„Für die Patienten ist es schwierig, die Maßnahmen zu verstehen“

Seitdem Ausbruch des Corona Virus hat sich das gesellschaftliche Leben in vielen Punkten geändert. Für viele stellen die Isolierungsmaßnahmen eine Herausforderung dar und kann zu zunehmender psychischer Belastung führen. Wie gestaltet sich der Umgang in Kuba? Wie sieht es für die Menschen aus, die von psychischen Einschränkungen betroffen sind? Welche Herausforderungen gibt es?

Ärzte bei der Teambesprechung

Ein Interview mit Dr. Laura Fernández de Cossío, Fachärztin für Psychiatrie und Leiterin des Dienstes der Abteilung für Psychogeriatrie am Psychiatrischen Krankenhaus von Havanna Miguel Cabaña über die aktuellen Umstände und Entwicklungen im Sektor der Psychiatrie in Zeiten von Covid – 19.

 

PTB: Wie ist die Behandlung Ihrer Patienten derzeit? Wie kann man sich aktuell Hilfe suchen, wenn diese notwendig wird?

Dr. Fernándes de Cossío: Seit April wurden Hygiene- und Isolierungsmaßnahmen durchgeführt, um die Ausbreitung von Covid-19 in unserem Zentrum zu verhindern.

Für die Patienten, die in unsere Langzeit- und psychogeriatrischen Dienste eingewiesen werden, ist es schwierig, die Maßnahmen zu verstehen. Sie dürfen keine Besuche mehr von ihren Familien erhalten und nicht mehr zu therapeutischen Besuchen nach Hause gehen. Sie halten sich oft nicht an die Grundregeln der Isolation und Hygiene, da ihr Funktionsniveau aufgrund ihrer psychischen Erkrankung (z.B. weisen diese psychotische Symptome auf) eingeschränkt ist und sie das befolgen dieser Maßnahmen oft nicht zulässt.

Viele Dienste der primären Gesundheitsversorgung (Ambulanzen, Rehabilitationsgruppen, Tageskliniken usw.) sind vorübergehend eingestellt. Menschen, die Hilfe aus unserem Fachgebiet benötigen, können jedoch in das Krankenhaus kommen und sich von den Ärzten behandeln lassen.

 

PTB: Wie steht es um die Betreuung des Umfeldes Ihrer Patienten? Und wie ist es nach der Entlassung? Ist jemand alleine zu Hause?

Dr. Fernándes de Cossío: Die Betreuung des Umfeldes und die persönliche Betreuung jedes Patienten, der in unser Zentrum aufgenommen wird, erfolgt durch das Pflegepersonal unseres Krankenhauses, das seine Arbeit weiterhin nach den neuen Standards für Covid-19 ausführt. Auf den Stationen der Patienten mit akuten Symptomen, die nach der Krise nach Hause zurückkehren, gibt es einen Transportdienst, der sie mit der Sorgfalt und Verantwortung ihrer Familien nach Hause bringt.

 

PTB: Welche Hygienemaßnahmen gibt es in der Psychiatrie? Menschen, die zunehmend gegen die Corona Regelungen verstoßen, werden in Deutschland in die Psychiatrie eingewiesen. Wie ist die Situation in Kuba?

Dr. Fernándes de Cossío: Seit April sind in drei klinisch-chirurgischen Krankenhäusern in der Provinz Havanna nur noch Einweisungen durch unser Fachgebiet erlaubt. Wir verfügen über einen Beobachtungsraum innerhalb des Sicherheitsbereiches für Fälle, die eine dringende Aufnahme erfordern, mit ständiger Begleitung ihrer Familien und einem Aufenthalt von maximal 72 Stunden, um sie zu beurteilen und zu behandeln, bevor sie in ihre Häuser oder andere Pflegedienste in ihrem Gesundheitsbereich zurückkehren. Darüber hinaus stehen zwei Zimmer für Patienten zur Verfügung, die mit Atemwegssymptomen dauerhaft in das Krankenhaus eingewiesen werden, wo sie während ihres Aufenthalts von minimal 15 Tagen alle notwendige Pflege erhalten und alle relevanten Tests durchgeführt werden.

Personen, die gegen die Sicherheits- und Schutzvorschriften des Corona Virus verstoßen, werden den Behörden vorgeführt und gegebenenfalls von dem diensthabenden Psychiater im zuständigen Krankenhaus beurteilt und mit den medizinischen Anweisungen zur Polizeistation zurückgebracht.

 

PTB: Was denken Sie über die Entwicklung der häuslichen Gewalt und der Suizidgefahr in dieser Zeit?

Dr. Fernándes de Cossío: Opfer von häuslicher Gewalt gehen zu den Strafverfolgungsbehörden, um dies zu melden, oder zum Sicherheitskörper der Chirurgie, um die Verletzungen zu bestätigen. Sie wenden sich nur selten an unser Fachgebiet, um Hilfe zu erhalten, daher haben wir diese Informationen nicht.

Der größte Teil der Bevölkerung ist gezwungen, Isolationsmaßnahmen in ihren Häusern zu befolgen. Einige leben in einem familiären Umfeld, das oft feindselig ist, dem Besuch der Menschen, die sie unterstützen, und der sozialen Interaktion, an die sie gewöhnt sind, vorenthalten wird. Sie leben unter erbärmlichen Bedingungen, oft ohne die Möglichkeit, zu arbeiten und ein ausreichendes Einkommen zu verdienen, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Aufgrund dieser Situationen haben wir eine Zunahme von Angst- und Depressionssymptomen in unserer Bevölkerung festgestellt; und damit auch eine Zunahme der Suizidgefahr.

 

PTB: Wie bewerten Sie die gesellschaftliche Bewältigung der Pandemie?

Dr. Fernándes de Cossío: Gegenwärtig macht sich die Bevölkerung mehr Sorgen um die Versorgung mit Lebensmitteln und grundlegenden Hygieneprodukten als um die Einhaltung der Gesundheitsstandards für Covid-19.

Wir sehen viele Menschenmassen, Kinder, schwangere Frauen und ältere Menschen auf den Straßen, sogar am Abend, wenn alles geschlossen ist. Und in ihren Häusern gibt es viele Menschen, die Besuch empfangen und nicht die Hygiene- und Isolierungsmaßnahmen einhalten, die vom Gesundheitssystem durchgeführt werden.

In anderen Fällen erleben wir, dass einige Menschen in Panik geraten und Substanzen wie Reinigungsmittel und Chlor missbrauchen, was zu Atemnot, Allergien und anderen sichtbaren Schäden am Körper führt.

 

PTB: Was sind weitere Herausforderungen?

Dr. Fernándes de Cossío: Am kompliziertesten ist derzeit die Behandlung von Patienten mit dem Mangel an Medikamenten, der in unserem Land besteht. Dazu kommt die fehlende Unterstützung von Tageskliniken zur Betreuung von Menschen mit Symptomen von Depression und Angstzuständen.

 

Anmerkung der Autorin: Kuba ist seit 1960 einem Embargo ausgesetzt. Es kann nur begrenzt importiert werden, da ausländische Unternehmen von der USA für den Handel mit Kuba sanktioniert werden. Auch der Import von Medikamenten und Substanzen für ihre Produktion ist davon betroffen. Der Staat muss daher ständig Strategien entwickeln um die Bedürfnisse der Bevölkerung zu befriedigen. In der aktuellen Entwicklung der Corona Pandemie wird diese einseitig von der Regierung der USA weiterhin verschärft.

Dieser Artikel ist von Raven

Hier findest du ein Interview zur Rolle der Jugendorganisation UJC in den Zeiten von Covid-19

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