Solidarität wird mit Taten geschrieben

Cuba und der Kampf gegen Ebola

Ja, wir reden noch immer über Ebola, denn auch wenn immer weniger davon berichtet wird bedeutet das nicht, dass es weniger aktuell sei. Das Virus weist eine Todesrate von 49,4% auf. Bisher sind laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) mehr als 5100 Menschen an den Folgen einer Infektion mit dem Ebola-Virus in verschiedenen Ländern, vor allem in Sierra Leone, Guinea, und Guinea Conakry gestorben und zahlreiche Menschen vom behandelnden Personal infiziert.  Das Kernproblem  ist, dass es nach wie vor zu wenig Spezialisten vor Ort gibt, um die  Ausbreitung des Virus effektiv zu bekämpfen. Es wird derzeit in mehreren Ländern intensiv an einem Medikament gegen Ebola geforscht. Die WHO rief bereits im August die Länder der Welt zur Unterstützung auf, woraufhin der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages beschloss, die deutsche Ebola-Hilfe von 17 auf 102 Millionen Euro aufzustocken. Soweit die Ausgangssituation.

Aber was hat das nun eigentlich mit Cuba zu tun?

Auf dem außerordentlichen Gipfel des lateinamerikanischen Staatenbündnisses ALBA (Bolivarische Allianz für die Völker unseres Amerika) am 30. Oktober 2014, äußerte sich Raúl Castro wie folgt: ,,Ich bin davon überzeugt dass, wenn dieser Bedrohung in Westafrika nicht Einhalt geboten und sie dort nicht in einer sofortigen internationalen Reaktion besiegt wird, die wirksam, mit genügend Ressourcen ausgestattet und von der Weltgesundheitsorganisation koordiniert ist, sie sich in eine der schlimmsten Pandemien in der Geschichte der Menschheit verwandeln kann. Dieses edle und drängende Ziel erfordert die Anstrengung und die unerlässliche Verpflichtung aller Nationen der Welt, entsprechend den Möglichkeiten jeder einzelnen von ihnen. Wir sind der Auffassung, dass jegliche Politisierung dieses schwerwiegenden Problems, die uns vom eigentlichem Ziel wegführt, nämlich der Hilfe bei der Bewältigung dieser Epidemie in Afrika und der Vorbeugung in anderen Regionen, vermieden werden muss.“

Castro spielt damit nicht zuletzt auf die zahlreichen Vorwürfe der westlichen Medien an, die mit einer erneuten anticubanischen Hetzkampagne versuchen, die Taten Cubas in ein schlechtes Licht zu rücken. Zusätzlich bekräftigte er den Willen zur Zusammenarbeit Cubas  mit allen Ländern, inklusive den USA, mit denen Cuba schon seit einem halbem Jahrhundert in Feindschaft lebt. Castro stellt damit den Einsatz gegen Ebola in den Mittelpunkt, statt sich auf die zerstörende Kritik der Medien einzulassen.

Während viele Länder finanzielle Unterstützung leisten, nimmt Cuba mit seinen Maßnahmen eine Sonderstellung ein, in dem es als einziges Land neben ein paar NGOs (Nicht Regierungs Organisationen) das anboten, was laut Experten am meisten von Nöten war und ist: Mit technischer Unterstützung der WHO schickten sie eine Brigade, bestehend aus 165 auf Ebola spezialisierte Medizinern, nach Westafrika um effektiv vor Ort die Ausbreitung dieses hochansteckenden Virus zu bekämpfen. Fidel Castro gab hierzu folgende Erklärung ab: „Es hat unser Land nicht eine Minute gekostet, den internationalen Hilfsagenturen zu antworten, die Unterstützung im Kampf gegen diese brutale Epidemie anforderten.“ Die Brigade arbeitet ebenfalls an einem Aktionsplan, der neben der Behandlung, auch Präventionsmaßnahmen vorsieht. Die Einsätze sind stets von längerer Dauer, das heißt ca. 2 Jahre, wobei im Bedarfsfall entgegen anderer Behauptung der Medien, Mediziner ausgetauscht werden. Das heißt, dass sie sehr wohl bei einer möglichen Infektion die bestmögliche Behandlung angeboten bekommen und in Notlagen zurückkehren können.

In einem Artikel, in der  cubanischen Zeitung Granma wurde die Strategie des cubanischen Gesundheitsministers erläutert:

,,Morales Ojeda erklärte die von Cuba entwickelte Strategie, um den Eintritt der Krankheit und falls nötig, ihre Ausbreitung zu verhindern, die auf Überwachung, Prävention, Aufmerksamkeit und Biosicherheit basiert. An ihr sind alle Bereiche der Gesellschaft beteiligt. …. Parallel dazu sind Maßnahmeprotokolle für Verdachtsfälle und intensive Kontrollmaßnahmen der Ansteckungsherde sowie Maßnahmen für die Schulung der Mitarbeiter und der Bevölkerung angenommen worden. …. Darüber hinaus trainierte es die an der Antwort Cubas auf den Aufruf der WHO beteiligten Mitarbeiter, das diplomatische Personal, die Kooperanten und anderes cubanisches Personal in den betroffenen Gebieten.“

Welches Verständnis hat Cuba von Gesundheit?

Es ist zudem  eine Aufstockung des medizinischen Personals um 300 Personen in naher Zukunft geplant. Damit stellt Cuba das größte ausländische medizinische Kontingent vor Ort im Kampf gegen Ebola. Grundsätzlich hat Cuba derzeit mehr medizinisches Personal im Ausland als alle restlichen Staaten zusammengenommen. Das Engagement der Cubaner spiegelt die Grundsätze wieder, die auch dem eigenen Gesundheitssystem zu Grunde liegen, in dem die Inanspruchnahme medizinischer Maßnahmen als fest verankertes Menschenrecht festgehalten wurde und nicht eine Frage des Kontostands ist.*

Im Jahr 1959 stand Cuba fast ohne Ärzte da. Nahezu die Hälfte des gesamten medizinischen Personals siedelte nach Miami um, in der Hoffnung nach dem baldigem Ende der Revolution zurückkehren zu können. So konnte der Staat nur noch mit 3000 Doktoren rechnen. Um wieder ein funktionstüchtiges Gesundheitssystem auf die Beine zu stellen, wurde viel investiert. Das ergibt sich aus den Prioritäten der Gesellschaft und den Maßnahmen der Regierung, die sie vertritt. Cuba investiert zweimal so viel seines Bruttoinlandsproduktes (BIP) in Ausbildung und Gesundheitsvorsorge, als der Rest Lateinamerikas. Bei einem Besuch auf Cuba gab der amerikanische Ex-Präsident Carter folgendes Statement ab: „Cuba hat ein herausragendes System der Gesundheitsvorsorge und der Ausbildung. (…) Diese Errungenschaften sind wirklich unglaublich und hervorragend. Sie haben Standards, die besser sind als in vielen anderen Ländern der Welt, und das haben Sie unter sehr beschwerlichen Umständen erreicht.“

Es werden sowohl bei den Einsätzen als auch bei der Behandlung der Cubaner meist eigene Präparate verwendet, da Cuba in der Lage ist, 80% des Bedarfs aus eigener Produktion zu decken. Durch die Wirtschaftsblockade der USA ist es Cuba unmöglich, bestimmte Medikamente oder medizinische Produkte auf dem Weltmarkt einzukaufen, weshalb es darauf angewiesen ist, eine eigene Herstellung abzusichern. So konnte Cuba in den vergangenen Jahrzehnten,nicht nur Medizin für den eigenen Bedarf entwickeln, sondern in bestimmten Forschungsbereichen eine weltweit führende Rollen einnehmen.
Welche Rolle nimmt Cuba im Weltgeschehen ein?

Die Hilfe in den Ebola-Gebieten ist kein Sonderfall, derzeit leistet Cuba in 25 Ländern Amerikas humanitäre Hilfe. Es arbeiten 45 952 medizinische Fachleute, davon 23 158 Ärzte aus Cuba, zusammen mit den Medizinern der jeweiligen Bevölkerung an der Prävention und Eindämmung verschiedenster Krankheiten. Zusätzlich wurden in den letzten 15 Jahren 23 944 Ärzte lateinamerikanischer Länder an cubanischen Universitäten ausgebildet und Cuba versendete Ärzte nach Venezuela, um dort Medizinstudierende auszubilden. Auch in der Krisensituation Ebola kümmert sich Cuba nicht nur um die Ausbildung der eigenen Ärzte, sondern auch der Nachbarländer. Wie vor kurzem bekannt wurde, sicherte ebenfalls Venezuela schnelle Hilfe zu, in dem sie ein Team von 25 Ärzten nach Havanna schickten. Sie werden dort mit cubanischen Kollegen  zusammen ausgebildet, um später in befallene Staaten entsandt zu werden.  Dies ist eine von vielen Maßnahmen des Staatenbündnisses ALBA, welches auf die Initiative der ehemaligen Präsidenten Fidel Castro und Hugo Chavez gegründet wurde.

Cuba leistet bereits seit Jahrzehnten Hilfseinsätze in den unterschiedlichsten Ländern der Welt, in den unterschiedlichsten Krisensituationen und verzichtet auf jede Gegenleistung. Ob es die schnelle Entsendung von Hilfskräften in US-amerikanische Hurrikane-Gebiete oder die Reaktion nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti betrifft, Einsätze von Professoren und Lehrern in anderen lateinamerikanischen Ländern oder eben aktuell die Brigaden in den Ebola-Gebieten: solche Maßnahmen haben eine lange Geschichte die bis in die ersten Jahre der Revolution zurückreicht.

Doch wie fällt die Reaktion auf Cubas Engagement aus?

Schon seit der Anfangszeit der Revolution sieht sich die cubanische Regierung mit Diffamierungsversuchen anticubanischer Organisationen und einer einseitigen Berichterstattung konfrontiert. So gibt es neben Falschmeldungen auch viele Gerüchte, die gezielt gestreut werden, um keine Gelegenheit auszulassen, Cuba als Schurkenstaat zu brandmarken. Dementsprechend wurde das cubanische Engagement von Anfang an mit hämischen Gerüchten und böswilligen Behauptungen begleitet.

Beispielsweise berichtete die Online-Zeitung „Diario de Cuba“, die sich nicht selten durch anticubanische Hetze hervortut, dass die cubanischen Ärzte verpflichtet seien, ein Formular auszufüllen, welches besagen würde, dass infizierten Helfern das Recht untersagt sei, wieder in die Heimat zurückzukehren.  Als sich der cubanische Mediziner Felix Baez Sarria mit dem Ebola Virus infizierte und zur Behandlung ins Uni-Spital in Genf gebracht wurde, war klar wie die nächste Schlagzeile auszusehen hat.  Die Tatsachen stehen dem jedoch entgegen. Die WHO bot allen beteiligten Ländern im Kampf gegen Ebola an, die bestmögliche Behandlung auf Kosten der UN abzusichern, das heißt, wo die Aussichten auf eine baldige Genesung am wahrscheinlichsten sind. Ein weiterer Grund für diese Vorgehensweise ist, dass Cuba, nicht über die extrem kostspielige technische Ausrüstung verfügt, wie zum Beispiel Patientenzimmer mit Unterdruck, die eine getrennte Luftzirkulation von der Umgebung garantieren würden. Der cubanische Arzt ist am 06. Dezember 2014 nach Havanna zurückgekehrt. Am internationalen Flughafen von Havanna sagte er in einer Pressekonferenz: „Ich werde zurückkehren und beenden was ich angefangen habe.“ Diese Tatsachen hielten jedoch die internationale Presse nicht davon ab, Meldungen wie „Landesverweis wegen Ebola“ (Zürcher Tages-Anzeiger) zu drucken. Der Tenor ist klar, es darf einfach keine vorbehaltlose und positive Meldung über die kommunistische Karibikinsel geben. Wer die deutsche Presse aufmerksam mitverfolgt, wird auch hier fündig. So titelte die „alternative Tageszeitung“: „Einsatz ohne Rückkehrrecht“. Als Quelle wurde hierbei „Diario de Cuba“ angeführt. Offenbar wurde die Mitteilung schlichtweg übernommen, ohne den Wahrheitsgehalt zu prüfen. Auf diese Weise verbreiten sich oft Lügen und Halbwahrheiten und so entstehen Meinungen auf Grund falscher Tatsachen, was sich im Verhältnis der Menschen auf gesellschaftlicher oder eben staatlicher Ebene untereinander widerspiegelt.

Es soll der Eindruck entstehen, als würden die cubanischen Ärzte gegen ihren Willen, auf politischen Druck hin, in die Krisengebiete reisen, ihr Leben riskieren und dann nicht ein Mal zurückkehren dürfen, wenn sie sich infizieren sollten – ein Horrorszenario aus dem Bilderbuch. Hinzu kommt, dass das Vorgehen Cubas als Menschenhandel bezeichnet wird, weil ein Großteil des Gehalts, dass alle Ärzte von der WHO erhalten, an den cubanischen Staat geht, während die cubanischen Ärzte nur einen Bruchteil davon behalten dürfen. Das gleiche Argument wird gebracht, wenn Venezuela im Austausch zur Ausbildung medizinischer Fachkräfte Cuba venezolanisches Erdöl liefert.  Dies ist für die Insel überlebenswichtig, während Venezuela auf die Unterstützung Cubas angewiesen ist ,bei der Ausbildung ihrer Ärzte – eine win-win-Situation also. Wäre da nicht das angebliche Leid der Ärzte, die benutzt werden damit der Staat daraus vermeintlich ein Milliardengeschäft schlägt. Dabei ist wichtig zu sehen, dass sich der Staat das Geld nicht etwa in die Tasche steckt sondern es im Sinne der Gesellschaft einsetzt: Während in den meisten Ländern der Welt die Schere zwischen Arm und Reich immer größer wird, versucht Cuba weiterhin seiner Bevölkerung einen annähernd ähnlichen Lebensstandard zu ermöglichen. Dahinter steht, dass jeder Einsatz für die Bevölkerung entscheidend ist und nicht einige wenige Tätigkeiten wichtiger sind als andere. Die Ärzte, die in die Krisengebiete fliegen, bekommen einen wesentlich höheren Lohn, als der Durchschnitt der cubanischen Bevölkerung, auch nach Abzug dessen, was der cubanische Staat für die Umverteilung nutzt. Oscar Martinez, stellvertretender Vorsitzender des außenpolitischen Ressorts der kommunistischen Partei Cubas, erklärte uns, dass es auf Grund solcher Auslandseinsätze möglich gewesen ist, Anfang des Jahres die Gehälter aller Mediziner im Land um 100% zu erhöhen.  Denn diese Ärzte leisten einen wichtigen für das gesamtgesellschaftliche Wachstum – und zwar freiwillig. Es hatten sich nach dem ersten Aufruf der cubanischen Regierung wohl ein Vielfaches an Freiwilligen gemeldet, als überhaupt hätte entsendet werden können.

Dieses humanitäre Engagement, der einzelnen Menschen, aber auch des gesamten cubanischen Staates, sollte uns allen Ehrfurcht und Respekt abverlangen, anstatt zu einer Politisierung des Problems und der erneuten Diffamierung Cubas zu führen. Es ist leider Fakt, dass die westlichen Medien davon ablenken wollen, dass in ihren Ländern dem privaten, materiellen Wohlstand mehr Wert beigemessen wird, als einem Menschenleben. Doch Cuba wird an diesem Prinzip festhalten und sich nicht davon abringen lassen, trotz seiner ökonomischen Schwäche, eine humanitäre Stärke zu zeigen. Man darf gespannt sein wie sich die aktuelle Entwicklung Cubas und den USA gestaltet, auf jeden Fall hätte sie zumindest theoretisch viel Potential, nicht nur im Kampf gegen Ebola.

Hier kommst du zu mehr Artikeln von Kolja.

 

* Dazu mehr in Tobis Artikel über seine Erfahrungen mit dem cubanischem Gesundheitssystem.

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6 Gedanken zu “Solidarität wird mit Taten geschrieben

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