Religion und Sozialismus: Modo Cubano

Jeder der sich bereits mit der Theorie des Sozialismus oder dessen Geschichte auseinandergesetzt hat, wird gemerkt haben, dass die Religion immer als Laster, als Gegenspieler der sozialistischen Gesellschaft wahrgenommen wurde. Auch auf Kuba wurde die Staatsideologie lange Zeit als unvereinbar mit der Religion angesehen, was sich beispielsweise darin manifestierte, dass sich Kuba offiziell als atheistischen Staat bezeichnete und Mitgliedern der Kirche der Eintritt in die kommunistische Partei verwehrt wurde. Doch die Zeiten haben sich auf Kuba geändert, 1992 wurde die Religionsfreiheit in der kubanischen Verfassung verankert und jede religiöse Diskriminierung explizit verboten. Der Papst hat nun zum dritten Mal den sozialistischen Karibikstaat besucht und sogar Staatsoberhaupt Raúl Castro erklärte – sicherlich etwas überspitzt – :

„Wenn der Papst so weitermacht, trete ich wieder in die Kirche ein.“

Der Frage, wie sich der philosophische Widerspruch zwischen Religion und Sozialismus und die aktuelle Koexistenz und Zusammenarbeit derselben auf Kuba erklären lässt bin ich in meinen ersten Wochen auf Kuba nachgegangen.

Philosophischer Widerspruch zwischen Religion und Sozialismus:

Wie verhalten sich unsere Gedanken über die uns umgebende Welt zu dieser Welt selbst?

Das Verhältnis des Denkens zum Sein, des Geistes zur Natur, ist die höchste philosophische Frage, die dessen Gelehrte in zwei große Lager spaltet. Erst wenn wir eine Vorstellung über dieses Verhältnis haben, können wir uns dem Widerspruch zwischen Religion und Sozialismus nähern.

Wenn davon ausgegangen wird, dass das Denken vor dem Sein steht, dann geht man von irgendeiner Form der Weltschöpfung aus. Auf dieser These basieren die meisten Religionen.

Demgegenüber stellt sich ein Lager, dessen weltanschauliche Basis die Erkenntnis ist, dass die Materie zuerst existierte und der Geist lediglich die materielle Welt organisiert wiedergäbe; das Sein also das Bewusstsein bestimmt. Diese Weltanschauung ist die philosophische Basis des Marxismus.

Diese beiden Philosophien stehen folglich im genauen Gegensatz zueinander. Weiterführend wird mit dem idealistischen Gegenlager also auch die gesellschaftliche Entwicklung zum und im Sozialismus gestört, da dieser in letzter Instanz einen materialistischen Grundkonsens in der Bevölkerung voraussetzt.

Dem hinzu kommt, dass die Religion den Menschen das illusorische Glück im Himmel schenkt und somit den Kampf, diesen Himmel auf Erden zu schaffen, hemmt. Diesbezüglich veranschaulicht Lenin den reaktionären Charakter der Religion ebenfalls sehr treffend: Wer sein Leben lang arbeitet und Not leidet, den lehrt die Religion Demut und Geduld auf Erden und vertröstet ihn mit der Hoffnung auf himmlischen Lohn. Wer aber von fremder Arbeit lebt, den lehrt die Religion, Wohltätigkeit auf Erden zu üben, womit sie ihm eine recht billige Rechtfertigung seines ganzen Ausbeuterdaseins anbietet und zu annehmbaren Preisen Billette für die himmlische Seeligkeit verkauft. Die Religion ist das Opium des Volkes. Die Religion ist eine Art geistigen Fusel, in dem die Sklaven des Kapitals ihr Menschenantlitz und ihre Ansprüche auf ein halbwegs menschenwürdiges Leben ersäufen.

Zusammenfassend kann man also behaupten, dass der Widerspruch auf zwei Säulen basiert:

1. In der Frage um das Verhältnis des Denkens zum Sein

2. In der Frage um den Anteil des Einzelnen an der Entwicklung der Gesellschaft

Geschichte der Religion auf Kuba:

Das Verständnis der Geschichte ist zwingendermaßen notwendig um das Verhältnis vom kubanischen Staat zur Religion und dessen Entwicklung in einen Kontext stellen zu können; die anfängliche Verfeindung entsprang nämlich weniger aus ideologischer Inkompatibilität, als viel mehr aus einem reinen Klassenwiderspruch.

Vor der Kolonialisierung existierte vor allem die indigene Bevölkerungsgruppe der “Taíno” auf der Insel. Über deren religiöses Verständnis besteht jedoch auf Grund ihrer vollkommene Ausrottung durch die spanischen Eroberer ab dem Jahre 1492 keine weitere Informationslage.

Nach besagter Eroberung begann eine rasche Christianisierung der Insel und die Herauskristallisierung eines mächtigen klerikalen Standes. Dieser klerikale Stand setzte sich aus Großgrundbesitzern und anderen reichen Spaniern zusammen.

Sobald auf Kuba in den 50er Jahren die revolutionäre Phase ansetzte und, wie Fidel sagte, “(…) ein sozial- ökonomischer Konflikt entstand, versuchten sie die Religion gegen die Revolution zu verwenden.” Dieser sozial- ökonomische Konflikt entstand durch den sozialistischen Charakter der Revolution, der die Enteignung der oft klerikalen Großgrundbesitzer und Reichen mit einschloss. Daraus folgte wiederum ein radikal reaktionärer klerikaler Stand, der sich interessens- und personalpolitisch als Schutzmacht der Bourgeoisie entpuppte.

In den 60er Jahren verschwand schließlich die katholische Kirche durch Verbote und Diskriminierung aus der Öffentlichkeit. Publikationen der Kirche wurden verboten und Kirchenmitgliedern wurde der Eintritt in die Partei untersagt. Als in den 80er  und frühen 90erJahren die Befreiungstheologie in der katholischen Kirche immer stärker an Einfluss gewann und das reaktionäre Verhalten der katholischen Kirche Kuba gegenüber abebbte, lockerten sich diese Verbote massiv; 1992 änderte Kuba seinen Status vom atheistischen Staat zu einem säkularen Staat, was die Verankerung der Religionsfreiheit und das Verbot religiöser Diskriminierung beinhaltete.                   

    

Koexistenz und Zusammenarbeit auf Kuba:

Die kubanische Revolution betrachtete die christliche Religion in ihren Grundsätzen schon immer als sozial und zu großen Teilen kongruent mit den Absichten ihrerselbst. Laut Fidel wäre Jesus ein großer Revolutionär gewesen. Er opferte sein Leben den Bescheidenen und Armen, er kämpfte gegen den Missbrauch, die Ungerechtigkeit und die Demütigung des Menschen. Die Essenzen seiner Predigten und der Sozialismus hätten sehr große Gemeinsamkeiten.

Nach knapp 2000 Jahren vorherrschender sozialer Demagogie und reaktionärem Handeln gab es in den 1980er Jahren unter progressiven Geistlichen, wie bspw. Frei Betto in der katholischen Kirche große Veränderungen. Die so genannte “Befreiungstheologie” hat in Lateinamerika an Einfluss gewonnen und den Kirchenapparat in ein roteres Licht manövriert.

Unmittelbar nach der kubanischen Revolution entwickelten sich in Brasilien die Grundzüge dieser Theorie, während in Lateinamerika die von den USA gestützten Militärdiktaturen die Arbeiter der unteren Schichten brutal unterdrückten und verwahrlosen ließen. Kritiker und Aufständische wurden inhaftiert oder getötet. Innerhalb dieser Szenerie begann sich also ein wachsender Teil der katholischen Kirche hinter die unterdrückten Massen zu stellen, was notwendigerweise die Beschäftigung mit der “sozialen Frage” und somit Kritik an den Besitz- und Herrschaftsverhältnissen bedeutete.                                                                                             

Die deutliche Mehrheit der Befreiungstheologen lehnt zwar die sowjetische Staatsausrichtung konsequent ab, sie reproduzieren jedoch ebenfalls vor Allem die sozialen Aspekte der Bibel, für deren Umsetzung sie den Sozialismus als notwendig erachten. Unumgänglich für diesen Schritt war die Erkenntnis, dass das Heil, das die Bibel verkünde, nicht mehr nur auf das Jenseits bezogen werden soll, sondern auf die gesellschaftliche Realität im Diesseits, wodurch eine wesentliche Mauer zwischen der katholischen Kirche und dem Sozialismus zerschlagen wurde.

Papst Franziskus, der erste lateinamerikanische Papst, hielt beispielsweise auffallend kapitalismuskritische Reden und lehnte sogar seine päpstliche Residenz im Vatikan ab um dem überzogenen Luxus abzudanken. Der Papst und der realexistierende Sozialismus haben momentan scheinbar viele gemeinsame Ziele und ein enges, freundschaftliches Verhältnis. Sie könnten zusammen stark gegen Armut, ungleiche Verteilung, Klimawandel, etc. arbeiten.

Ein weiterer Grund für die Annäherung der katholischen Kirche und des kubanischen Staates ist der Zusammenbruch des sozialistischen Lagers 1989/90, dessen Zusammenhang sich in der Notwendigkeit der Schaffung einer allumfassenden Miteinbeziehen der Bevölkerung und deren Vereinigung hinter der Revolution festmachen lässt, da die daraufhin folgende Spezialperiode gemeinsam überstanden werden musste.

Nicht zuletzt werden Teile der christlichen Bewegung auf Kuba von ihrem Verhalten aus als vorbildliche Sozialisten angesehen. Tugenden wie Brüderlichkeit, Hilfsbereitschaft und Einigkeit werden von diesen verkörpert und propagiert. Sie verbreiten schlichtweg die Werte, die den Sozialismus ausmachen, ohne die er nicht funktioniert. Die Zusammenarbeit mit der Religion ist also keineswegs eine Negation der marxistischen Philosophie, sondern vielmehr ein strategisches Bündnis aus der Notwendigkeit der vorherrschenden Situation Kubas.

Heutzutage arbeitet der kubanische Staat mit der katholischen Kirche freundschaftlich zusammen, die katholische Kirche ist die einzige außerstaatliche Organisation die über Medien verfügen darf, verfolgt als Institution ihre eigenen Interessen und mischt sich lediglich als neutraler Vermittler zwischen dem kubanischen Staat und der Opposition in die Politik ein. Im Gegenzug dazu lässt ihr der Staat entsprechende Freiheiten.

Mein Fazit ist folglich, dass die zunehmende Zusammenarbeit der Kirche und des kubanischen Staates folgende 3 Hauptgründe hat:

1. Der immer sozialer werdende Charakter der Kirche

2. Die Notwendigkeit der Miteinbeziehung aller Bürger während der Spezialperiode

3. Das Verhalten der Christen auf Kuba und deren Einwirken in die Gesellschaft

Eine friedliche Koexistenz ist momentan folglich zu bevorzugen gegenüber einer Diskriminierung oder eines Verbotes, auch wenn die Kirche aktuell eine Institution darstellt, welche in Einzelfällen Regimegegnern einen Raum der Organisation bietet.

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