsenen Bergen macht die Region zum Magneten für Wander_innen. Das Tal von Viñales ist gespickt mit mogotes (Kalksteinmonolithen) und wurde 1999 zur Unesco Weltnaturerbstätte erklärt. Die Anziehungskraft auf natur- und/oder tabakliebende Tourist_innen ist erstaunlich. Viñales stellt nach Havanna und Varadero den drittmeist besuchten Ort Kubas dar. Weiterlesen

Intergration im Grünen

Wir stehen an der Avenida Salvador Allende, einer lauten, stark befahrenen Hauptstraße mitten in Havanna. Die typischen, alten Ladas und überfüllten Busse rauschen vorbei, Kollektivtaxis laden Leute neben uns ein und aus, immer wieder drücken sich Menschen an uns vorbei, um ihrem Alltag nach zu gehen. Einige cuenta propistas (Selbstständige) in quietsch-bunten Oldtimern fahren Touristen mit roten Köpfen und dicken Kameras die Straße hoch zum Revolutionsplatz, damit sie ihre obligatorischen Urlaubsfotos mit dem Che Guevara Wandgemälde machen können.

Der typische Havanna-Trouble also. An dieser Straße befindet sich auch der Botanische Garten „Quinta de los Molinos“. Als wir ihn betreten, fühlt es sich an, als würden wir den ganzen Lärm der Straße meilenweit hinter uns lassen, obwohl dieser nur zehn Meter hinter uns liegt. Plötzlich ist es ruhig, man hört das Rauschen des Windes in den Bäumen, einige Vögel, die Luft fühlt sich sauber und klar an. Dank der Atmosphäre fühle ich mich sofort entspannt und ruhig in diesem Garten.

Freizeit für alle

Der Ort hat viele Phasen durchgemacht: lange hat er der Erholung und Freizeit der spanischen Obrigkeit zugestanden, dann war er wegen Restauration geschlossen, aber nun können ihn endlich alle Kubaner genießen. Die Grünanlage ist zwar nicht öffentlich, trotzdem ist er jedem zugänglich, im Rahmen von Führungen, Projekten, Workshops, Vorstellungen, etc. Seit 2011 finden hier auf den 4,8ha Gartenanlage zwischen verschiedenen tropischen Pflanzen Umwelt- und soziokulturelle Projekte statt.

Es werden hier insgesamt 18 unterschiedliche Workshops für verschiedene Zielgruppen angeboten. Den Kindern und Jugendlichen aus den umliegenden Schulen des Viertels soll vor allem Umweltbewusstsein näher gebracht werden. Dazu bekommen sie Führungen durch den Park, besuchen die verschiedenen Tiere des Gartens und das Schmetterlingshaus, welches errichtet wurde, um die Population der Insekten auf der Insel zu erhöhen. Für Rentner werden verschiedene Kurse angeboten, um ihren Alltag im Alter zu gestalten, zum Beispiel Tai Chi, Fotografie, Malerei oder Tanzkurse. Darüber hinaus gibt es verschiedene Events, Festivals und Expositionen während welchen die ganze Familie den botanischen Garten besuchen kann.

La Quinta por la Inclusión

Seit 2014 existiert das Projekt „La Quinta por la inclusión“, ein Projekt für Jugendliche mit körperlichen und mentalen Behinderungen. Das Ziel ist die Inklusion der Jugendlichen in die kubanische Gesellschaft. Sie sollen hier bestimmte Fertigkeiten erlernen, damit sie ihren Alltag besser alleine meistern können und Autonomie erreichen.

Die soziale Integration ist für die Jugendlichen deshalb so schwierig, weil ihre Eltern ihnen oft nicht genug zu trauen. Sie behüten sie zu stark aus Angst um sie, und schließen sie dadurch leider aus dem normalen Gesellschaftsleben aus. Denn sie erlernen die alltäglich benötigten Fähigkeiten nicht: zum Beispiel wie man mit Geld umgeht oder abwäscht. Hier werden sie nicht nur in Kursen aufs selbständige Alltagsleben vorbereitet, sondern auch dazwischen: Nach dem gemeinsamen Mittagsessen helfen die Jugendlichen beim Abwasch. Auch wenn ihnen ein Teller kaputt geht, soll ihnen klar gemacht werden, dass das normal ist, und sowas jedem mal passiert. Denn solche Ereignisse nehmen die Jugendliche stark mit, da sie nicht gelernt haben, ihre Gefühle zu kanalisieren.

Ihnen werden Gärtnerei, Pscioballet – Eine Mischung aus Physiotherapie und Ballett, Filmkurse, welche zum gemeinsamen Diskutieren anregen sollen und Kunst- und Theaterkurse angeboten. Im Videospielkurs soll ihnen der Umgang mit Computern beigebracht werden. Es gibt auch einige kombinierte Kurse, zum Beispiel helfen die Rentner den Jugendlichen gerne beim Basteln. Außerdem gibt es Zootherapie, hier sollen sie lernen wie man Verantwortung für jemand anderes übernimmt. Einmal in der Woche besucht sie eine Tierärztin mit verschiedenen Haustieren. In Fotografie lernen die Jugendlichen sich selbst besser wahrzunehmen und stolz auf ihre geschaffenen Werke zu sein. Durch diesen Kurs werden sie auch an die „normale“ Gesellschaft angebunden, denn sie nehmen regelmäßig an verschiedenen Fotowettbewerben teil. Darüberhinaus bietet das Projekt Beratung und Unterstützung für die Eltern an, damit sie lernen, wie man mit einem behinderten Kind umgeht, wie man es gleichzeitig schütz und unterstützt, ohne ihnen ihre Autonomie zu nehmen.

Viele der Jugendlichen verbringen den ganzen Tag im Projekt, bis ihre Eltern sie wieder abholen. Das verschafft ihnen eine  Alltagsstruktur und regelmäßige soziale Kontakte. Er ermöglicht ihnen Freiheit und Verantwortung, und hilft ihnen aus ihrer sozialen Impotenz raus. Mittlerweile sind sogar 8 der Teilnehmer als Gärtner im Quinta de los Molinos angestellt. Ihnen wird natürlich auch gezeigt, wie man dann mit ihrem eigenen Gehalt umgeht. Allgemein wird auf Kuba darauf geachtet, Menschen mit körperlichen und mentalen Behinderungen in allen staatlichen Betrieben zu intergrieren.

Alle sozialen Projekte im botanischen Garten werden durch die Einahmen der Museen von Havanna finanziert. Jetzt wo ich weiß, dass die „Oficina del Historiador“ (Amt der Historiker) seine Einahmen für gute Zwecke benutzt, ist es weniger schmerzhaft, dass mein Freund 8 CUC (ungefähr 7 Euro) für das Revolutionsmuseum zahlen musste, während es mich  dank meines  Residenzausweises nur knapp 30 Eurocent gekostet hat. Denn es kommt guten Projekten wie diesem zu gute.

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