Insel der Jugend

Mitte Mai haben wir mit der Projektgruppe eine Reise zur Isla de la Juventud unternommen und uns dort unter anderem mit Studierenden der Universität ausgetauscht, ein altes Gefängnis besichtigt und viel über Land und Leute dort gewohnt. Dort war vieles anders in Havanna und das nicht nur weil die Stadt kleiner ist.

Von Piraten und Studenten

Die 2204 m² große „Isla de la Juventud“ wurde 1494 von Christopher Columbus während seiner zweiten Expedition in die „neue Welt“ entdeckt. Im 16. und 17. Jahrhundert wurde die Insel hauptsächlich von Piraten als Lager und Versteck genutzt, bevor sie zu Beginn des 20ten Jahrhunderts erstmals kubanisches Staatsgebiet wurde. Zu Kuba gehört die sechst größte Insel der Karibik, und Kubas größte Nebeninsel, auch noch heute. In den politisch Turbulenten Zeiten des Neokolonialismus ab Beginn des 20ten Jahrhunderts wurde die Insel als Gefängnisinsel genutzt, und auch lange so genannt. 1928 wurde mit dem Bau des Modellgefängnisses (Presidio Modelo) nach amerikanischem Vorbild begonnen, was Platz für mehrere tausend Gefangene bot.

Während des zweiten Weltkrieges diente das Gefängnis als US- amerikanisches Konzentrationslager für einige hundert Gefangene aus Italien, Japan, Deutschland und anderen Ländern. Unter der Batista- Diktatur ab 1953 waren teilweise mehrere tausend Häftlinge auf der „Isla“, wie die Insel auf Kuba auch genannt wird, untergebracht; Unter anderem auch Fidel Castro und seine Genossen, die nach dem Angriff auf die Moncarda Kaserne am 26.07.1953 gefangen genommen und im Presidio Modelo untergebracht wurden. 1969 wurde das Gefängnis im Zuge des Neuaufbaus der Isla geschlossen. Nach dem Sieg der Revolution 1959 begann der Neuaufbau der Insel. Zur Stärkung der Landwirtschaft, vor allem der fruchtbaren Böden im Norden, kamen viele tausend Jugendliche und Studierende auf die Insel die in den neu gebauten Universitäten und Bildungseinrichtungen lernten und arbeiteten. Um daran zu erinnern wurde die Isla 1976 in „Isla de la Juventud“, Insel der Jugend, umbenannt. Noch heute gibt es hier eine große Universität, wenn auch der Austausch mit ausländischen Studierenden nicht mehr ganz so aktiv betrieben wird wie in den 70er Jahren. Die Landwirtschaft ist immer noch ein wichtiger Wirtschaftszweig, genauso wie der Tourismus. Die Lage der Isla, welche im Golf von Batabanó auf der karibischen Seite Kubas liegt und damit zum Archipiélago de los Canarreos, dem zweit größten Korallenriff der Welt gehört, macht sie bei Tauchern sehr beliebt. Dadurch bleibt der Tourismus auf wenige Ressorts beschränkt und prägt die Insel lange nicht so sehr wie Havanna. Und auch sonst ist Kubas einziges Sonderverwaltungsgebiet, was zur Provinz Pinar del Rio gehört, anders.

Ein Platz zum Verweilen

Heutzutage leben ca. 86.000 Menschen auf der Isla, welche damit wesentlich dünner besiedelt ist als der Rest von Kuba insbesondere Havanna. Hauptstadt ist Nueva Gerona, wo sich auch die Universität befindet. Nueva Gerona und Havanna, Gegensätze in einem Land. Havanna ist eng, warm, laut, hektisch. Ganz anders ist es in Nueva Gerona. Haupteinkaufsmeile ist der Boulevard, der ganz ähnlich ist wie eine deutsche Fußgängerzone. Der breite Boulevard ist neu renoviert und wird von Bänken gesäumt, in der Mitte stehen Palmen und Kunstwerke, sowie das Wahrzeichen der Stadt, wo die Geschichte der Insel und wichtige Personen verewigt sind. An der belebten aber nicht überfüllten Straße stehen niedrige Häuser, die ebenfalls renoviert sind, und in denen sich unterschiedliche Geschäfte befinden. Alles ist luftig gebaut, der Meerwind, der ungehindert durch die Straßen und Häuser zieht, sorgt für angenehme Temperaturen. Hier kann man gemütlich, ohne Hektik schlendern und verweilen. Platzmangel scheint es nicht zu geben. Der Boulevard von Havanna, die Calle Obispo welche zwischen Havanna Vieja und Havanna Centro liegt ist dagegen zu fast jeder Tageszeit mit Touristen vollgestopft. Die schmale Gasse wird gesäumt von Hochhäusern die mit teuren Designerläden, Souvenirshops und teuren Supermärkten zugestopft sind. Gemütliches verweilen ist hier nicht möglich. Wohnungsmangel prägt in Havanna die Weiterentwicklung das Stadtbildes, besonders in Havanna Centro, wo ich wohne, sind durch die Aufbauten auf den alten Häusern enge Häuserschluchten entstanden durch die kaum ein Wind weht und auch wenn der kubanische Staat viel Kraft darauf verwendet die Häuser zu renovieren, gibt es dort selbst in den guten Stadtvierteln viele zerfallene Häuser. Natürlich sind die Häuser in Havanna auch größtenteils älter und damit anfälliger.

Transportmittel und Wege

Der Transport in der kleinen Hauptstadt funktioniert hauptsächlich zu Fuß und mit eigenem Fahrrad oder Fahrradtaxis. Außerhalb der Stadt gibt es öffentliche Busse, die allerdings nicht ganz so regelmäßig verkehren wie in Havanna. Hier hilft dafür die Solidariät der Kubaner, wer ein Auto oder sonst ein Transportmittel hat, nimmt die Menschen die am Straßenrand stehen mit und zwar ohne dass dafür ein Preis ausgehandelt werden muss, wie das in Havanna immer der Fall ist. Erreichen kann man die Insel entweder mit dem Flugzeug oder mit der Personenfähre. Flugzeuge fliegen alle zwei Tage von Havanna aus. Die Personenfähre fährt täglich nach Batabanó von wo aus es einen Bus nach Havanna gibt. Beide Wege sind eher aufwändig und für Touristen teuer, weshalb die Insel von Ausländern eher selten besucht wird. Dadurch hat sie eine gewisse Ursprünglichkeit behalten.

Ein anderes Kuba?

Havanna wird jährlich von Millionen Touristen besucht, die Isla nur von einigen wenigen. Dadurch hat Nueva Gerona zwar weniger Einnahmen durch den Tourismus und auch weniger Menschen die durch die Tourismus schnell zu Geld gekommen sind, aber gerade deshalb scheinen dort viele Dinge besser zu funktionieren als in Havanna. In Havanna gibt es viele Einrichtungen, wie z.B. Restaurants oder Supermärkte die hauptsächlich für Touristen gedacht sind und die Preise für viele Kubaner zu hoch sind. Viele staatlich Läden in denen in Moneda national  bezahlt wird sind schlecht ausgestattet und die Devisensupermärkte, in denen importierte Produkte in Devisen verkauft werden, in touristischen Straßen sind teurer. Anders auf der Isla. Private Restaurants gibt es wenige, dafür einige staatliche in denen die Kubaner zu günstigen Preisen gutes Essen genießen können, das hier teilweise sogar viel besser ist als in den teuren Restaurants in Havanna. So haben wir zum Beispiel in einem Staatlichen Restaurant für 3 Pesos (ca. 15 Cent) ein Stück Fisch mit Reis gegessen und in dem staatlichen Hotel gab es Brot mit Omelett für 2 Pesos zum Frühstück. Die Staatlichen Läden sind gut ausgestattet und günstig. So gibt es auf der Isla Dinge in den Staatlichen Läden zu kaufen die in Havanna nur in den teuren Devisensupermärkten zu bekommen sind. Seien es nun Softdrinks, Süßigkeiten oder Unterwäsche. Die Devisenläden stellen nur eine Ergänzung da, die Verteilung der Lebensmittel und die Versorgung der Bevölkerung scheint hier besser zu funktionieren. Das führt auch dazu ,dass es so etwas wie Wiederverkäufer, also Menschen die Dinge, wie z.B. Internetkarten, Eier oder Kleidung, günstig Einkaufen und illegal, teurer weiterverkaufen, auf der Isla kaum gibt.  Das Problem der illegalen Wiederverkäufer wird zwar vom Staat bekämpft, aber da viele Dinge in Havanna schwerer zu bekommen sind, und es zudem ein zum Teil zahlungskräftiges Publikum gibt, ist der Kampf kaum zu gewinnen. Und auch ein anderes Problem von Havanna, nämlich Menschen die Touristen anwerben oder betrügen wollen, sogenannte Jiniteros, sind hier nicht so präsent wie in Havanna. Havanna ist laut, voll, eng, hektisch. Die Isla ruhig, entspannt, luftig und damit ein krasser Gegensatz. Klar, hier leben weniger Menschen, es gibt mehr Platz für jeden, weniger Touristen und weniger Autos. Aber nicht das macht die Isla zu etwas ganz besonderem, sondern etwas das man nur schwer beschreiben kann. Die Stimmung, das Gefühl was ich hier während unserer 5- tägigen Projektreise erlebt habe ist einfach anders. Die viel beschriebene Solidarität kann man hier wirklich spüren. Die Menschen sind super Hilfsbereit und auch mir, als Ausländerin, wird ohne Hintergedanke, oder die Hoffnung auf ein Trinkgeld, weitergeholfen. Viele sind interessiert und wollen wissen wo wir herkommen, aber nicht aufdringlich. Sie freuen sich, dass Menschen aus anderen Ländern ihre Isla besuchen und sind stolz uns etwas von ihrer Heimat zeigen zu können. Während in Havanna, gerade in den bekannten Stadtteilen, viele Menschen eigentlich nur am Geld der Touristen interessiert sind, wird man hier gleich aufgenommen und ist irgendwie Teil der Insel. Das Interesse scheint mir nicht vorgetäuscht sondern echt. Besonders eindrücklich sind die Gespräche mit den Studierenden und Schülern. Die Studierenden der Pädagogischen Fakultät erzählen, dass sie Menschen mit Behinderung oder Alten in die Gesellschaft inkludieren und so ermöglichen wollen dass jeder einen Beitrag zur dieser leisten kann. Sie studieren um ihrem Land oder ihren Mitmenschen zu helfen, Patriotismus und Solidarität sind für sie selbstverständlich.  Die Schüler mit denen wir sprechen, fragen mich wie mir die Freiheit auf Kuba gefällt. Sie wissen anscheinend ganz genau welche Freiheiten, wie z.B. die Freiheit das Studieren zu können was sie möchten oder ein Staatliches Kostenloses Gesundheitssystem, ihnen ihr Land bietet. Es beeindruckt mich wie sehr die Jungen Kubaner hier mit ihrer Heimat verbunden sind. Alle mit denen ich spreche wollen auf der Insel wohnen bleiben. Havanna oder gar das Ausland ist für die jungen Menschen hier offensichtlich kein Ziel. Stattdessen scheinen alle hinter der Revolution zu stehen und wollen helfen ihr Land weiter aufzubauen. Und genau das macht die Isla so besonders. Hier erlebe ich einen Sozialismus wie ich ihn aus Havanna nicht kenne. Einen Sozialismus hinter dem alle stehen, der alle Menschen mit ins Boot holt, der im Herzen getragen und im Verhalten geteilt wird. Und der seine Versprechen hält, der der Bevölkerung teilhabe gewährleistet und die Versorgung sicherstellt.

Dieser Artikel ist von Esther.

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