Das Einfache, das schwer zu machen ist

Sozialismus im Alltag

„Sozialismus bedeutet Gerechtigkeit. Keiner hat hier etwas. Da sind wir alle gleich.“ Ohne mit der Wimper zu zucken, oder die Stimme zu senken, wie es so gerne in den westlichen Medien dargestellt wird, antwortet mir meine Nachbarin auf die Frage, was für sie Sozialismus bedeutet. Eine Antwort, die wohl jeder Spitzenpolitiker in Deutschland mit einem zustimmenden Nicken bestätigen würde. Hört man in den Industrienationen doch so oft von der prekären Situation der Bevölkerung sozialistischer Staaten, die kein Eigentum besäße, da alles in staatlicher Hand zentral verwaltet werde und somit keine Möglichkeit bestehe, durch harte Arbeit an Besitz und Reichtum zu gelangen. Es wird sogar häufig so weit gegangen von einer Gesellschaft zusprechen, in der die Menschen um ihr Überleben kämpfen, anstatt zu betonen, dass beispielsweise im sozialistischen Cuba eine Grundversorgung gewährleistet wird, von welcher man in vielen Entwicklungsländern nicht einmal zu träumen wagt. Eine Grundversorgung, die nicht nur Lebensmittel beinhaltet, sondern auch ein kostenloses Gesundheits- und Bildungssystem.

Abschaffung des Privateigentums?

Es ist jedoch wahr, dass im Sozialismus das private Eigentum an den fundamentalen Produktionsmitteln abgeschafft wird. Doch wer besitzt denn eben dieses? Und hierbei sprechen wir nicht von einem Fernseher, einer Waschmaschine oder einem Fahrrad, sondern von Gütern, die dazu dienen Profit zu machen. Die Lohnarbeit des Proletariers im Kapitalismus schafft ihm kein Eigentum, sie schafft Werte, die sich der Kapitalist aneignet. Die große Mehrheit hat also gar keinen Anteil an dem Reichtum, den sie herstellt. Der Lohn, den der einfache Arbeiter nach Hause bringt, ist meist so gering, dass er lediglich zur Reproduktion, also zum Überleben dient. Jetzt mag der ein oder andere vielleicht einwerfen wollen, dass er sich sehr wohl einen Kurztrip nach Mallorca leisten kann, obwohl er sich selbst zur arbeitenden Klasse zählt. Das stimmt, doch auch diese Vergütung dient  zunächst zur Reproduktion, denn ohne Erholung kann der Arbeiter nicht ausreichend produktiv sein. Außerdem stellt dieses zusätzliche Privileg eine Möglichkeit dar, die Bevölkerung entwickelter Staaten von Unruhen fernzuhalten, die meistens dann ausbrechen, wenn die Situation der arbeitenden Klasse dem Existenzminimum gefährlich nah kommt. Deswegen werden gerade Menschen in der industriellen Produktion besonders gut bezahlt, weil sie im Gegensatz zu Dienstleistenden, den großen Konzernen durch Streiks erhebliche Schäden zufügen könnten. Alle Rechte, Arbeitszeitverkürzungen und Lohnerhöhungen die über das absolut notwendige hinausgehen, wurden außerdem von der Arbeiterklasse hart erkämpft. Der Reichtum, der von den Arbeitern geschaffen wird, ist ein Produkt vieler, er kann nur durch die Zusammenarbeit der gesamten Gesellschaft hergestellt werden. Kommt es nun zu einer Vergesellschaftung, wie auf Cuba, geht das private Eigentum an den Produktionsmitteln in gesellschaftliches über, es wird also in die Hände seiner rechtmäßigen Besitzer zurückgeführt, nämlich in die Fäuste der schaffenden Klasse. Auf der Karibikinsel sollen alle von den Erzeugnissen der Arbeit profitieren.

Freiheit durch Veränderung der Eigentumsverhältnisse

Desweitern heißt es so oft, dass es in einem sozialistischen Land keine Freiheit gibt. Doch um welche Freiheit geht es? Im Kapitalismus ist das Kapital selbstständig und frei, der Arbeiter nicht. Durch die Kontrolle der Produktionsmittel , erlangt der Arbeiter seine Freiheit, was eine planmäßige Produktion und somit das Eingehen auf die Bedürfnisse der Menschen impliziert.  Das Kapital und somit der Bourgeois verliert sie jedoch. Deshalb wird oft von einer Aufhebung der persönlichen Freiheit  und Entfaltungsmöglichkeit gesprochen, was in Wirklichkeit  das Gegenteil bedeutet. Schon Bertolt Brecht hielt dies in seinem Gedicht Lob des Kommunismus fest:“… Die Ausbeuter nennen ihn ein Verbrechen. Aber wir wissen: Er ist das Ende der Verbrechen. …“ Diese Erkenntnis besitzt auch der Verkäufer, der seinen kleinen Rollwagen mit diversen süßen und salzigen Naschereien aus Erdnüssen, regelmäßig an der Bushaltestelle vor der CUJAE, der Universität, an der wir studieren, aufbaut. Er spricht vom Sozialismus auf Cuba als eine Veränderung der Eigentumsverhältnisse. Für ihn bedeutet es ein demokratisches System, das die Möglichkeit bietet  das Volk sprechen zu lassen. Keiner besitzt alles, alle besitzen alles. Die Bedürfnisse werden beachtet, das macht den Sozialismus für ihn aus. „Sieht man dieses Resultat als Konsequenz,…“ erklärt er, „…versteht man, was wir hier versuchen umzusetzen.“ Er ist nicht der einzige, der eine riesige Chance in diesem System sieht. Auch viele Lehrkräfte und Angestellte der CUJAE haben eine hohe Meinung vom Sozialismus. Beispielsweise drückt er für William, einen Lehrer der Sozialwissenschaften, die Möglichkeit aus, die Kontinuität der menschlichen Spezies zu gewährleisten. Ein Synonym für Freiheit, Rechte und für das Gefühl historisch sein zu müssen, um menschlich zu sein.

Bildung für alle

Sehr interessant sind die ausgereiften, persönlichen Definitionen vom Sozialismus, die ich höre, als ich beginne die Menschen immer wieder danach zu fragen. Mir fällt besonders auf, dass es dabei ganz egal ist, ob ich mich mit einem Professor, einem Studenten oder einer Waschfrau unterhalte. Sie alle haben eine hervorragende schulische Bildung genossen und es kommt nicht selten vor, dass der Gemüsehändler unter seinem Tresen philosophische Werke studiert, wenn er gerade keine Kunden hat. Ein Resultat des realumgesetzten Sozialismusaufbaus Cubas, das jedem eine ausgezeichnete Bildung garantiert und versucht die sozialen und ökonomischen Unterschiede zwischen den verschiedenen Berufsgruppen so klein wie möglich zu halten.

Gleichheit, Solidarität und Gerechtigkeit

Im Sozialismus wird das Leben unter den Gesichtspunkten Gleichheit, Solidarität und Gerechtigkeit gestaltet. Merkmale, die auch für Lena, eine Sekretärin, ausschlaggebend sind: „Es ist eine real gewordene/umgesetzte Solidarität zwischen und mit allen Menschen. In einem sozialistischen System wird sich um die Menschen gekümmert, man ist für sie da. Alle haben die gleichen Rechte und Pflichten, was im Kapitalismus nicht der Fall ist. Wir müssen zwar noch viel arbeiten, aber das bringt uns vorwärts. Der Sozialismus ist sehr menschlich. Alle haben die Möglichkeit sich gleichermaßen zu beteiligen.“ Ihre Kollegin nickt zustimmend und fügt hinzu: „Sichere Arbeit, ein gewährleistetes Gesundheitssystem, Bildung, Sicherheit für die Familie. Alles in allem eine grundlegende Versorgung der wichtigsten Sachen im Leben. Einige Dinge könnten etwas besser sein, aber das sind nur Kleinigkeiten. Schließlich hat alles –jedes System- seine Probleme und mit den Aktualisierungen werden wir versuchen in unserem System diese zu beheben.“ Catuca, eine Frau, die in dem Wohnheim für internationale Studenten auf dem Campus der CUJAE arbeitet, legt ihren Schwerpunkt auf die weltweite Solidarität. Für sie ist es besonders wichtig, dass niemand ausgeschlossen wird und jedem eine Hand gereicht wird, der sie benötigt. „Sozialismus bedeutet nicht nur an sich selbst zu denken, sondern offen zu sein. Wichtig ist auch die Solidarität gegenüber und mit Ausländern, damit sie dieses Gefühl in ihre Länder tragen können. Nur wer es praktisch erfährt, weiß, was es wirklich bedeutet. Man kann es nicht in Büchern erfahren. Dafür müssen wir alles geben. Wir sind eine Einheit. Das müssen wir auch unbedingt in der Zukunft bleiben, denn ohne Einheit sind wir nichts, können wir nichts schaffen und erreichen.“ So lauten ihre rührenden Sätze.

Theorie und Praxis

Doch natürlich findet nicht jeder nur lobende Worte. Auch kritische Bemerkungen sind dabei. So empfindet ein Pizzaverkäufer aus meiner Nachbarschaft den Lohn, der ihm gezahlt wird als unzureichend und beschwert sich, dass er so viel arbeiten muss, um sich Lebensmittel, die nicht auf die Libreta zu erhalten sind, zu kaufen. Hier darf die Geschichte der Insel nicht vergessen werden. Bis vor der Revolution 1959  war Cuba ein Land, das von Kolonialmächten ausgebeutet wurde, ein Land, in dem die Bevölkerung vor allem in den ländlichen Gebieten verhungerte. So ist es eine große Errungenschaft, dass heutzutage niemand mehr einer Gefahr wie dieser ausgesetzt ist, was im Vergleich zu Nachbarinseln nicht der Fall ist. Doch leider lag es auch bis heute außerhalb Cubas Möglichkeiten seine strukturelle Unterentwicklung zu überwinden. Die Hauptursache dafür ist die Blockade der USA. Mehrmals bekomme ich auch die Unzufriedenheit über den Unterschied zwischen der Theorie und Praxis zu hören, wie beispielsweise von Ricardo, der in der spanischen Botschaft arbeitet. Ebenso Tatjana, eine Russin, die seit 1975 auf Cuba lebt und die finanziellen Unterschiede, die es auf Cuba gibt, die laut Theorie jedoch nicht existieren sollten, bemängelt. Sie ist sich jedoch trotz kleinerer Mängel sicher, dass sie nicht im Kapitalismus leben möchte, „…da sie in diesem System eine Sklavin der kapitalistischen Werte und Normen, des Imperialismus wäre.“ Der Sozialismus ist nun einmal, um Bertolt Brecht erneut zu zitieren, „…das Einfache, das schwer zu  machen ist.“ Doch dieser schwere Weg führte Cuba zu einem humanen System, das sich nicht von den Aggressionen der kapitalistischen Mächte einkriegen lässt und sich weiterhin für ein würdevolles Leben aller Menschen einsetzt.

Dieser Artikel ist von Lotto, hier geht es zu anderen Artikeln von ihr.

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4 Gedanken zu “Das Einfache, das schwer zu machen ist

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