Yo sí puedo – Ja, ich kann (Teil 1: Einflüsse der Alphabetisierungskampagne auf Bildung in Cuba heute)

Es war etwa Mitte Oktober. Ich erinnere mich, dass ich mich sehr freute, am nächsten Tag keine Uni zu haben und somit ausschlafen zu können, weil die letzten Tage sehr anstrengend waren. Doch hatte ich nicht damit gerechnet: Gegen 8 Uhr am Morgen falle ich fast aus meinem Bett weil unglaublich laute Musik von der Straße her dröhnt. Nachdem ich realisiert habe, dass es keinen Sinn hat, unter diesen Umständen zu versuchen weiterzuschlafen, stehe ich auf und suche meine Nachbarin auf, um sie zu fragen, was gerade passiert.

Diese fragt mich strahlend, ob das nicht schön ist, die Kinder aus dem gegenüberliegenden Kindergarten üben gerade für den „Día del Educador“ (Tag der Lehrenden), der jedes Jahr am 22.12. stattfindet. Sie üben die Texte der Lieder, die laut herüber schallen. Irritiert hoffe ich, dass sie dazu nicht allzu viel üben müssen. Doch während ich mir meinen Kaffee koche steigt gleichzeitig Neugierde in mir auf.
In den nächsten beiden Monaten wurde ich noch öfter an diesen Morgen erinnert, sei es, wenn ich wieder morgens aus dem Bett geholt wurde, oder wenn mir z.B. meine Nachbarin von den Vorbereitungen für den Tag erzählte. Aber was hat es mit diesem Tag auf sich?

El Día del Educador

An diesem Tag steht das Bildungssystem hier quasi auf dem Kopf. Es gibt Veranstaltungen jeglicher Art. Kinder präsentieren Vorführungen bei denen die Eltern als Zuschauende eingeladen sind, den Lehrenden werden Kleinigkeiten geschenkt. Aber dies findet nicht nur in den „normalen“ Schulen statt. Auch ein Freund von mir, der gerade in einer Abendschule Englisch lernt, erzählte mir von dem Fest, das an diesem Tag in der Schule veranstaltet wurde. Alle brachten etwas Leckeres mit, Musik, ein bisschen Rum und so wurde dieser Tag zelebriert.
Im Bus und auf der Straße traf ich an dem Tag viele Eltern mit ihren Kindern, die von ihren Vorführungen rausgeputzt und geschminkt waren, an; aber auch viele Erwachsene, die sehr schick gekleidet waren. Und wie habe ich diesen Tag zu Ehren aller Lehrenden verbracht?

Die Alphabetisierungskampagne

Mit unserer Geschichtslehrerin waren wir eine Woche vor diesem Tag im „Museo de la Alfabetización“ (Museum der Alphabetisierung). Dort lud uns die Museumsdirektorin zur Prämiere einer Dokumentation über die Alphabetisierungskampagne ins Kino ein:

Neun Monate nach dem Sieg der Revolution in Cuba, erklärte Fidel Castro vor den Vereinten Nationen:

„Cuba será el primer pais de América que a la vuelta de algunos meses pueda decir que no tiene un solo analfabeto.“ (Cuba wird das erste Land Amerikas sein, das innerhalb von einigen Monaten sagen kann, dass es keinen einzigen Analphabeten mehr gibt.)

Mit diesen Worte reihte er sich in die Tradition des Denkers und Nationalheldens José Martís ein, der schrieb „Ser culto para ser libre“ (Der Mensch muss gebildet sein um frei zu sein). Zu dieser Zeit gab es in Cuba eine Analphabet*innenrate1 von 23,6%, v.a. die ländliche Bevölkerung hatte keinen Zugang zu Schulen und war sehr ungebildet.

Bereits im Jahr 1960 gingen v.a. freiwillige Frauen in die Sierra Maestra, um dort lesen und schreiben zu lehren. Im Januar 1961 begann dann die offizielle Alphabetisierungskampagne (die am 22.12 des selben Jahres, dem heutigen „Día del Educador“ endete). Insgesamt 105664 Schüler*innen und Studierende v.a. im Alter zwischen 10 und 16 Jahren aus den Städten nahmen freiwillig als Brigadist*innen an der Kampagne teil. 52% dieser jungen Menschen waren Frauen, der jüngste Brigadist war 8 Jahre alt. Nach einem 10-tägigen Crashkurs in Varadero und der Übergabe zweier Uniformen, von Stiften und Heften zogen diese jungen Menschen in die ganze Insel aus um dort ihre Mission zu erfüllen. Diese bestand neben dem Vermitteln von Lese- und Schreibkenntnissen auch darin, die Landbevölkerung über die Ziele und Ideen der jLuisa und Lampe1xcf_klein_mit Schriftungen cubanischen Revolution aufzuklären. Auf dem Lande lebten sie zusammen mit Bauer- und Landarbeitendenfamilien und unterstützten diese tagsüber bei ihrer täglichen Arbeit. Nachts, nach Einbruch der Dunkelheit, wurden die chinesischen Gaslaternen, die später zum Symbol für die Alphabetisierungskampagne wurden, angezündet und die jungen Menschen lehrten ihren Gastgeber*innen lesen und Kinder, die in der Stadt aufwuchsen, stellten sich nicht nur der großen Aufgabe des Lehrens, sondern wurden dabei auch mit dem ärmlichen Lebensstil der Landbevölkerung und deren einseitigen und ungewohnten Diät konfrontiert. Weiterhin kostete es die jungen Menschen sicherlich oft viel Mühe, den Respekt der häufig älteren Lernenden zu erhalten, damit ein konstruktives Lehr-Lernverhältnis entsteht. Zweifelslos keine einfache Aufgabe!

Zjung und alt_3 Bilder_kleinusätzlich zu den Schüler*innen und Studierenden kamen noch ca. 14000 freiwillige Arbeitende, die Lesen und Schreiben in den Städten lehrten, so dass es in diesem Jahr insgesamt mehr als 268000 freiwillige Alphabetisierende gab.
Die älteste Teilnehmerin, die durch die Kampagne alphabetisiert wurde, war zu dieser Zeit 102 Jahre alt.

Doch die Durchführung der Kampagne und das Erreichen des von Fidel Castros gesetzten Zieles verliefen nicht ganz reibungslos.

Dieser Artikel ist von Julie. Hier geht es zu weiteren Artikeln von ihr. Über die Herausforderungen bei der Kampagne sowie die weitere Entwicklung wird im zweiten Teil („Einfluss der Alphabetisierungkampagne auf das Herausbilden der revolutionären und solidarischen Identität einer Generation“) in wenigen Tagen berichtet werden.

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3 Gedanken zu “Yo sí puedo – Ja, ich kann (Teil 1: Einflüsse der Alphabetisierungskampagne auf Bildung in Cuba heute)

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