Wer rappt, trägt Verantwortung

Hip Hop und seine transformative Kraft im Kampf gegen Rassismus

Mit der Annahme, dass ich mich in den nächsten Monaten mit Salsa und Reggaeton anfreunden müsste (obwohl ich dies tatsächlich mittlerweile tue), wurde ich bereits in meiner ersten Woche in La Habana eines besseren belehrt. Auf einen meiner Irrwege durch Centro Habana lief ich zufällig an der “Agencia de Rap” vorbei. Ich dachte mir “Wow, nice! Was ist das denn?” und stolperte vor den Wachmann um zu fragen. Der zeigte nur auf das Plakat vor der Tür worauf “Simposio de Hip Hop” stand. Da neben sah ich ein komplett 5-tägiges Festivalprogramm mit Workshops, Konzerten und Präsentationen rund um Hip Hop als Bildungsarbeit, Kunst, politische Bewegung etc. mit Künstler*innen und Aktivist*innen aus ganz Lateinamerika. Jackpot!!! Voller Begeisterung stürzte ich mich aufs erste Hip Hop Konzert in der damals noch mir unbekannten Madriguera. Heute, 7 Monate später, ist die Madriguera ein mir wohl bekannter Ort, wo regelmäßig Hip Hop und Kulturevents stattfinden, weil es ein öffentliches Jugendkulturzentrum ist. Heute weiß ich, dass die Agencia de Rap, Teil der staatlichen Kulturarbeit ist, die verantwortlich ist für die Förderung von Künstler*innen und Veranstaltungen der Hip Hop Szene, wie das Simposio de Hip Hop, was ich damals entdeckte. So, werden von der Agencia zum Beispiel auch regelmäßig “Peñas”(freie, offene Konzerte) auf öffentlichen Plätzen, Basketballfeldern u.ä. organisiert, wo das ganze Viertel am Start ist- die Muttis schauen aus dem Fenster, die Kids rennen zwischen dem Publikum und der “Bühne” umher, Touris laufen vorbei und bleiben stehen, die Bauarbeiter pausieren ihre Arbeit und wippen mit, die Alten stellen ihre Schaukelstühle raus…

Wie in aller Welt, ist Hip Hop auch hier eine Bewegung, eine gelebte Kultur, und ich hatte das Glück Freundschaften in der Szene schließen zu können, und einige Community Projekte kennenzulernen und auf zahlreichen selbstorganisierten (d.h. unabhängig von der Agencia de Rap)  Peñas dabei zu sein. Auch in Kuba ist Hip Hop ein Sprachrohr der Marginalisierten, vorallem der schwarzen Community. Neben Liebe und Leidenschaft, und leider oft auch Machismus und Materialismus, sind Leitthemen vorallem die alltäglichen Struggles und soziale Probleme, wie Diskriminierung und Rassismus. Es ist wie auch in anderen Teilen der Welt eine sehr Männer*- dominierte Szene, obwohl ich auch einige wirklich talentierte Rapper*innen gesehen habe u.a. La Fina, La Nena, La Reyna y La Real. Eines der Gemeindeprojekte ist “R.A.P.- Rima, Amor y Poesía”, ein Freund*innenkollektiv, die jeden ersten Samstag im Monat in einem “Problemviertel” Playas, in Romerío eine offene Bühne für Leute aus dem Kiez und andere lokale Künstler*innen anbieten. Sie selbst haben vor kurzem ihre erste Platte aufgenommen, die mensch auf den Peñas auch zu hören bekommt. Da Veröffentlichungen im Netz immer noch eine finanzielle und technische Hürde darstellen, und weniger zugänglich ist für die Kubaner*innen, werden die Songs generell über “USB Propaganda”, d.h. von Stick zu Stick weitergereicht, oder von Peña zu Peña präsentiert, sozusagen direkte Vermarktung. Die meisten Freund*innen, die ich kenne, die Musik machen, leben nicht davon, sondern es ist ihre Leidenschaft, es ist was sie treibt, was sie am Leben hält, und das wirklich ständig und überall (mit Lautsprechern auf der Straße wird an jeder Ecke, in jeder Gasse, an jeder Bushalte “Rhymes und Beats gespittet”).

In unserem Uni- Kurs “Sociología de Genero y Raza” (einem grandiosen Kurs, in dem wir uns u.a.mit schwarzen Feminismen, afrokubanischer Kultur, Ungleichheiten im Bildungssystem, Kubanität/ Konstruktion der kubanischen Nation auseinandergesetzt haben) hatten wir die große Ehre “Obsesión” – die Mitbegründer des kubanischen Conscious Rap kennenzulernen, die vor über 20 Jahren mit Hip Hop als Hobby und Überlebenswerkzeug während der Spezialperiode anfingen. Über die Jahre entwickelten sich Magia López und Alexey Rodríguez Mola zu Aktivist*innen und professionellen Künstler*innen, und Ikonen des kubanischen Hip Hops.

“In den frühen 90er Jahren gab es in Kuba noch kein Hip Hop. Kuba war ein Land der Salsa- Musik. Hip Hop war etwas aus den Staaten, und damit automatisch konterrevolutionär und verwerflich. Aber wir sahen in Hip Hop auch eine Möglichkeit für uns, ein Mittel des alternativen Kampfes und des Widerstandes in unseren eigenen Barrios (Kiezen).”, erzählt Magia. In ihren Songs spricht das Duo über Sexismus, Rassismus, Kolonialismus, Schwarzsein, Frau*sein, alles wird auf kreativer Art auf den Tisch gehauen. Singen und Rappen bedeutet eine Stimme zu haben, und damit Verantwortung zu tragen. Über ihre Musik wollen sie neuen Raum für Wissensproduktion und -transfer schaffen, kreative Zugänge zu Bewusstseinsbildung und vorallem auf innovative Art gegen die sexistischen Tendenzen der Szene protestieren. Hip Hop sei populäre Bildung, ohne Druck und Formalitäten werden Menschen sensibilisiert.  Sie sehen sich als Teil dessen, was sie rappen; und sie nehmen “Community” ernst. Über ihre Arbeit als Aktivist*innen und “Community- Builder” möchten sie das Konzept von Gemeinschaft transformieren, in einen inklusiven und partizipativen Raum. “Nicht nur das Barrio ist eine Community, sondern auch  Menschen, die ähnliche Realitäten, Probleme, Interessen und Bedürfnisse teilen, wie z.B. Kinder, ältere Menschen, Schwarze.” Über Konzerte, Workshops, Präsentationen, Debatten, Reden, Konferenzen, versuchen sie diesen verschiedenen Communities eine Plattform zu geben und mithilfe einiger fundamentaler Elemente des Hip Hops: Rap, Spoken Word/ Poesie und Djing- sich zu erleben und Wissen über sich selbst und die Gesellschaft zu gewinnen.

Sie geben auch Workshops in Schulen und Unis. Eine kleine Anekdote aus unserem Kurs:

Ich erinnere mich wie emotional es für eine schwarze Studentin im Kurs wurde, als wir Obsesión’s Musikvideo “Los Pelos” schauten und es um den Afro ging. In Kuba benutzt mensch umgangssprachlich sehr oft für Afrohaar den Begriff “Pelo Malo” (= schlechtes Haar), ein äußerst diffamierender Begriff, welcher widerspiegelt wie sehr Rassismus noch in den Köpfen der Menschen verankert ist (trotz Beseitigung institutioneller Rassismen[1]!). Eine Gesellschaft, in der die Mehrheit schwarz* bzw. nichtweiß* ist, die jedoch weiße* Menschen als ästhetische und intellektuelle Norm sieht, und alles, was dem nicht entspricht als minderwertig betrachtet oder missachtet, zeigt, dass hunderte Jahre Versklavung und Kolonialisierung von afrikanischen und anderen Völkern (z.B. auch chinesische Zwangsarbeiter*innen auf Kuba) auch nach fast 60 Jahren sozialistischer Revolution immer noch Spuren im Denken und Handeln der Menschen hinterlassen. Revolution ist ein Prozess, so auch das Revolutionieren von Denken und Handeln, wie das Aufdecken und Entlernen von rassistischer Sozialisierung und Kultur. Fragen wir uns, warum müssen sich so viele schwarze Frauen hier und in der Welt so schädliche Chemie auf ihre Haare schmieren um ihre schönen Locken zu glätten? Warum werden Menschen aufgefordert ihren Afro, oder ihre Dreads zusammenzumachen, abzuschneiden oder irgendwie zu verstecken? Warum werden Schwarze mehr auf der Straße kontrolliert, und müssen sich rechtfertigen, wenn sie mit Weißen rumlaufen, in eine Hotellobby oder in ein schickes Restaurant gehen? Warum ist es in einem mehrheitlich schwarzen Land so schwer Kosmetik und Beauty- Produkte für Schwarze, angefangen von einem Afrokamm, zu finden? Warum sind die meisten Puppen, Comic- und Werbefiguren, Fernsehstars, Held*innen, Revolutionäre* und jegliche menschliche Repräsentationen weiß? Warum ist die Mehrheit in den meisten meiner Uni Kurse weiß, obwohl ich auf der Straße mehr Schwarze sehe? Warum sind das Service- Personal, die Bauarbeiter, Putzkräfte etc. meistens schwarz? Schauen wir uns um, fragen wir uns und dann lasst uns entlernen!

Desweiteren organisieren Obsesión Treffen mit alten Menschen, in denen sie mit Spezialist*Innen z.B. häusliche Gewalt gegenüber Alte thematisieren.

2016 haben sie den “Club de Espendrú (kubanische Bezeichnung für Afro)” zum Erfahrungsaustausch für schwarze Intellektuelle, Künstler*innen und Aktivist*innen gegründet. Auch das Simposio de Hip Hop wurde ursprünglich von ihnen als Plattform zum Austausch von Künstler*innen und Aktivist*innen aus sozio- kulturellen Projekten initiiert. Heute wie damals sei es ein Raum für populäre Bildung, zivile Orientierung (d.h. ziviles Verhalten z.B. Rechte auf der Straße, auch mit Afro und Dreadlocks (!)) und korporale Ausdrucksformen.

Und auch Obsesión haben in ihrem Barrio in La Regla auf einem Parkplatz in der Mitte des Kiezes jeden 3. Sonntag im Monat eine Peña, die immer wieder für Überraschungen sorgt, von jung bis alt, Amateure und Profis, Familien, Freund*innen, eine Vielfalt an Leuten zusammenbringt.

 

In all ihren Aktivitäten versuchen sie die Community, mit Künstler*innen, Aktivist*innen und Akademiker*innen zusammenzubringen, denn wir alle seien verantwortlich für neue Räume der Bewusstseinsschaffung!

Am 29.03.2018 organisieren sie einen alternativen Austausch zum Thema “El Negro en Cuba”, in dem ein Verständnis für die Position von Schwarzen in der Gesellschaft geschaffen werden soll, in dem über Erfahrungswissen Schwarze und NichtSchwarze zu Schwarzsein und der Kolonialgeschichte Kubas sensibilisiert werden sollen. Es soll ein dekolonisierender Raum sein, d.h. die Wurzeln der Geschichte von Rassismus soll auf den Grund gegangen werden und koloniale Strukturen aufgedeckt werden.

Als ich Magia um ihre Meinung zur verbreiteten Phrase “In Kuba gibt’s kein Rassismus mehr, wir sind alle Kubaner*innen.” bat, antwortete sie mir bemerkenswert mit kubanischer Einheitsstärke:

“Wir sind alle Kubaner*innen!” ist unsere politische Pflicht und Aufgabe, die wir brauchen um uns zu vereinen, um einen gemeinsamen Kampf für die Revolution zu führen, um die Revolution und ein unabhängiges Kuba zu verteidigen. Es ist essentiell und notwendig für die nationale Einheit. Wir können das sagen, ohne dabei zu ignorieren, dass es rassistische, patriarchale, … Probleme gibt. Wir sollten anfangen als Ausgangspunkt unserer Arbeit die Armut und Ungleichheit der Menschen zu nehmen, und nicht dessen Identität.”

 Zum Schluss, für die spanisch- sprechenden Menschen unter euch eine weitere wertvolle Perspektive zum Thema

“En Cuba nadie es racista”
von Alexis Díaz- Pimienta

En Cuba nadie es racista
hasta que te traen a casa
a un yerno que peina “pasa”
(más oscuro a simple vista).
Cuando esto pasa la pista
familiar echa candela.
La madre white se desvela.
El padre white rabia, grita.
“Y yo no sé hacer trencitas”,
dice bajito la abuela.

En Cuba nadie es racista
hasta que, lleno de antojos,
a la niña de tus ojos
un negrito la conquista.
¿Fue en la fiesta cederista?,
pregunta el padre enojado.
¡Seguro que te ha embrujado!,
dice la madre asustada.
¿No estarás embarazada?
(el hermano y el cuñado).

En Cuba nadie es racista
–quien lo diga se equivoca–
hasta el día que te toca
un Jefe “percusionista”.
Jode, hay que ser realista,
que un negro tenga poder.
Y si es negro y es mujer
entonces mucho peor
porque ante el primer error
“¡negra tenía que ser!”

Lo del racismo cubano
es racismo extraoficial,
“anticonstitucional”,
pero que siempre está a mano.
A nadie en su juicio sano
se le ocurre, o se despista,
confesar ser un racista.
Pero a nivel psicológico
hay algo que vuelve “lógico”
lo étnico-exclusivista.

Siempre está el blanco gracioso
que si ve un negro en la esquina
habla de robo y gallina
creyéndose muy chistoso.
Y es mucho más peligroso
el que bromea y se alegra
al decir que más se integra,
o que es mejor ir –¡de tranca!–
al funeral de una blanca
que a los quince de una negra.

Lo del pelo malo ajeno,
lo de adelantar la raza,
son la típica amenaza
que abona más el terreno.
“Ay, qué negrito tan bueno”.
“Parece blanco. Es decente”.
“Negro, pero buena gente”.
Todas esas frases hechas
no son frases, sino flechas
directas al subconsciente.

Y si un policía ve
en las turísticas zonas
a un grupo de diez personas
le pide al negro el carné.
Siempre es así. Yo lo sé.
Lo he vivido en la piel mía.
Lo raro es que el policía
casi siempre es negro igual.
¿Es lo psíquico-racial?
¿Será psico-antipatía?

O el que mira a una mujer
negra que exhibe un cuerpazo
y dice: “¡vaya fracaso!,
¡qué blanca se echó a perder!”
Mucho tiene que joder
aceptar la afro-belleza,
o la negra fortaleza
a no ser que llegue el día
en que la eros-energía
desconecta la cabeza.

En Cuba nadie es racista
hasta que un negro, qué mal,
se las da de intelectual
en vez de ser deportista.
Que si cultura negrista,
que si primer expediente.
Y como es inteligente
un día la suelta al suegro:
“Asere, yo no soy negro,
yo soy afro-descendiente”.

En Cuba nadie es racista
hasta que –bastante triste–
el racismo se hace chiste
y el racista es ¡qué bromista!
Manjar para el humorista
es el tópico racial.
Y nada pasa, al final
la risa es terreno franco,
el blanco tiene humor blanco
y el negro se ríe igual.

Eso sí. No todos son
racistas, faltaba más.
Hay jabao y salta-atrás
Y mulato y cuarterón…
Al que le sirva el sayón
que se lo ponga.
Es castigo lírico. Yo solo digo.
como decía Martí
“raza hay una sola” y
todos tenemos ombligo.

También algunos dirán,
que al menos en Cuba entera
ni se conoce ni impera
la sombra del Ku Kux Klan.
Que los racistas están
en desventaja gregaria.
Encomienda necesaria
para la Cuba futura:
incluir la asignatura
“Raza Martiana” en primaria.

 

Video Obsesión “Los Pelos”

Video Obsesión “Esta es mi mama!”

 

* schwarz, nichtweiß, weiß werden hier als Konstrukte benutzt, die gesellschaftliche Machtpositionen und -strukturen ausdrücken, und nicht auf die Hautfarbe begrenzt sind.

[1]          Unter institutionellem Rassismus lassen sich rassistische Praxen verstehen, die aus Institutionen hervorgehen. Institutioneller Rassismus bewirkt benachteiligende Handlungspraxen gegenüber Minderheitenangehörigen. Ihre Ausgrenzung, Benachteiligung oder Herabsetzung ereignet sich in gesellschaftlich relevanten Einrichtungen wie beispielsweise bei der politischen Beteiligung (Verweigerung des Wahlrechts), auf dem Wohnungsmarkt, im Bildungssystem, auf dem Arbeitsmarkt, im Gesundheitssystem etc. (ref. Migrationsrat Berlin Brandenburg e.V. 2011).

 

Advertisements

Der 1.Mai in Havanna – Ein besonderer Tag, ein besonderer 1.Mai

Einen ersten Mai in Havanna zu erleben ist wohl für jeden ein beeindruckendes Erlebnis. Auch wir vom Proyecto Tamara Bunke freuten uns schon Tage vorher auf das Ereignis.
In der Vorbereitung wurden wir mehrfach darauf hingewiesen, dass es nicht einfach sei, sich vor dem Beginn der Demo normal in der Stadt zu bewegen, da es schon Stunden zuvor sehr voll sein würde. Am 30. April versammelten wir uns darum schon mit ein paar Proyecto-TeilnehmerInnen in unserer Wohnung nahe am „Platz der Revolution“ um es am Frühen morgen dann nicht so weit zu den jeweiligen Start-Punkten zu haben.
Und tatsächlich konnten wir aus dem Fenster beobachten, wie schon um 2 Uhr nachts pausenlos Busse die „Avenida de la Independecia“ heruntergefahren kamen, die DemonstrantInnen des kommenden Tages auf Höhe unseres Gebäudes ausstiegen und fröhlich feiernd und mit Tröten hupend richtung Platz der Revolution davonzogen um sich gemeinsam ihren Berufsgruppen oder politischen Organisationen nach auf der „Avenida de Paseo“ aufzustellen, einer breiten Allee, die vom Stadtteil Vedado aus schnurgrade auf den Platz der Revolution und das riesige „José-Martí-Denkmal“ zuführt, wo die erste Maidemo ihren Höhepunkt erreichen sollte.

Weiterlesen

Playa Florida – Ein sonderbarer Besuch in einem kleinen Küstendorf – Eindrücke 6 Monate nach Hurricane Irma

Am 9. September 2017 preschte einer der stärksten Hurrikane seit Wetteraufzeichnungen durch die Karibik. Vor allem Haiti, Puerto Rico und Cuba waren betroffen. Der Tropensturm überrannte die kleinen Inselnationen in Ausmaßen, die vorher zwar abzusehen, jedoch nicht zu verhindern waren.

Was tut man, wenn die eigenen vier Wände plötzlich davon zu fliegen drohen?

Sicherheitsvorkehrungen – lose Teile sichern, Dächer, Zäune, Boote, und alles was geht, festbinden. Elektrogeräte möglichst weit entfernt vom Boden lagern. Denn der Sturm bringt nicht nur Windböen von bis zu 285km/h, sondern lässt auch das Meer so aufbrausen, dass meterhohe Wellen die Straßen ertränken. Das heißt, wichtige Dokumente sichern, Familienfotos, Bücher etc. einpacken. …was ist eigentlich das Wichtige, wenn die komplette Existenz in Gefahr ist? Fragen, die mich vor allem während und nach meinem Besuch in Playa Florida beschäftigt haben. Weiterlesen

EXPO Cuba – Zwischen Fortschritt, Stagnation und Aufbruch

Zum Ende unseres Geschichtskurses an der CUJAE, der Technischen Universität Havannas, nahm uns unsere Dozentin Katarina Reyes auf einen Ausflug zum Schaufenster der wissenschaftlich-technischen Entwicklung des Inselstaates mit. „ExpoCuba – Donde Ayudamos a Descubrir Cuba“ – Wo wir helfen, Kuba zusammen zu bringen – lautet das ambitionierte Motto der permanenten Ausstellung entwicklungspolitischer Errungenschaften und der Herberge internationaler Messen wie der „Feria Internacional“, die jährlich über 70 Staaten einen Rahmen bietet sich zu ihren ökonomischen Aktivitäten auszutauschen sowie Geschäfte und Innovationen in die Wege zu leiten.

Weiterlesen

Aus dem Schnee in die Sonne

Hallo, wir sind Mateo und Jurek. Zu zweit stellen wir die neue Gruppe dar, die im nächsten halben Jahr in die faszinierende Welt Kubas eintauchen wird, um am Ende viele neue Erfahrungen und Erkenntnisse mit nach Hause nehmen zu können. Auf der Suche nach Antworten wissen wir schon nach zwei Wochen, dass wir Kuba wohl mit mehr neuen Fragen verlassen werden, als wir eingereist sind. Trotzdem hoffen wir in unserer Zeit hier der Essenz einer solidarischen Gesellschaft ein bisschen näher zu kommen.

Mit diesen Hoffnungen und Erwartungen sind wir vor zwei Wochen dann mit einiger Verspätung aus dem kalten verschneiten Deutschland im warmen abendlichen Havanna gelandet.
Gleich als wir aus dem Flieger stiegen und mit dem Taxi durch die leeren, dunklen Straßen dieser uns völlig fremden Stadt fuhren, fühlten wir uns in eine andere Welt versetzt.

Weiterlesen

Intergration im Grünen

Wir stehen an der Avenida Salvador Allende, einer lauten, stark befahrenen Hauptstraße mitten in Havanna. Die typischen, alten Ladas und überfüllten Busse rauschen vorbei, Kollektivtaxis laden Leute neben uns ein und aus, immer wieder drücken sich Menschen an uns vorbei, um ihrem Alltag nach zu gehen. Einige cuenta propistas (Selbstständige) in quietsch-bunten Oldtimern fahren Touristen mit roten Köpfen und dicken Kameras die Straße hoch zum Revolutionsplatz, damit sie ihre obligatorischen Urlaubsfotos mit dem Che Guevara Wandgemälde machen können.

Der typische Havanna-Trouble also. An dieser Straße befindet sich auch der Botanische Garten „Quinta de los Molinos“. Als wir ihn betreten, fühlt es sich an, als würden wir den ganzen Lärm der Straße meilenweit hinter uns lassen, obwohl dieser nur zehn Meter hinter uns liegt. Plötzlich ist es ruhig, man hört das Rauschen des Windes in den Bäumen, einige Vögel, die Luft fühlt sich sauber und klar an. Dank der Atmosphäre fühle ich mich sofort entspannt und ruhig in diesem Garten.

Freizeit für alle

Der Ort hat viele Phasen durchgemacht: lange hat er der Erholung und Freizeit der spanischen Obrigkeit zugestanden, dann war er wegen Restauration geschlossen, aber nun können ihn endlich alle Kubaner genießen. Die Grünanlage ist zwar nicht öffentlich, trotzdem ist er jedem zugänglich, im Rahmen von Führungen, Projekten, Workshops, Vorstellungen, etc. Seit 2011 finden hier auf den 4,8ha Gartenanlage zwischen verschiedenen tropischen Pflanzen Umwelt- und soziokulturelle Projekte statt.

Es werden hier insgesamt 18 unterschiedliche Workshops für verschiedene Zielgruppen angeboten. Den Kindern und Jugendlichen aus den umliegenden Schulen des Viertels soll vor allem Umweltbewusstsein näher gebracht werden. Dazu bekommen sie Führungen durch den Park, besuchen die verschiedenen Tiere des Gartens und das Schmetterlingshaus, welches errichtet wurde, um die Population der Insekten auf der Insel zu erhöhen. Für Rentner werden verschiedene Kurse angeboten, um ihren Alltag im Alter zu gestalten, zum Beispiel Tai Chi, Fotografie, Malerei oder Tanzkurse. Darüber hinaus gibt es verschiedene Events, Festivals und Expositionen während welchen die ganze Familie den botanischen Garten besuchen kann.

La Quinta por la Inclusión

Seit 2014 existiert das Projekt „La Quinta por la inclusión“, ein Projekt für Jugendliche mit körperlichen und mentalen Behinderungen. Das Ziel ist die Inklusion der Jugendlichen in die kubanische Gesellschaft. Sie sollen hier bestimmte Fertigkeiten erlernen, damit sie ihren Alltag besser alleine meistern können und Autonomie erreichen.

Die soziale Integration ist für die Jugendlichen deshalb so schwierig, weil ihre Eltern ihnen oft nicht genug zu trauen. Sie behüten sie zu stark aus Angst um sie, und schließen sie dadurch leider aus dem normalen Gesellschaftsleben aus. Denn sie erlernen die alltäglich benötigten Fähigkeiten nicht: zum Beispiel wie man mit Geld umgeht oder abwäscht. Hier werden sie nicht nur in Kursen aufs selbständige Alltagsleben vorbereitet, sondern auch dazwischen: Nach dem gemeinsamen Mittagsessen helfen die Jugendlichen beim Abwasch. Auch wenn ihnen ein Teller kaputt geht, soll ihnen klar gemacht werden, dass das normal ist, und sowas jedem mal passiert. Denn solche Ereignisse nehmen die Jugendliche stark mit, da sie nicht gelernt haben, ihre Gefühle zu kanalisieren.

Ihnen werden Gärtnerei, Pscioballet – Eine Mischung aus Physiotherapie und Ballett, Filmkurse, welche zum gemeinsamen Diskutieren anregen sollen und Kunst- und Theaterkurse angeboten. Im Videospielkurs soll ihnen der Umgang mit Computern beigebracht werden. Es gibt auch einige kombinierte Kurse, zum Beispiel helfen die Rentner den Jugendlichen gerne beim Basteln. Außerdem gibt es Zootherapie, hier sollen sie lernen wie man Verantwortung für jemand anderes übernimmt. Einmal in der Woche besucht sie eine Tierärztin mit verschiedenen Haustieren. In Fotografie lernen die Jugendlichen sich selbst besser wahrzunehmen und stolz auf ihre geschaffenen Werke zu sein. Durch diesen Kurs werden sie auch an die „normale“ Gesellschaft angebunden, denn sie nehmen regelmäßig an verschiedenen Fotowettbewerben teil. Darüberhinaus bietet das Projekt Beratung und Unterstützung für die Eltern an, damit sie lernen, wie man mit einem behinderten Kind umgeht, wie man es gleichzeitig schütz und unterstützt, ohne ihnen ihre Autonomie zu nehmen.

Viele der Jugendlichen verbringen den ganzen Tag im Projekt, bis ihre Eltern sie wieder abholen. Das verschafft ihnen eine  Alltagsstruktur und regelmäßige soziale Kontakte. Er ermöglicht ihnen Freiheit und Verantwortung, und hilft ihnen aus ihrer sozialen Impotenz raus. Mittlerweile sind sogar 8 der Teilnehmer als Gärtner im Quinta de los Molinos angestellt. Ihnen wird natürlich auch gezeigt, wie man dann mit ihrem eigenen Gehalt umgeht. Allgemein wird auf Kuba darauf geachtet, Menschen mit körperlichen und mentalen Behinderungen in allen staatlichen Betrieben zu intergrieren.

Alle sozialen Projekte im botanischen Garten werden durch die Einahmen der Museen von Havanna finanziert. Jetzt wo ich weiß, dass die „Oficina del Historiador“ (Amt der Historiker) seine Einahmen für gute Zwecke benutzt, ist es weniger schmerzhaft, dass mein Freund 8 CUC (ungefähr 7 Euro) für das Revolutionsmuseum zahlen musste, während es mich  dank meines  Residenzausweises nur knapp 30 Eurocent gekostet hat. Denn es kommt guten Projekten wie diesem zu gute.

Hier geht es zu weitern Artikel von Julia